16.11.2017

Heavy User vs Couch Potatoes

Jules und Jim
Ins Kino geht man am liebsten zu zweit. Hier: (500) Days of Summer

Warum die Programm­kinos gerade (fast) die Mulit­plexe abhängen – eine aktuelle Studie der FFA und ein Papier für den Koali­ti­ons­ver­trag geben Auskunft

Von Dunja Bialas

Kultur­pes­si­mismus first. So wie Lars Henrik Gass in seinem soeben neu aufge­legten Buch »Film und Kunst nach dem Kino« fest­stellt, verschwinden die Filme aus dem Kino. Die Digi­ta­li­sie­rung der Kinos (einher­ge­hend mit dem Verschwinden des Zellu­loids und der Kopier­werke) muss als Wende­punkt der Film­aus­wer­tung gelten. Filme, die jetzt als Datei auf den großen Kino-Servern abge­spielt werden, stehen von Anfang an für ihre schnelle Auswer­tung im Internet bereit. Seitdem verhält sich das Zeit­fenster der Kino-Auswer­tung wie eine schmale Dachluke. Kaum hat man einen Film erspäht, klappt das Fenster schon wieder zu. Das gilt insbe­son­dere für das Arthouse-Segment mit den künst­le­risch und inhalt­lich anspruchs­vollen Werken. Die Programm­kinos, die diese Filme spielen, haben meist nur einen bis drei Säle und müssen also einen Film hin- und herschieben oder ganz aus dem Programm nehmen, um anderen, nach­drän­genden Filmen den Platz zu machen. Weder die Verleiher noch die Kinos haben außerdem ein nennens­wertes Marketing-Budget, so dass viele Filme auch schlichtweg verpasst werden.

Bei den Block­bus­tern hingegen steht das Zeit­fenster so weit offen wie ein Multiplex-Gara­gentor. Bei ihnen will das Verwer­tungs­fenster einfach nicht zugehen, und sie verstopfen über Wochen das Kino­pro­gramm. Wie der deutsche Zuschau­er­mil­lionär Fack ju Göhte in seinen ersten beiden Durch­gängen oder seit den Siebziger Jahren die Star Wars-Filme. Das Auswer­tungstor wird von den Verlei­hern – bisweilen mit Auflagen, die die Kino­be­treiber nicht mehr Herr im eigenen Hause sein lassen – so lange aufge­halten, bis auch der letzte inter­es­sierte Besucher den Block­buster sehen konnte. So wird es dann auch im Dezember wieder sein, wenn Star Wars pünktlich zur Vorweih­nachts­zeit (die übers Jahr gesehen besu­cher­s­tärkste Kinozeit) in die 8. Episode startet.

Renais­sance der Programm­kinos

Während sich das Film­ka­rus­sell also einer­seits immer schneller dreht, kommt es anderswo fast zum Still­stand. Der vorder­grün­dige, finan­zi­elle Erfolg gibt dieser frag­wür­digen Praxis ausnahms­weise aber einmal nicht Recht. Zumindest nicht, wenn man betrachtet, was dies auf längere Sicht für die Abspiel­stätten meint, wie jetzt eine aktuelle Studie der Film­för­de­rungs­an­stalt (FFA) bekannt gemacht hat.

Im September vermel­dete die FFA in ihrer jährlich durch­ge­führten Umfrage »Programm­kinos in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land und das Publikum von Arthouse-Filmen« einen Rückgang der Kino­be­su­cher von insgesamt dreizehn Prozent: achtzehn Millionen weniger Besucher gingen im letzten Jahr ins Kino. Das ist enorm und lässt unschwer folgern, dass das Kino auf dem Verlie­rer­posten steht, was die Film­aus­wer­tung anbelangt. Das ganze Kino? Nein, ein kleines Segment hält sich tapfer gegen den Angriff von Netflix & Co. Es ist, richtig, das Arthouse-Segment. Im Vergleich zu dem mons­trösen Rückgang beim Kino­be­such insgesamt verzeichnet es ein Minus von 1,6 Prozent. Das ist natürlich auch nicht schön. Aber es fällt auf, weil es so wenig ist.

