04.05.2017

Frauen und ernste Filme gewinnen

Nicolette Krebits WILD
Der mit Abstand radikalste, gewagteste Film unter den Nominierten: Nicolette Krebitz' Wild

Männer die auf Bäumen sitzen und Frauen, die minu­ten­lang unter Wasser schwimmen: Rumge­sülze, erwartete Preise und andere sonder­bare Eindr ücke beim deutschen Filmpreis

Von Rüdiger Suchsland

»Toni Erdmann«, »Toni Erdmann«, »Toni Erdmann«, »Toni Erdmann«, »Toni Erdmann«, »Toni Erdmann« – gleich sechsmal war Toni Erdmann nominiert, sechsmal gewann Maren Ades Film. Es waren auch sonst am Ende einmal mehr die Favoriten und die üblichen Verdäch­tigen, die am Samstag-Abend bei einer fest­li­chen Gala­ver­an­stal­tung auf dem Berliner Messe den Deutschen Filmpreis 2017 erhalten haben.

Nichts wirklich dagegen zu sagen, aber auch keine Preis­ver­gabe, die nach einem Jahr Toni Erdmann-Hype noch außer bei den Betei­ligten irgend­eine Begeis­te­rung auslöst. Und wahr­schein­lich insgesamt verdient, wenn auch etwas zu viel, etwas zu eindeutig. Denn diese scheinbar unein­ge­schränkte Zustim­mung aller­orten für Toni Erdmann bürdet dem Film auch etwas auf, was er nicht aushält, lädt ihn mit einer Erwartung auf, die er nicht einlöst und auch nicht verdient hat – denn so groß, oder gar perfekt, gar ein Film, der das Kino verändert, ist Toni Erdmann  nicht. Man kann sogar mit guten Gründen zweifeln, ob sich in zehn oder zwanzig Jahren noch irgendwer an Toni Erdmann erinnern wird. Eine sehr geschätzte Kollegin schrieb das neulich in größerer Runde so: »Leute, ich bin davon überzeugt, dass der Super­rie­sen­er­folg dieses Films in 10 Jahren als inter­es­santes Miss­ver­s­tändnis gehandelt werden wird. Der Film hat beacht­liche Schwächen.«

Man muss das nicht so sehen. Man wünschte sich aber, gerade von einer Film­aka­demie, die doch nach eigenem Selbst­ver­s­tändnis (oder Selbst­dar­stel­lung?) aus lauter super­kom­pe­tenten Quasi-Experten besteht, die so viel besser Bescheid wissen, als Jurys, Kritiker oder das Publikum, von so einer Masse aus 1800 Bescheid­wis­sern wünschte man sich zumindest ein paar zarte Stimmen des Dissenses, des Zweifels, ob Toni Erdmann in jeder maßgeb­li­chen Kategorie außer ausge­rechnet Kamera – oder hat er exzel­lente Patrick Orth einfach nur die schwächere Lobby – wirklich der beste Film des Jahres ist, oder der auszeich­nungs­wür­digste.

Einmal mehr konnte man da statt­dessen etwas anderes beob­achten: Ein hyper­ven­ti­lie­rendes Kollektiv, das sich an der eigenen Begeis­te­rung begeis­tert, und sich freut, als gefühlt drei­zehnte deutsche Bran­chen­in­sti­tu­tion Toni Erdmann«auszu­zeichnen – die zwölfte war, das wollen wir nicht verschweigen, davor der »Verband der deutschen Film­kritik, der dann aber immerhin Lilith Stan­gen­berg für ihre atem­be­rau­bende Leistung in Wild gewürdigt hat. Wild ist gerade so ein Dissens­film, wie Toni Erdmann eben doch ein Konsens­film ist.

Und selbst­ver­s­tänd­lich spie­gelten sich alle diese Gedanken, Zweifel und Einwände dann auch in vielen Gesprächen mit Akademie-Mitglie­dern und Filme­ma­chern bei der anschließenden Filmpreis-Party wieder. Nur eben nicht in den Preis­ab­stim­mungen. So war es dann auch eher eine Entschei­dung, die bestätigt, wie lang­weilig das Resultat einer Massen­wahl eben norma­ler­weise ist.

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Immerhin zweiter Sieger wurde Wild von Nicolette Krebitz mit vier Preisen – der mit Abstand radi­kalste, gewag­teste Film unter den Nomi­nierten, derjenige, der am ehesten dem entspricht, was die Bundes­film­preise – im Amts­deutsch eine »zweck­ge­bun­dene Subven­tion« der Kultur­för­der­gelder des Bundes­tages für »heraus­ra­gende kultu­relle Einzel­leis­tungen« – eigent­lich sein sollten: Eine Auszeich­nung für das Besondere.
Es handelt sich, auch daran muss man regel­mäßig erinnern, nicht wie beim »Oscar« um einen Preis der Film­aka­demie, sondern um einen Staats­preis, um Steu­er­gelder für Kultur, die die Akademie allen­falls treu­hän­de­risch auf Zeit verwaltet. Und es ist die mit insgesamt drei Millionen am aller­höchsten dotierte Kultur­aus­zeich­nung des Landes – viel höher als die ganzen anderen Preise, die die Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters nach unserem Eindruck viel mehr inter­es­sieren.

