09.11.2017

Glückssucher und Traumtänzer

Jules und Jim
Der griechische Oscar-Kandidat für 2018 Amerika Square eröffnet die Griechische Filmwoche

Grie­chi­sches Kino ganz groß in München. Die grie­chi­sche Filmwoche startet mit einem viel­sei­tigen Programm ins 4. Jahrzehnt

Von Elke Eckert

Das Münchner Festival des grie­chi­schen Films, bei dem sich aktuelle Spiel­filme und Klassiker mit anspruchs­vollen Doku­men­ta­tionen abwech­seln, startet ins vierte Jahrzehnt. Ergänzt wird das dies­jäh­rige Programm durch einen Vortrag über grie­chi­sche Film­ge­schichte und wie immer durch die High­lights des Kurz­film­fes­ti­vals aus dem grie­chi­schen Ort Drama. Themen­schwer­punkte sind dieses Jahr die Träume und Hoff­nungen von jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen, die alle auf der Suche nach dem Glück sind.

Das Schicksal der Flüch­tenden inspi­riert grie­chi­sche Filme­ma­cher immer wieder dazu, es aus unter­schied­li­chen Perspek­tiven zu beleuchten. Im Eröff­nungs­film Amerika Square wird der arbeits­lose Nakos in seiner direkten Athener Nach­bar­schaft mit Flücht­lingen konfron­tiert. Während Rassist Nakos gegen die Aufnahme der Ausländer ist, geht sein bester Kumpel, Tatoo­künstler Billy, offen auf die Neuan­kömm­linge zu. Am Amerika Square treffen die zwei auf den Syrer Tarek… Regisseur Yannis Sakaridis schaut genau hin, welche Auswir­kungen die Flücht­lings­krise auf die grie­chi­sche Gesell­schaft hat und stellt schein­bare Wahr­heiten infrage. Sein Drama geht für Grie­chen­land ins Oscar­rennen 2018. (Eröffnung 10.11., 19:30 Uhr, Carl-Orff-Saal, in Anwe­sen­heit von Tarek-Darsteller Vasilis Koukalani, Wieder­ho­lung 16.11., 18:30 Uhr).

Der Doku­men­tar­film The Longest Run begleitet die minder­jäh­rigen Kriegs­flücht­linge Jasim und Alsaleh bei ihrem Prozess in Grie­chen­land, dem sich die beiden nach ihrer Flucht aus Syrien und dem Irak stellen müssen, weil sie andere Flüch­tende über die grie­chi­sche Grenze geschmug­gelt haben. Regis­seurin Marianna Economou zeigt eindring­lich, wie skru­pellos Jugend­liche, die für sich und ihre Angehö­rigen auf ein besseres Leben hoffen, von Schleu­sern zum Menschen­schmuggel gezwungen werden (12.11., 18:00 Uhr).
Träume von einer schöneren Zukunft haben auch die 22-jährige Anna und der gleich­alt­rige Dimitris. Den Großteil ihrer Zeit verbringen sie mit anderen jungen Leuten in den Ruinen der Spiel­stätten, die für Olympia 2004 in Athen gebaut wurden. Als sich die beiden inein­ander verlieben, wollen sie den trost­losen Ort hinter sich lassen. Sofia Exarchou hat ihr mehrfach ausge­zeich­netes Drama Park über Selbst­zweifel und Perspek­tiv­lo­sig­keit der jüngeren Gene­ra­tion mit Laien­dar­stel­lern besetzt, was den Film noch realis­ti­scher erscheinen lässt (11.11., 20:30 Uhr und 15.11., 18:30 Uhr).

Die Tragi­komödie Mytho­pathy ist ebenfalls eine Geschichte über das Erwach­sen­werden und der bisher erfolg­reichste Film Grie­chen­lands. Regisseur Tassos Boulmetis taucht in die Gedan­ken­welt des jungen Stavros ein, der in den 1970er Jahren von schönen Frauen und langen Reisen träumt. (12.11., 20:00 Uhr).
Im gleichen Jahrzehnt spielt Alexander Voulgaris' Fanta­sy­thriller Thread. Niki, eine junge Mutter, geht gegen die Militär­dik­tatur auf die Barri­kaden. Doch ihr Kampf um Freiheit hat ausge­rechnet für ihren kleinen Sohn Lefteris fatale Folgen (16.11., 20:30 Uhr).

