05.10.2017

Geschlossene Gesellschaft

Jules und Jim
Ein Glücksfall: Daphne Scoccia in Fiore

CINEMA! ITALIA! feiert Jubiläum: Zum 20. Mal tourt das Film­fes­tival durch Deutsch­land und macht wieder in 34 Städten Station. In München laufen die sechs ausge­wählten italie­ni­schen Filme, die in ihrem Heimat­land bereits zu sehen waren und vielfach ausge­zeichnet wurden, von 5. bis 11. Oktober 2017 im Theatiner Film­theater. Dort liegen auch die Stimm­karten aus, mit denen die Zuschauer ihren Lieb­lings­film wählen können.

Von Elke Eckert

Die Film­aus­wahl spiegelt wie jedes Jahr den aktuellen Stand des italie­ni­schen Film­schaf­fens wider. Im Mittel­punkt der dies­jäh­rigen Filme steht das Fremde, das Anders­sein, das häufig Angst und Unbehagen hervor­ruft und zu Vorur­teilen und Ablehnung führt. Aber Anders­ar­tig­keit kann auch ein Wert sein, der uns hilft, das Fremde, aber auch uns selbst zu verstehen.

Daphne und Josh sind anders als viele Jugend­liche in ihrem Alter, weil sie wegen Eigen­tums­de­likten im Gefängnis sitzen. Trotzdem sehnen sie sich nicht nur nach Freiheit, sondern wie viele Gleich­alt­rige auch nach Liebe. Weil die Jungs und Mädchen jedoch getrennt vonein­ander inhaf­tiert sind, bleibt den beiden nichts anderes übrig, als sich durch die Zellen­fenster zuzu­lächeln und heimlich Briefe zu schmug­geln. Was völlig ausreicht, um ihre Zuneigung wie eine Blume (Fiore) aufblühen zu lassen… Claudio Giovan­nesi kombi­niert in seinem dritten Spielfilm Fiktion mit Realität, seine jugend­li­chen Darsteller spielen sich selbst. Vor allem Daphne Scoccia erweist sich dabei mit einer berüh­renden Mischung aus Wut und Zerbrech­lich­keit als Glücks­fall. (Donnerstag, 5. Oktober, 18.15 Uhr und 20.30 Uhr)

Unzer­trenn­lich (Indi­vi­si­bili), im wahrsten Sinn es Wortes, sind die siame­si­schen Zwillinge Viola und Daisy. Die zwei 18-Jährigen sind an den Hüften zusam­men­ge­wachsen und werden in ihrem Heimatort als Wunder verehrt. Diesen Umstand und das musi­ka­li­sche Talent der beiden nutzt ihr Vater gnadenlos aus und vermarktet seine Töchter als Attrak­tion für kirch­liche Veran­stal­tungen und diverse andere Festi­vitäten. Als sich Viola verliebt und die Schwes­tern durch eine Operation vonein­ander getrennt werden wollen, sieht nicht nur der Herr Papa seine lukra­tiven Geschäfte in Gefahr. Hypno­tisch und intensiv verhan­delt Edoardo de Angelis komplexe Themen wie Identität und Indi­vi­dua­lität. Auch dank der außer­ge­wöhn­li­chen Präsenz seiner Haupt­dar­stel­le­rinnen wurde das Drama, das beim bedeu­tendsten italie­ni­schen Filmpreis „David di Donatello“ in 17 Kate­go­rien nominiert war, sechsmal ausge­zeichnet. (Montag, 9. Oktober, 18.15 Uhr und 20.30 Uhr)

Lass dich gehen (Lasciati andare) – weil das für den verkopften und intro­ver­tierten Psycho­ana­ly­tiker Elia nicht infrage kommt, er aber trotzdem Süßspeisen nur sehr schwer wider­stehen kann, lässt er sich von seinem Arzt ins Fitness-Studio schicken. Der Körper­kult, mit dem er es dort zu tun bekommt, ist Elia genauso fremd wie seine quirlige Trainerin Claudia, die Probleme aller Art geradezu magne­tisch anzieht. Francesco Amato insze­nierte die Begegnung eines unglei­chen Pärchens im Stil ameri­ka­ni­scher Screwball-Komödien mit witzigen Wort­ge­fechten und viel Situa­ti­ons­komik. (Samstag, 7. Oktober, 18.15 Uhr und 20.30 Uhr)

Was passieren kann, wenn sich Politiker ausschließ­lich der Wahrheit verpflichtet fühlen und sich rigoros an die Gesetze halten, erzählt die sati­ri­sche Komödie Ab heute sind wir ehrlich (L'ora legale). Die Einwohner einer sizi­lia­ni­schen Klein­stadt haben die Faxen dicke und wählen ihren korrupten Bürger­meister ab. Statt­dessen heben sie den politisch uner­fah­renen Lehrer Natoli ins Amt, der alle seine Wahl­ver­spre­chen einlöst und kompro­misslos für Recht und Ordnung sorgt. Zu kompro­misslos, wie bald viele seiner Bürger finden… Das Komi­kerduo Salvo Ficarra und Valentino Picone ist in Italien seit den 1990er-Jahren erfolg­reich. Die beiden geben allen ihren Filmen als Autoren, Regis­seure und Darsteller eine unver­wech­sel­bare Hand­schrift. Ihr neuestes Werk war der größte italie­ni­sche Komö­dien­er­folg im Jahr 2017. (Freitag, 6. Oktober und Sonntag, 8. Oktober, 18.15 Uhr und 20.30 Uhr)

Die Welt der anderen (La ragazza del Mondo) wirft einen Blick in die Paral­lel­ge­sell­schaft der Zeugen Jehovas. Giulia und ihre Familie leben streng nach deren Glau­bens­sätzen. Beim Anwerben neuer Mitglieder lernt das Mädchen den attrak­tiven Libero kennen, der gerade eine Haft­strafe abge­sessen hat. Als er einen Job in der Werkstatt von Giulias Vater annimmt, verliebt sich die junge Frau in ihn und merkt plötzlich, wie eng und regle­men­tiert ihr Leben ist. Marco Danielis Spiel­film­debüt besticht vor allem durch das mitreißende Spiel seiner beiden Jungstars, die in Venedig mit dem Pasinetti-Preis als beste Darsteller ausge­zeichnet wurden. (Dienstag, 10. Oktober, 18.15 Uhr und 20.30 Uhr)

Auch Lorenzo, Witwer und Rechts­an­walt im Ruhestand, taucht gewis­ser­maßen in die Welt der Anderen ein, als er seine neuen Nachbarn näher kennen­lernt. Zu seinen Kindern hat der verschlos­sene und verbit­terte Rentner nur sehr spora­disch Kontakt. Die Zärt­lich­keit (La Tenerezza), die in der eigenen Familie abhanden gekommen ist, findet Lorenzo bei seinen neuen Wahl­ver­wandten. Bis ein schreck­li­ches Ereignis alles verändert… Der schwie­rige Dialog der Gene­ra­tionen und die Kraft und Zerbrech­lich­keit von Gefühlen sind zentrale Themen für Regie-Altmeister Gianni Amelio, die er in seinen Filmen immer wieder aufgreift. (Mittwoch, 11. Oktober, 18.15 Uhr und 20.30 Uhr)

Alle Filme des Festivals werden im italie­ni­schen Original mit deutschen Unter­ti­teln gezeigt.

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