27.07.2017

»Was mich interessiert, ist Revolution«

Hans Hurch
Hans Hurch: 1952 – 2017 (Foto: © Viennale)

Monarch in der Demo­kratie: Zum Tode des Doku­men­tar­fil­mers, Film­kri­ti­kers und Festi­val­di­rek­tors Hans Hurch

Von Rüdiger Suchsland

Einprägsam war seine Erschei­nung: Groß, kräftig, mit schwarzem, allmäh­lich von ein paar grauen Strähnen durch­zo­genen Vollbart – seit vielen Jahren war Hans Hurch eine unver­wech­sel­bare Figur in der inter­na­tio­nalen Filmszene. Oft trug er einen langen schwarzen Mantel, der einer Kutte nicht unähnlich war, und ihn mitunter wie den Jünger eines seltsamen Mönchs-Ordens wirken ließ. Aber wenn es überhaupt eine Religion gab, der Hans Hurch anhing, dann war es der Glaube ans Kino und auch hier war er eher ein Apostat, ein Abtrün­niger, einer, der zwar für vieles ein offenes Herz hatte, aber nur die eine Über­zeu­gung: Dass immer das unab­hän­gigste Urteil das beste ist. Skepsis gegenüber fest­ge­fah­renen Ansichten, Abneigung gegenüber Schulen, gerade den aner­kann­testen, ob sie nun Nouvelle Vague oder Berliner Schule heißen, und die Lust am produk­tiven Dissens prägten das Gespräch mit ihm. Diese Haltung konnte man erleben, wenn man mit Hurch kurz nach einer Festi­val­vor­füh­rung ein paar Worte wechselte – mehr als zwei, drei Sätze waren es kaum, dann musste er weiter. Aber sie sagten oft alles, und es war ihnen schwer zu wider­spre­chen, manchmal apodik­tisch hart, manchmal eher anschmie­gend, über­zeugen wollend.

Aber es war auch nicht weiter schlimm, wenn man die Dinge ganz anders sah, als er. »Ja, wenn Du das so siehst...« war dann seine tolerante Haltung, wenn er sicher war, dass der andere auch gute Gründe hatte. Nur wenn einer gar nichts dachte, nicht Fisch, nicht Fleisch war, reagierte er unwirsch.

Hurchs neugie­rige, zugleich von prägnantem, unbe­stech­li­chen Urteil bestimmte Heran­ge­hens­weise kenn­zeich­nete auch das Programm der »Viennale«, der Hans Hurch seit 1997 als Direktor vorstand. Die Arbeit des Kurators und Programm­ma­chers war ihm auf den Leib geschnitten. Es gab bei Hurchs Viennale viel Kolle­gia­lität, aber keine Auswahl­kom­mis­sion – ganz offen stand Hurch dazu, dass er das Programm im Prinzip voll­kommen allein entschied: »In der Kunst ist Demo­kratie fehl am Platz.« Mit dieser nicht kommoden und längst nicht bei allen unum­strit­tenen Position und mit seinem Enthu­si­asmus hatte er großen Erfolg, und machte die Viennale zum wich­tigsten europäi­schen Film­fes­tival neben den großen A-Festivals, zu einem Ort für die Filme­ma­cher, der unglaub­lich gast­freund­lich und dabei voll­kommen unab­hängig von allem Taktieren, allem Anbiedern an Branchen- oder Publi­kums­wün­sche war. Hurchs Viennale war ein wichtigen Impuls­geber und Vorbild für Cine­philie weit über Wien hinaus.
2015 war sein Vertrag noch einmal verlän­gert worden, bis 2018. Dann sollte endgültig Schluss sein – es reiche dann auch mal, und er wolle noch ein paar andere Dinge machen, versi­cherte Hurch erst vor ein paar Wochen in Cannes.

1952 in Oberös­ter­reich geboren, auf dem Land aufge­wachsen, kam Hurch nach Wien, um Kunst­ge­schichte, Philo­so­phie, Sozio­logie und Psycho­logie zu studieren, und um intensiv das Film­mu­seum zu besuchen. Seit Mitte der 70er Jahr schrieb er für den »Falter«, wo er eine exzel­lente Film­re­dak­tion aufbaute. Schon damals zeigte Hans Hurch beispiel­haft, dass Enthu­si­asmus für das Kino und Lust an der Debatte Hand in Hand gehen, dass Unter­schei­dungs­ver­mögen, Klarheit des Urteils und Bereit­schaft zum Streit uner­läss­lich sind, um Stand­punkte deutlich zu machen, und das Nach­denken über das Kino weiter­zu­führen.
Danach drehte er ein paar Doku­men­tar­filme und arbeitete zweimal auch als Assistent für der von ihm verehrten Jean-Marie Straub und Daniele Huillet. Dann kura­tierte er 1995 das Projekt »hundert­jah­re­kino«, das in Öster­reich vor allem die Film­bil­dung stark beein­flusste.

Auch als Viennale-Direktor hielt sich Hurch keines­wegs zurück, flüchtete nicht in die Bequem­lich­keit harmo­ni­sie­rende Sphären und diplo­ma­ti­scher Leer­for­meln. Er legte sich an. Ein paar fanden das unfein, aber viele schätzten ihn dafür, selbst wenn sie sich an ihm rieben, dass Hans Hurch einer harter, aber immer produktiv heraus­for­dernder Kritiker der Film­kritik und des Festi­val­be­triebs war. Er war als Viennale-Direktor in der Position, da deut­li­cher zu werden, als sich die aller­meisten Kriti­ker­kol­legen es trauen, oder es ihnen möglich ist. Wenn er an konkreten Beispielen zeit­genös­si­sche Kritiker als »Skla­ven­seelen« und »Park­platz­s­her­rifs« kriti­sierte, wenn er behaup­tete, er wisse bereits vor dem Festival, welche Filme sie loben oder hassen und in welchen Worten sie das tun, war hinter solchen Worten immer die Sehnsucht spürbar nach einer Kritik und nach Filmen, die ein Gegen­ent­wurf und eine Heraus­for­de­rung für das Beste­hende sind.