Die Beziehung des acht­jäh­rigen Tobias zu seiner Mutter ist da deutlich entspannter. Der kleine Schwede, den alle nur Tsatsiki nennen, hat aber trotzdem ein Problem: Er kennt seinen grie­chi­schen Vater nicht. Doch diesen Sommer will seine Mama endlich ihr Verspre­chen einlösen und die beiden mitein­ander bekannt machen. Regis­seurin Ella Lemhagen hat mit Tsatsiki – Tinten­fisch und erste Küsse (1999) die erfolg­reiche Kinder­buch­serie von Moni Bränn­ström verfilmt und damit in Skan­di­na­vien einen Riesenhit gelandet (17.11., 15:00 Uhr).

Dass auch Menschen reiferen Alters häufig noch auf der Suche nach dem Glück sind, erzählt das Drama Forever. Jeden Tag fährt Anna mit der Athener Metro, bei der Kostas als Zugführer arbeitet, in den Hafen von Piräus, wo sie Bahn­ti­ckets verkauft. Weil Anna immer zur selben Zeit in den gleichen Wagen steigt, wird Kostas auf sie aufmerksam und verliebt sich in sie. Er will Anna unbedingt näher kennen­lernen und für sich gewinnen. Margarita Mandas Liebes­ge­schichte lässt zwischen den grauen Bildern Raum für Hoffnung und Romantik (14.11., 18:30 Uhr).
Auch Nikos, ein mittel­loser Musiker um die dreißig, kann seine große Liebe nicht kampflos aufgeben. Deshalb schließt er seine Ex-Freundin Sofia in der Villa eines Freundes ein, die er den Sommer über hütet. Gemeinsam mit Sofia will Nikos heraus­finden, woran ihre Beziehung geschei­tert ist. Stergios Paschos Afterlov nimmt bissig das Liebes­leben grie­chi­scher Großs­tädter ins Visier (14.11., 20:30 Uhr).

Drei Paare aus verschie­denen Gene­ra­tionen, Ländern und Bevöl­ke­rungs­schichten stehen im Mittel­punkt von Chris­to­pher Papa­ka­liatis' Drama Worlds Apart. Die Wege der Sechs kreuzen sich im aufge­wühlten Athen der Gegenwart. Die berüh­rende Reflexion über Alter und Zeit erhielt 2016 beim Greek Film Festival in Los Angeles den Publi­kums­preis (15. und 18.11., jeweils 20:30 Uhr).
Einen bitter­bösen Blick auf die Liebe wirft The Lobster, Giorgos Lanthimos' absurdes Drama. Einge­sperrt in einem Hotel müssen sich Singles innerhalb von 45 Tagen verlieben. Tun sie das nicht, werden sie in ein Tier ihrer Wahl verwan­delt. Bevor er zum Hummer wird, flüchtet David in den Wald und findet dort die Liebe – und neue Probleme. Star­be­setzt (u.a. Colin Farrell und Rachel Weisz) und preis­ge­krönt ist das vers­tö­rende Meis­ter­werk von 2015 einer der Höhe­punkte der Filmwoche. (19.11., 20:30 Uhr).

Eine etwas andere Sicht auf die Dinge hat auch Sotiris Tsafou­lias' The Other Me. Das liegt vor allem an der Haupt­figur, einem Krimi­no­logen mit Asperger-Syndrom. Dieser Dimitris Lainis versucht mithilfe eines Mathe­ma­tik­pro­fes­sors fünf grausame Morde aufzu­klären, die Athen in den Ausnah­me­zu­stand versetzen. Seine unkon­ven­tio­nellen Ermitt­lungs­me­thoden bringen Lainis in Gefahr (17.11., 20:30 Uhr).
Der schüch­terne Bank­an­ge­stellte Thomas hat hingegen »nur« das Pech, einem gesuchten Krimi­nellen zum Verwech­seln ähnlich zu sehen. Dessen Bild ist in allen Zeitungen, und so sieht sich Thomas ausge­rechnet am Silves­ter­abend gezwungen, sich vor der Polizei zu verste­cken, weil ihn alle für den berüch­tigten »Drachen« halten. Der Film-Noir-Klassiker The Ogre of Athens wurde 1956 von Nikos Koun­douros insze­niert, der Anfang dieses Jahres gestorben ist (17. November um 18.30 Uhr).

