20.07.2017

Der Vater der lebenden Toten

Die Nacht der lebenden Toten
Amerikanischen Albträume und Lebenslügen auf der Leinwand...

George A. Romero, der Pionier des »Zombie«-Films, ist gestorben

Von Rüdiger Suchsland

Nur auf den ersten Blick könnte man meinen, sie wären kein Thema für das bildungs­bür­ger­liche Feuil­leton: Die Zombies, jene seltsamen Untoten, die im Horror­kino seit Beginn der Film­ge­schichte immer populärer wurden. Doch erst durch den Regisseur George A. Romero wurde aus einer Horror­figur unter vielen eine der wich­tigsten popkul­tu­rellen Metaphern unserer Zeit: Ob vergan­gene Woche, als 1000 fried­liche Demons­tranten ganz in grau gekleidet, mit grau geschminkten Gesich­tern, mit einem »Zombie-Walk« im schlur­fenden Zeit­lu­pen­gang als lebende Tote des Kapi­ta­lismus gegen den Hamburger »G20«-Gipfel protes­tierten, oder schon vor gut 20 Jahren, als Michael Jackson mit seinem »Thriller« den berühm­testen Musik-Video der Geschichte produ­zierte – immer stand George Romero und die von ihm erfun­denen Figuren Pate.

Bereits in seinem aller­ersten Film, Die Nacht der lebenden Toten legte Romero den Grund­stein für das, was ihn zeit­le­bens beschäf­tigen und verfolgen sollte. Zuvor hatte er als Regisseur von Werbe­filmen sein Handwerk gelernt. Als Sohn eines kuba­ni­schen Vaters war er am 4. Februar 1940 in der New Yorker Bronx zur Welt gekommen.
Für nur 6000 Dollar produ­zierte er dann seinen Erstling – ursprüng­lich ein nicht ganz ernst gemeinter Paranoia-Thriller. Aber es war das Jahr 1968, als auch das liberale Amerika gegen den Vietnam-Krieg protes­tierte. Und als dann auch noch Martin Luther King von Rassisten ermordet wurde, wurde aus dem Film, in dem spießbür­ger­liche weiße Tote, die durch seltsame Strah­lungen wieder zum Leben erweckt wurden, die schwarze Haupt­figur zu Tode hetzen plötzlich eine soziale Metapher.

Mit diesem Film wurde Romero zur führenden Figur jener Gruppe von Inde­pen­dent-Regis­seuren, die noch jenseits des schon unab­hän­gigen »New Hollywood« die verschrienen Genres und Figuren des »Mitter­nachts-Kinos« – Vampire, Außer­ir­di­sche, »Körper­fresser«, Horror, Science-Fiction, Sex- und Splatter – benutzen, um Amerika zu verändern: John Carpenter, Wes Craven, David Cronen­berg und eben Romero brachten die ameri­ka­ni­schen Albträume und Lebens­lügen auf die Leinwand und wurden der filmische Zweig der 68er.
Während die Kollegen ihre Stoffe vari­ierten, waren Romeros Lebens­thema die Zombies. Ursprüng­lich stammten sie aus dem Voodoo-Kult der ameri­ka­ni­schen »Neger­sklaven«, in dem lebende Menschen, in toten­glei­chen Trance versetzt werden und nur zu langsamen Bewe­gungen fähig sind.
Romero vermischte diese Idee mit der sinn­li­chen Erfahrung der Schrecken des 20. Jahr­hun­derts: Die Über­le­benden der NS-Vernich­tungs­lager und Hiro­shimas, aber auch Napalm-Opfer, denen die Haut in Fetzen vom Leib hin – das waren die Zombies der Wirk­lich­keit, die ihren kultu­rellen Ausdruck im Zombie-Film fanden.

Denn die Zombies mögen Monster sein, aber vor allem sind sie Opfer: Im Gegensatz zu Vampiren sind die Zombies keine glamourösen, souver­änen Monster, und im Gegensatz zu Aliens kommen sie nicht aus anderen Welten, sondern aus unserer Mitte. Sie sind Ausge­stoßene, Versehrte, und gerade in dem, was wir an ihnen unan­ge­nehm und ekelig finden, sind sie ein Spiegel unserer selbst: In einer Gesell­schaft, die sehr stark von der Opti­mie­rung geprägt ist, verkör­pern sie unsere eigene Angst vor körper­li­chem Verfall, Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­lust, vor Krankheit, Tod und Verwesung.

Im Werk Romeros, der auch (Zombie-)Romane schrieb, folgten auf den aller­ersten noch sechs weitere Zombie-Filme, der letzte 2009. In ihnen wurden die Figuren immer mensch­li­cher und mutierten zur Analogie auf den Durch­schnitts­kon­su­menten, der von Medien und Popu­listen mani­pu­liert wie fern­ge­steuert den Versu­chungen des Kapi­ta­lismus erliegt. Berühmt ist Dawn of the Dead, der fast komplett in einer großen Shopping-Mall spielt – aus Waren werden hier Waffen.

George A. Romero war insofern auch der Klas­sen­kämpfer des Horror­films. Ein wider­s­tän­diger, humor­voller Kritiker des ameri­ka­ni­schen Traums und seiner Versu­chungen, einer der im Schrecken immer auch das Eigene entdeckte. Am Sonntag erlag Romero mit 77 Jahren einer Krebs­er­kran­kung.

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