09.11.2017

Keinen Bock auf deutsche Frauen?

Jules und Jim
Der einzige Film im deutschen Wettbewerb von Leipzig, bei dem eine Frau wenigstens Co-Regie geführt hat: Muhi – Generally Temporary

DOK Leipzig führt als erstes deutsches Festival die Frau­en­quote ein. Und lässt dabei eine vergan­gene Praxis der Nach­läs­sig­keit erahnen

Von Dunja Bialas

DOK Leipzig führt die Frau­en­quote ein! Ja, was für eine tolle Schlag­zeile, die die Leipziger Festi­val­in­ten­dantin Leena Pasanen uns Jour­na­listen zur Eröffnung ihres Festivals vergan­gene Woche lieferte. Wie aber kam es dazu, dass eine wesent­liche Forderung von Pro Quote Regie jetzt so frei­willig von dem zweit­größten europäi­schen A-Festival für Doku­men­tar­film eingelöst wird?

Der Pauken­schlag kam mit einem Einge­ständnis. »Leider haben wir auch keine guten Nach­richten«, offen­barte Pasanen mit Blick auf die Casting-Couch-Debatte und die Me-too-Initia­tiven der letzten Wochen. Und dann kam es: »In unserem deutschen Wett­be­werb für lange Doku­mentar- und Anima­ti­ons­filme ist nur eine Frau als Co-Regis­seurin vertreten.«

Wie bitte?

Leipzig soll also als führendes deutsches Doku­men­tar­film­fes­tival es nicht geschafft haben, auch nur einen Film einer deutschen Regis­seurin an Land zu ziehen? Wie kann das sein? Gerade der Doku­men­tar­film ist doch, so die erhel­lende Studie »Gender und Film« der FFA, die deutsche Frau­en­domäne neben dem Drama. »Die Analyse zeigt«, heißt es dort unter dem Stichwort »Genre«, »dass Frauen häufiger Doku­men­tar­filme insze­nieren als Männer. Von allen Filmen, bei denen eine Frau Regie führte, waren 41% Doku­men­tar­filme.« Bei Männern ist das Genre unbe­liebter: Nur 29% von ihnen machen Doku­men­tar­filme, wenn sie Regie führen.

Was aber noch nichts darüber aussagt, wie das Gender-Verhältnis im Doku­men­tar­film insgesamt aussieht. Für die Festi­val­teil­nahmen kommt die Studie der FFA zu dem Ergebnis: »Im Doku­men­tar­film­be­reich ist die Teil­nah­mehäu­fig­keit fast gleich.« Die minimalen Unter­schiede wurden als »nicht signi­fi­kant« einge­stuft.
(Q: FFA Film­för­de­rungs­an­stalt [Hg.]: Studie Gender und Film – Rahmen­be­din­gungen und Ursachen der Geschlech­ter­ver­tei­lung von Film­schaf­fenden in Schlüs­sel­po­si­tionen in Deutsch­land. Berlin: Februar 2017).

Blick nach Kassel

Zur absoluten Zahl von Regis­seu­rinnen gibt die Studie leider keine Auskunft. Unab­hängig davon ist aber anzu­nehmen, dass es im starken Frau­en­genre Doku­men­tar­film auch 2017 eine wesent­liche Anzahl von deutschen Doku­men­tar­filmen geben muss, bei denen Frauen Regie geführt haben. Ein Blick in den Katalog des 34. Kasseler Dokfests, das am kommenden Dienstag beginnt, bestätigt dies zumindest im Ansatz. Von den zehn program­mierten Lang­do­ku­men­tar­filmen von Frauen (ohne Co-Regie) wird immerhin einer in Deutsch­land­pre­miere (Roser Corella: Grab and Run), einer in Euro­pa­pre­miere (Karin Jurschick: Playing God) und zwei in Welt­pre­miere (Eva Knopf: Myan­market und Angela Zumpe: Pfarrers Kinder) gezeigt. [Anmerkung der Autorin: Ob es sich bei Knopfs Film tatsäch­lich um eine WP handelt, ist fraglich. Aber auch DOK Leipzig hatte eine angeb­liche WP in seinem Programm: Ruth Kaaserers Gwendolyn, der zuvor auf der Viennale einen Preis gewonnen hatte.] Demge­genüber stehen vierzehn Filme von Regis­seuren im Kasseler Programm. Das Geschlech­ter­ver­hältnis ist hier also ziemlich ausge­gli­chen.