Aus deutscher Sicht erschien Hans Hurch als typischer Wiener – großzügig und huma­nis­tisch im Konkreten, immer an der direkten Begegnung inter­es­siert. Er war – er würde jetzt zu Boden blicken und lächeln, aber nicht wider­spre­chen – ein Menschen­freund. Dabei war er zugleich immer bereit zum char­manten Schimpfen, voller Lust am Schmäh und der Provo­ka­tion, politisch und künst­le­risch uner­bitt­lich und oft unbequem in seiner Offenheit. Das konnte man auch in Berlin erleben, genervt von deutscher Harmo­nie­se­lig­keit und dem Berlinale-Programm mit seiner Ansicht nicht hinter dem Berg hielt, dass ein gutes Festival nicht »das Publikum als Legi­ti­ma­tion für alles nehmen« dürfe, das die nur in Berlin beliebte Formel vom Publi­kums­fes­tival »eigent­lich zynisch« sei. »Super­markt sozusagen«.

So viel es ihm auch leicht, Initia­tiven zu unter­s­tützen, die sich zu solchem Main­stream »contro­cor­rente« verhielten. Der vom »Verband der deutschen Film­kritik« 2015 erstmals parallel zur Berlinale veran­stal­teten unab­hän­gigen »Woche der Kritik« war Hans Hurch von Anfang an ein in freund­schaft­li­cher Sympathie zugetaner Wegbe­gleiter. Es ist keines­falls Zufall, dass es seiner­zeit gerade das Thema »Provo­ka­tion« unter jenen sieben Leit­mo­tiven der Debatten-Panel war, das Hans Hurch beson­deres Interesse weckte, sodass er seine Teilnahme zusagte.

Man kann sich diese Debatte komplett auf YouTube ansehen. Vor seiner ersten Stel­lung­nahme an provo­ziert Hans Hurch dort die Debatte, auch in dem er sich jenen Fragen verwei­gerte, die ihm unpassend schienen. Nach einer guten halben Stunde machte er den zugleich absurden wie provo­ka­tiven Vorschlag, den Begriff »Provo­ka­tion« den ganzen Abend nicht mehr zu benutzen.
Dort erklärt er auch, Jean Renoir zitierend, seine Art zu arbeiten: »Ob ich kriti­siert werde ist mir wurscht, denn ich weiß ja, was ich tue.« Aber man solle mit seinen Posi­tionen verant­wor­tungs­voll umgehen.
An diesem Abend formu­lierte Hans Hurch auch etwas, das ich seitdem als eine Art persön­li­ches Glau­bens­be­kenntnis verstanden habe:

»Es inter­es­siert mich überhaupt nicht, irgendwen zu erziehen. Ich versuche Filme zu finden, die man gern zeigen möchte. Wie ein Filme­ma­cher und wie Film­kri­tiker muss ich Entschei­dungen treffen. Mich inter­es­siert auch keine »Film­kultur'. Was mich inter­es­siert, ist die Revo­lu­tion. Das klingt altmo­disch, aber was mich inter­es­siert, ist, die Welt zu verändern.
Ich weiß, dass ich nicht stark genug bin, dass ich ein Klein­bürger bin, dass ich das nicht schaffe, indem ich Filme program­miere, aber immerhin habe ich noch die kleine Idee irgendwo in meinem Hinter­kopf, dass noch irgend­etwas anders möglich ist, als das, was in dieser Welt existiert.
Wir sind eine Kaste – keine soziale Klasse, sondern eine Kaste. Wir verfolgen bestimmte ökono­mi­sche Inter­essen, und dann versuchen wir unsere kleine Freiheit zu haben, und unsere eigenen Ideen zu verfolgen.
Ich denke ein guter Filme­ma­cher ist ein guter Film­kri­tiker. Was wir hier tun, das ist Pfeifen im Wald. Es macht nicht viel Sinn. Aber wir sollten uns dafür auch nicht entschul­digen.
Das Kino kann einem Ideen und Erfah­rungen geben, es kann einen etwas fühlen lassen – das ist schon eine Menge.«

Für einige von uns, war Hans Hurch ein kluger Ratgeber und eindrucks­volles Vorbild, vor allem aber ein Freund. Es ist ungemein traurig, und schwer zu begreifen, es ist auch schreck­lich ungerecht, dass uns am Montag die Nachricht erreichte, dass Hans Hurch am Sonn­tag­vor­mittag ist Hans Hurch in Rom über­ra­schend an Herz­ver­sagen gestorben ist. Warum trifft es gerade die, gerade so einmalige unver­wech­sel­bare Menschen und Figuren des Betriebs, denen man noch so viele Jahre gegönnt hätte?

Hans hinter­lässt nicht nur Angehö­rige, Freunde und das Team der Viennale, sondern auch viele Wegge­fährten in der inter­na­tio­nalen Filmszene. Sein enthu­si­as­ti­sches Eintreten für das Auto­ren­kino wird hoffent­lich nicht nur in der Viennale weiter wirken.

Hier finden Sie ein Gespräch, dass Rüdiger Suchsland für artechock im Februar 2016 auf der Berlinale mit Hans Hurch führte.

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