Übrigens, das gehört jetzt gar nicht hierhin, nur ein kleiner Teil des Etats der Berlinale, den wir hier demnächst auch mal näher unter die Lupe nehmen müssen. Aber der ist ja auch keine Kultur­aus­zeich­nung.

Dieses Rumge­sülze immer – »starker Jahrgang«. Abgesehen, davon dass Kino kein Wein und keine Klasse der Berliner Schule ist, der Filmpreis keine Abifete, auch wenn man das manchmal zu später Stunde glaubt, abgesehen davon sind 16 Prozent Markt­an­teil auch nicht sehr hoch, sondern eine Enttäu­schung.
Wer keinen dieser Filme gesehen hatte, und nur von den Ausschnitten urteilen konnte, der musste sonder­bare Eindrücke bekommen: Männer, die auf Bäumen sitzen und Frauen, die minu­ten­lang unter Wasser schwimmen – haben wir schon hunder­temal gesehen. Aber immer wieder schöne Klischees.

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Der große Verlierer des Abends war dagegen – auch aus vielen Gründen nicht unver­dient – Chris Kraus' geschmack­lose »Holocaust-Komödie« Die Blumen von gestern: Trotz acht Nomi­nie­rungen gab es keinen einzigen Preis – offenbar hatten sich viele Akade­mie­mit­glieder über die Aufmerk­sam­keit durch über­trieben empfun­dene 8 Nomi­nie­rungen geärgert. Wobei das Verlieren in jedem Fall relativ gemeint ist – immer noch unglaub­liche 250.000 Euro Förder­geld gibt es schließ­lich allein für die Nomi­nie­rung. Zumindest im Fall von Will­kommen bei den Hartmanns, der von Filmkunst so entfernt ist wie die Erde vom Mars, ist das eine Schande.

Til Schweiger war dann als Laudator von Will­kommen bei den Hartmanns engagiert, und versuchte, die Flücht­lings­kla­motte zu einem poli­ti­schen Manifest umzu­dichten: »nimmt berech­tigte Sorgen ernst ... nach­voll­ziehbar, irri­tie­rend und spannend« – dass das Til Schweiger so ging, das glaube ich sogar. Ansonsten war die Botschaft auch Til-Schweiger-haft: 3,6 Millionen Zuschauer können nicht irren, was wollt ihr!

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Als Peter Simo­ni­schek den Darstel­ler­preis bekam, war er über Skype zuge­schaltet, wie später noch Michael Moore, was dessen Absage noch zusätz­lich hervorhob. Ist Skype ein Filmpreis-Sponsor, oder fanden da wirklich welche »oh ist doch toll, dass der dabei ist... egal ob man was versteht« – ja spinnen die denn! Und das schreibe ich nicht, weil Iris Berben über­setzte, das war ganz hervor­ra­gend.

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Trotzdem war es am Freitag eine solide Veran­stal­tung mit ange­mes­senen Entschei­dungen und ohne große Über­ra­schungen im Guten wie schlechten. Und gut erklärbar: Drei ernste Filme und drei Komödien waren nominiert – es gewannen die ernsten. Drei Regis­seu­rinnen waren nominiert, und drei Regis­seure – es gewannen die Frauen.
Voll­kommen äußer­liche Aspekte, die mit den einzelnen Filmen wenig zu tun haben.

Was aber irritiert, sind mindes­tens drei Aspekte. Einmal reine Geschmacks­fragen: Die Kleider (Ich würde übrigens auch über Männer schreiben, wenn sie Kleider anhätten, oder wenigs­tens gemus­terte Smokings mit hand­tel­ler­großen Löchern überm Bauch­nabel, also nix fürs Gender­ge­me­cker jetzt bitte). Locker ein halbes Dutzend mal fragte man sich, ob das jetzt Absicht war, oder die Schwester, die halt gerade eine Schnei­der­lehre macht, oder der Wühltisch am Donnerstag im Münchner Woolworth... Loben wir besser: Palina Rojinski hatte ein Super­kleid, das ihr hervor­ra­gend stand. Das war schon mal eine Ausnahme. Das schönste Outfit des Abends hatte aber Nicolette Krebitz – und ich kann nicht behaupten, dass mich das über­rascht.
Die Kinder­filme: Warum müssen Kinder­filme eigent­lich immer so kitschig und senti­mental sein. Warum haben da alle einen Tonfall, als sei der Film für Drei­jäh­rige, obwohl er erst ab 6 frei­ge­geben ist?
DIe Musik­ein­lagen: Sogar in den dezenten Fern­seh­bil­dern war das Augen­rollen und Fremd­schämen der nomi­nierten Regis­seure deutlich sichtbar, als Katja Riemann als Musik-Pausen­show-Einlage auftrat – mit Schmet­ter­lings­flü­geln eher an eine japa­ni­sche Manga­puppe erinnernd, als an einen seriösen Filmstar. Ist denn da niemand, der Gedanke kam nicht nur mir, der die Stars rettet vor solchen Selbst­ent­blößungen? Schon klar, das sollte alles überaus ironisch sein, es verstand aber keiner.