Statt mit einem Kinosterben scheinen wir es hier mit einer Renais­sance zu tun zu haben. Die Programm­kinos haben seit letztem Jahr fast vierzig Leinwände mehr, was sich vor allem der Tatsache verdankt, dass umgebaut wird: von Ein-Leinwand-Kinos zu zwei oder drei Lein­wänden im selben Haus. Dabei werden die Säle zwar kleiner, dafür aber die Programm­fle­xi­bi­lität größer, was mehr Filme und Zuschauer bedeutet. Denn, wie die FFA-Studie auch gezeigt hat, dürfen die Programm­kinos zu ihren Kunden soge­nannte »Heavy User« zählen: Mit sieben und mehr Besuchen im Jahr hängen sie die Couch-Potatoes der Multi­plexe mit schlappen ein oder zwei Kino­be­su­chen locker ab.

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In München haben gerade zwei Kinos erfolg­reich umgebaut. Das Neue Maxim in Neuhausen, das nach dem Aus des alten Polit­kinos von Sigi Daiber wie Phoenix aus der Asche stieg, hat nun einen zusätz­li­chen Saal im Keller. Das Neue Rex in Laim hat letzten Sommer renoviert und verfügt jetzt über zwei schmucke Säle (siehe unsere Vorher-Nachher-Kino­por­traits).

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Nach der Formel »aus eins mach zwei«, die so alt ist wie die erste Kinokrise in den 1950er Jahren, als riesige Film­paläste verklei­nert wurden, oft sogar ohne einen zusätz­li­chen Saal einzu­ziehen wie im Fall des über hundert­jäh­rigen Münchner Send­linger Tor Kinos, heißt das Zauber­wort heute »Nach­hal­tig­keit«. Die AG Kino, auch bekannt als Gilde deutscher Film­kunst­theater, hat dies in einem Papier fest­ge­halten, das mit »Eckpunkten für die Film- und Kino­po­litik 2017-2021« Gegen­stand des neuen Koali­ti­ons­ver­trags werden soll. Der Politik in der Krise ruft sie zu: Den Kulturort Kino stärken, damit das Kino nicht in die Krise kommt!

Die goldene Formel für den Kino­be­such

Als »nach­haltig« gilt ein Kino, wenn Infra­struktur (ein guter Kinosaal) und ein starkes Programm gegeben sind, die für Vielfalt in einer nied­rig­schwel­ligen »Alltags­kultur« und für »Cinema Expe­ri­ence« sorgen. Mit letzterem meint die AG Kino eine »Erhöhung der Aufent­halts­qua­lität«, was bessere Technik und damit ein tolleres Film­er­lebnis beinhaltet, aber auch ein gemüt­li­cheres Foyer, italie­ni­schen Kaffee, Craft-Bier und Wasabi-Pop-Corn meinen könnte.

Entschei­dend ist, das weiß die Kino-Gilde, die Publi­kums­bin­dung. Daher schreibt sie auch: »Lokales Marketing ist von stei­gender Bedeutung«, es gehe um »inno­va­tive Projekt­maß­nahmen zur Publi­kum­s­ent­wick­lung«.

Zwei Kino-Unter­nehmen denken gerade intensiv über diese Art der Kunden­bin­dung nach. Die Berliner Yorck-Gruppe, als »Europäi­scher Kino­be­treiber des Jahres 2003« schon früh als Big Player im Arthouse-Segment ausge­zeichnet (ihr gehören in Berlin 13 Kinos an), und die Münchner »Mono­po­listen« (den Betrei­bern des Arena- und Monopol-Kinos gehören außerdem noch Licht­spiel­häuser am Ammersee und in Gera) entwi­ckeln, jeder für sich, ein digitales Kino­mar­ke­ting­tool, zur »Umsetzung eines nach­hal­tigen und daten­ba­sierten Kunden­bin­dungs­sys­tems«. Der FFA ist dies immerhin insgesamt über 200.000 Euro wert, wie Mitte November mit Veröf­fent­li­chung der bundes­weiten Kinoför­de­rung bekannt wurde.

Was aber verbirgt sich hinter diesem ganzen Wort­ge­klingel?

Im Grunde, so erklärt es Monopol-Kino­be­treiber Christian Pfeil, ist damit eine Kunden­bin­dung ans Kino gemeint, die sich sozusagen dem Kassen­system verdankt. E-Commerce, wie es im Internet schon lange Usus sei und worüber sich keiner mehr aufrege (siehe der Amazon-Algo­rithmus), ist hier das Vorbild. Wer möchte, kann sich also im digitalen Zeitalter aufgrund seiner Besu­cher­daten, die er beim Kino­be­such hinter­lassen hat, das Kino­pro­gramm maßge­schnei­dert per News­letter zukommen lassen und das Ticket auch gleich online kaufen. Für den gebuchten Kino­be­such aller­dings müsste dann das Haus verlassen werden.

