16.08.2017

Kampf der Schwerter, Kampf der Herzen

Jules und Jim
Fliegende Krieger: A Touch of Zen (1969-1971)

Poesie im Bambus­wald: Zwei Filme des großen King Hu, des chine­si­schen John Ford, kommen erstmals endlich in die deutschen Kinos

Von Rüdiger Suchland

In der Film­ge­schichte gibt es wenige Regis­seure, deren Werk dem von King Hu vergleichbar wäre – er brachte dem chine­si­schen Kino den Durch­bruch jenseits der wenigen einge­weihten Cine­philen, die schon seit langem wussten, dass der chine­si­sche Film, vor allem der aus den großen Studios von Shanghai, sich in den dreißiger Jahren anschickte, Hollywood die Stirn zu bieten. Der 1932 in Peking geborene Filme­ma­cher floh nach japa­ni­scher Besatzung, Bürger­krieg und maois­ti­scher Mach­tüber­nahme mit seiner Familie 1949 ins seiner­zeit noch britisch regierte Hongkong. Dort begann er in der Film­in­dus­trie zu arbeiten, und debü­tierte 1965 als Regisseur. In den folgenden zehn Jahren entstanden einige Meis­ter­werke, die nicht nur heimische Kassen­hits wurden, sondern erstmals dem west­li­chen Publikum das chine­si­sche Kino mit seinen Eigen­heiten erschlossen.

Vor allem A Touch of Zen ist das unan­ge­foch­tene Vorbild des Hongkong-Martial-Arts-Kinos bis heute. Filme wie Tiger & Dragon von Ang Lee und Zhang Yimous House of Flying Daggers, die das »Wu Xia«, das chine­si­sche Kampf­kunst-Kino im Westen populär machten, wurden unüber­sehbar von ihm inspi­riert. Im Kino von Hongkong, Taiwan und China sind diese Stoffe so populär, wie bei uns Western oder Krimi­nal­filme.

Dort gibt es eine Zeit vor und eine Zeit nach A Touch of Zen. Jetzt kommt dieses schil­lernde, zugleich action­reiche Ausnah­me­werk erstmals ins deutsche Kino, gemeinsam mit einem zweiten Film dieses bedeu­tenden Regis­seurs: Dragon Inn. Vorher liefen beide Filme allen­falls gele­gent­lich in Film­mu­seen oder auf Festi­val­re­tro­spek­tiven.
In beiden Werken können sich die Zuschauer auf episches, sehr unter­halt­sames und gar nicht so fremd­ar­tiges Kino freuen: Vergleichbar mit einem Western­klas­siker, eher von John Ford als von Sergio Leone.

Es geht um Arche­typen: Macht­hung­rige Herrscher, schwache Büro­kraten, sadis­ti­sche Söldner und um Frauen, die in jedem Fall schön und begeh­rens­wert sind, manchmal hexenhaft-verderbte Femme fatales, manchmal verwöhnte prin­zes­sin­nen­hafte höhere Töchter, oft genug aber die Lieb­lings­schü­le­rinnen ihres Zen-Meisters, die alle Männer im Gebrauch des Schwerts über­treffen, die den Männern an Kraft unter­legen sein mögen, an Geschick und Intel­li­genz aber mehr als eben­bürtig.

In Dragon Inn haben einige gute Menschen in einem Gasthaus Unter­schlupf gefunden, sie sind von Feinden umzingelt. In A Touch of Zen ist die Handlung komplexer: Eine Gruppe guter Wider­s­tändler kämpft gegen eine böse Obrigkeit, im Zentrum steht ein unglei­ches Paar: Ein naiver Künstler mit gutem Herz und eine geheim­nis­volle Frau mit einer falschen Identität.
Das Entschei­dende aber ist die Form: Große Gefühle in großen Bildern, voller Poesie und in den Farben des Herbst­waldes: Sattes Grün, weißhelles Gelb und dunkle Brauntöne domi­nieren. Die Kämpfe sind überaus originell und wie ein Feuerwerk immer neuer Einfälle choreo­gra­phiert. Der Höhepunkt ist der Kampf in einem Bambus­wald. Eine pure Ekstase der Sinne – ein Genie­streich! Verfüh­rung, nicht Über­wäl­ti­gung dominiert.

Deutsche Zuschauer und King-Hu-Neulinge können sich hier also auf vieles gefasst machen. Denn noch in den achtziger Jahre waren solche Kinowerke bei uns als »Kung-Fu-Filme« oder »Eastern« etwas abschätzig markiert. Harte Fäuste und sanfte Sprüche, irgendwo zwischen Prügel­filmen mit Bud Spencer und dem popu­lär­bud­dhis­ti­schen Seminar in der Volks­hoch­schule – Yoga für jeden sozusagen.
Dabei war gerade King Hu, der vor 20 Jahren, 1997 im Alter von 66 Jahren starb, immer ein Meister des anspruchs­vollen Wu Xia, des formal ausge­feilten, zugleich erzäh­le­risch verein­fachten Aben­teu­er­films.

Tatsäch­lich ist A Touch of Zen, ein dreis­tün­diges Monu­men­tal­werk, ein Meilen­stein der Film­ge­schichte. 15 Jahre, bevor Zhang Yimous Film Das rote Kornfeld den Goldenen Bär der Berlinale gewann, war es King Hu, der für den 1969 gedrehten Film bei seiner Erst­auf­füh­rung im Westen 1975 überhaupt erstmals einen Preis auf einem europäi­schen Festival erhielt: Natürlich in Cannes, die gerade verstor­bene große Jeanne Moreau war seiner­zeit die Jury­prä­si­dentin.

Sie hat erkannt, dass der Wider­spruch zwischen Konkretem und Abstraktem, Muskeln und Geist in diesen zen-buddhis­ti­schen virtuosen Phan­ta­sien elegant aufge­hoben wird. A Touch of Zen ist eine sugges­tive, kluge Fabel über den Sinn und die Notwen­dig­keit von Gewalt – auch insofern erzählt sie uns viel über China und die Welt von heute.

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