Eine Art Vermächtnis ist auch 90 Years of PAOK: Nostalgia for the Future, das letzte Werk des 2016 verstor­benen Regis­seurs Nicholas Trian­da­fyl­lidis. Seine Doku­men­ta­tion über die grie­chi­sche Fußball­mann­schaft PAOK, die als die beste und legen­därste im Norden des Landes gilt, ist eine Chronik sport­li­cher Höhe­punkte im gesell­schaft­li­chen Kontext. Trian­da­fyl­lidis' Hommage an diese Ausnah­me­mann­schaft basiert auf Inter­views mit Spielern, Trainern und Fans und wurde 2016 auf dem Thes­sa­lo­niki Film Festival als Bester Doku­men­tar­film ausge­zeichnet (13.11., 18:30 Uhr und 18.11., 15:00 Uhr).

Ein anderes histo­ri­sches Gemein­schafts­pro­jekt ist der Nachbau eines antiken 50-Mann-Ruder­schiffs, dessen Geschichte der Doku­men­tar­film Argo Navis von Stelios Efstatho­poulos und Susanne Bausinger erzählt. Das Ganze begann 2003 als Teil eines archäo­lo­gisch-nauti­schen Forschungs­pro­jekts und endete mit der 2000 Kilometer langen Jung­fern­fahrt zum Schwarzen Meer (13.11., 20:30 Uhr und 19.11., 18:00 Uhr).
Viel Herzblut steckt auch in Timon Koulmasis' sehr persön­li­cher Doku­men­ta­tion Briefe aus Athen. Die Verfasser dieser Zeilen sind Koulmasis' Vater Petros und die junge Kunst­stu­dentin Nelly, die sich während der Besat­zungs­zeit der deutschen Wehrmacht in den 1940er Jahren fast täglich schrieben. Dabei versi­cherten sie sich nicht nur ihrer Gefühle zuein­ander, sondern tauschten sich auch über Freunde und Kollegen aus. Einer davon war Rudolf Fahrner, der nicht nur mit Petros am Deutschen Wissen­schaft­li­chen Institut (DWI) gear­beitet hat, sondern auch ein Mitver­schwörer des miss­lun­genen Hitler­at­ten­tats vom 20. Juli 1944 war. (12.11., 16:00 Uhr).
Eine der einfluss­reichsten Persön­lich­keiten im Pariser Kunst­be­trieb ab den 1930er Jahren war der Sammler, Verleger und Jour­na­list Tériade. Simos Korexen­idis gelingt mit dem gleich­na­migen Doku­men­tar­film ein dichtes Porträt des gebür­tigen Griechen, der zahl­reiche Bücher über namhafte Künstler der Moderne veröf­fent­lichte. Im Anschluss an die Vorfüh­rung steht der Regisseur für ein Publi­kums­ge­spräch zur Verfügung (11.11., 18:30 Uhr).

Das Programm wird abge­rundet durch eine Auswahl prämierter Werke des dies­jäh­rigen Kurz­film­fes­ti­vals von Drama (19.11. ab 15:00 Uhr) und den Vortrag »Zwei oder drei Dinge, die ich vom grie­chi­schen Kino weiß«. In ihm nimmt die Profes­sorin Maria Stas­si­no­poulou des Instituts für Byzan­ti­nistik und Neogräzistik der Univer­sität Wien die Geschichts­schrei­bung über die grie­chi­sche Film­pro­duk­tion genauer unter die Lupe (18.11., 18:00 Uhr).

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31. Grie­chi­sche Filmwoche. 10. – 19. November 2017. Mit Ausnahme der Auftakt­ver­an­stal­tung am 10. November finden alle Vorfüh­rungen im Carl-Amery-Saal (Vortrags­saal der Biblio­thek) im Gasteig statt. Mehr Infor­ma­tionen gibt es hier.

Die Grie­chi­sche Filmwoche ist eine Veran­stal­tung unter dem Dach der Filmstadt München e.V., die das ganz­jährig das Angebot der Münchner Kino­land­schaft erweitert und ergänzt.

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