Das klingt nicht so futu­ris­tisch, wie es in Wirk­lich­keit ist. Denn die FFA hat heraus­ge­funden, dass der Kino­be­su­cher sich noch ganz wie im analogen Zeitalter verhält. Mehrere Tage vorher verab­redet man sich zum Kino­be­such (59%), am liebsten zu zweit, wenn es aber soweit ist, hat man nicht vorge­plant: Drei­viertel der Kino­ti­ckets werden direkt an der Kinokasse gekauft; übers Internet erwerben ihre Kinokarte nur magere sechzehn Prozent. Das betrifft nicht nur die tech­nik­fernen Arthouse­be­su­cher (die meist »Best-Ager« über fünfzig sind), sondern den Kino­be­such insgesamt.

Die Förder­gieß­kanne lässt die Kino­land­schaft blühen

Mit ihrem Appell an die Politik macht die Kino-Gilde deutlich, dass es ohne Subven­tion auch im kommer­zi­ellen Arthouse-Bereich nicht geht. Wenn Technik und Ausstat­tung nicht mehr State of the Art sind, bleiben die Zuschauer weg, es drohe ein »erneutes Kinosterben«. »Die Erlös­struktur erlaubt nicht den Erhalt der kosten­in­ten­siven Spiel­stätten«, sagt die Gilde. Dem begegnen die verschie­denen Förder­gre­mien mit ihren Kino­pro­gramm­preisen, deren Gesamt­vo­lumen in den letzten Jahren stark ange­stiegen ist. Die BKM (Beauf­tragte für Kultur und Medien) vergibt jährlich bundes­weit 1,5 Millionen Euro, auf Landes­ebene macht dies in Bayern der FFF (FilmFern­sehFonds), der vergan­gene Woche im Fürther Baby­lon­kino knapp 400.000 Euro an sechzig baye­ri­sche Film­theater verlieh. Auf kommu­naler Ebene macht München Schule, wo der Stadtrat im Herbst eine Erhöhung der Kino­pro­gramm­preise beschlossen hat. Statt (sechs Mal) 5000 Euro winken ab nächstem Jahr 7500 Euro all jenen, die ein »künst­le­risch und sozio­kul­tu­rell wert­volles Programm bieten«.

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Münchner Klas­sen­primus mit den höchsten Auszeich­nungen 2017 sind die »Mono­po­listen« mit Arena und Monopol, gefolgt von den Triple-Gewinnern (Bund, Bayern und München) Werk­statt­kino und Rio Film­pa­last. Freuen können sich auch die denk­mal­ge­schützten Film­häuser Theatiner Filmkunst und Send­linger Tor mit je zwei Preisen. Mit je einem Preis ausge­zeichnet wurden das Arri, das am Ende des Jahres für einen Umbau auf drei Säle vorüber­ge­hend schließt, das ABC Kino, das Studio Isabella, das Rottmann und die Museum Licht­spiele, die schon Karl Valentin besuchte.

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All die Inves­ti­tionen, das Nach­denken über Nach­hal­tig­keit, die Inno­va­tionen auf dem Sprung in die Zukunft und viel­leicht auch ein inter­es­santes erstes Kino­halb­jahr haben den Kinos insgesamt, und das ist die gute Nachricht zum Schluss, erstmals wieder mehr Besucher und Umsatz beschert. Nicht nur die Kinos und die Verleiher profi­tieren davon: Von einem Gang ins Kino hat das ganze Stadt­leben etwas. Menschen auf der Straße, im Café oder in der Kneipe anstatt auf dem Sofa! Und was tut man dann? Mitein­ander reden. Über den Film, den man gerade gesehen hat, oder einfach nur so. Das nennt sich dann kultu­relle Praxis und erinnert an die alte Idee vom Menschen als Gemein­schafts­wesen.

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Lektü­re­tipp:
Lars Henrik Gass, »Film und Kunst nach dem Kino«, Strzelecki-Books 2017, aktua­li­sierte und erwei­terte Neuauf­lage, 160 Seiten, 14,80 Euro

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