Deutsche Frau­en­quote = 0%

Doch kehren wir nach Leipzig zurück. Den Prin­zi­pien meiner Auswer­tung des Kasseler Programms folgend, wäre nicht einmal der halbe Leipziger deutsche Film-von-einer-Frau mitge­zählt worden, handelt es sich doch bei Muhi – Generally Temporary um eine deutsch-israe­li­sche Co-Produk­tion. Regie geführt hat Rina Castel­nuovo-Hollander, die seit drei Jahr­zehnten als Photo­gra­phin arbeitet, der Film ist das Debüt der Israelin. Der wesent­lich jüngere Co-Regisseur Tamir Elterman stammt aus Berkeley und lebt in Tel Aviv. Wenn wir nach der Berück­sich­ti­gung des Geschlechts nun auch noch die Natio­na­lität bzw. den Wohnort betrachten, kommen wir zur Tatsache:

Keine einzige deutsche Regis­seurin war im deutschen Lang­film­wett­be­werb von Leipzig vertreten.

Insofern war Leena Pasanen ziemlich euphe­mis­tisch, als sie sich auf die Wett­be­werbs­pro­gram­mie­rung bezog, ohne genauer hinzu­sehen, was dies für die deutschen Regie­frauen eigent­lich bedeutet. Aber wir unter­stellen ihr, dass sie selbst ziemlich erschro­cken die Notbremse gezogen haben muss und in die Offensive gegangen ist, bevor der große Aufschrei losgehen konnte.

Pasanen hat nun ange­kün­digt, »für 2018 und 2019« eine Quote für Regis­seu­rinnen im deutschen Wett­be­werb einzu­führen, also einen zwei­jäh­rigen Test­ballon zu starten. Aufschluss­reich, dass sie hinter­her­schickt: »Ich bin mir darüber im Klaren, dass es viele gibt, die gegen diese Quote sein werden – auch Regis­seu­rinnen.« Ist das voraus­ei­lende Selbst­ver­tei­di­gung, oder will sie sich damit femi­nis­ti­scher und aufge­klärter als die Quoten-Beführ­wor­terInnen geben? Findet sie die Quote am Ende selbst gar nicht so gut?

Wenn Pasanens Aussagen stimmen und sie nicht Dinge gesagt hat, die sie eigent­lich ganz anders gemeint hat, dann ist der Grund für die jetzt erhobene Selbst­auf­lage haus­ge­macht. »Wir sind durch unsere Statis­tiken gegangen und sehen, dass es jedes zweite oder dritte Jahr an Regis­seu­rinnen im deutschen Wett­be­werb mangelt. Dies ist auch der Fall, wenn die Anzahl der einge­reichten Filme, die von Regis­seu­rinnen gemacht wurden, oder unsere Auswahl­kri­tie­rien gleich bleiben. Was also läuft schief?«

Ja, was also läuft schief bei DOK Leipzig? Gleiche Anzahl von einge­reichten Filmen von Frauen und trotzdem keiner im Programm. Waren die alle schlecht? Heißt dies am Ende des Tages, dass mit der Einfüh­rung der Quote die Qualität im deutschen Lang­film­wett­be­werb sinken wird? Oder wie sonst ist es zu verstehen, dass Frauen so eine geringe Rolle in Leipzig spielten? »Jedes zweite oder dritte Jahr« ist also entweder der Jahrgang schlecht, was mit einer Quote kaum verbes­sert werden kann, oder… Ja, welches »Oder« könnte sich hier anschließen? Oder die Kuratoren haben keine Lust auf Regie­frauen, sogar wenn deren Filme gut sind?

Am Schluss versucht Pasanen noch, den Spieß umzu­drehen: »Es wäre leicht für uns, andere zu beschul­digen und zu sagen, das Problem liege in der Film­för­de­rung und in der Produk­tion. Aber als eines der führenden Festivals ist es auch an uns, Verän­de­rungen voran­zu­treiben.«

Da der Mangel an weib­li­cher Regie im deutschen Wett­be­werb Leipzigs nach Festi­va­l­aus­kunft nicht an der Einrei­chungs­va­rianz liegt, sind die »Tradi­tionen und Verän­de­rungen«, die Pasanen mit der Einfüh­rung einer Frauen-Quote jetzt »brechen« bezie­hungs­weise »anstoßen« möchte, jedoch auf DOK Leipzig selbst zu beziehen. Es bleibt fest­zu­stellen: Nach allem, was das Festival verlaut­bart, wurde es dafür höchste Zeit.

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