Da war der Kitsch­ge­sang von Jasmin Tabatabai zu den Schwarz­weiß-Bildern der Verstor­benen noch relativ ok, im Gegensatz zu manchen ihrer Mode­ra­tionen.
Einmal mehr galt: Wenn deutsche Filmleute auf der Bühne reden, dann hat es selten etwas Selbst­ver­s­tänd­li­ches. Entweder sind sie so brachial gut gelaunt, dass man sich die Ohren zuhalten will, oder wahn­sinnig ergriffen von sich selbst, oder ungemein bedeu­tungs­voll: »Man muss wählen gehen und dann die Entschei­dung der Mehrheit akzep­tieren.« sagte Tabatabai, die sich offenbar eigene Gedanken gemacht hat. Das hätte sie besser gelassen.

Quatsch! So ein Blödsinn!! Den Satz hätte auch Erdogan sagen können. Nicht bloße Mehrheit, sondern Respekt für Minder­heiten – man muss das in den Zeiten der Demagogen wohl auch bei einem Filmpreis sagen – ist der Unter­schied zwischen Demo­kratie und der Diktatur des kleinsten gemein­samen Nenners.
Überdies »gehen« nach eigenen Angaben der Film­aka­demie nur um die 60 Prozent ihrer Mitglieder wählen. Von »müssen« keine Rede.

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Davon abgesehen, sollte eine Akademie, die angeblich auf ihre Würde hält viel­leicht auch nicht als aller­erstes die Politiker begrüßen, und dann die Fern­seh­sender – aber dieser Moment ist natürlich authen­ti­scher, als alles was folgt – und wird deswegen für die Fern­sehüber­tra­gung genauso raus­ge­schnitten, wie die Rede der Kultur­mi­nis­terin. Wer im Saal sitzt, erlebt dafür dann zwei Anfänge: Einmal den echten mit Grüt­ters­rede, und dann nochmal den zweiten fürs Fern­seh­volk.

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»Ich bin so froh, dass ich in einem Land lebe, wo das möglich ist.« sagt Jasmin Tabatabai dann mit erhobenem Zeige­finger und jener über­be­tonten Aussprache, an der man die Schau­spie­lerin von der Mode­ra­torin unter­scheiden kann. Chris­tiane Paul weinte schon an dieser Stelle. Dabei meinte Tabatabai gar nicht die zwei Veran­stal­tungs-Anfänge oder die ausge­fal­lene Grüt­ters­rede, sondern immer noch die freue Film­preis­wahl und die Meinungs­frei­heit, oder irgendwas dazwi­schen.

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Die Party nach der Verlei­hung war dann sehr charmant, lauter nette Leute und Gespräche, die um Fragen kreisten, wie ob Frederik Lau eigent­lich ein Brust­haar­toupee hat, oder in Das kalte Herz alles echt ist (wir werden das noch aufklären), ob Justus von Dohnanyi in Timm Thaler jetzt uner­träg­lich ist, oder ob's an der Regie liegt (tut es nicht), und von welchem Film die Kollegin gegenüber sprach, als wir den Wort­fetzen »ein richtiger Scheiß­film, ich hab mich geekelt vor diesem Film« auffingen. Ich hab es natürlich raus­ge­funden, aber es wäre jetzt unhöflich, das zu sagen.

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Natürlich gab es nach der Preis­ver­lei­hung auch wieder die bekannten Debatten um das drei­stu­fige, überaus kompli­zierte Wahl­ver­fahren, das auch nur wenige Akade­mie­mit­glieder wirklich durch­schauen. Viele Filme­ma­cher kriti­sierten um Umfeld der Preis­ver­lei­hung, dass extremere, irri­tie­rende, unge­wöhn­liche Werke zum Teil gar nicht nominiert waren.
Will man zu guter Letzt etwas Konstruk­tives vorschlagen, und auch darüber reden viele auch in der Akademie, dann könnte man ja mal überlegen, ob man wie bei den Golden Globes Äpfel und Birnen nicht zusam­men­wirft, sondern trennt, also je Preise für »Beste Komödie« und »Bestes Drama« vergibt. Ob man viel­leicht einen Preis fürs Beste Debüt vergibt, trotz »First Steps«. Und Preise für Jugend­filme, so etwas wie »Gene­ra­tion 14plus« auf der Berlinale.

Fazit einst­weilen: Die Nomi­nie­rungs­ver­gabe durch die Akademie funk­tio­niert nicht, trotz viel Mühe um Ausge­wo­gen­heit, Gerech­tig­keit und demo­kra­ti­sche Verfahren.
Und der Bundes­film­preis wird auch nicht besser, weil man ihn Lola nennt.

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