13.04.2017

The woman with a thousand faces

Ik ben Alice
Die Wandelbare: Cate Blanchett in Manifesto (Foto: Villa Stuck)

Cate Blanchett auf allen Kanälen: Manifesto als Instal­la­tion in der Villa Stuck, als Film bei Kino der Kunst, die Schau­spie­lerin in einer Filmreihe im Film­mu­seum München

Von Christoph Becker

»Ich bin im Krieg mit meiner Zeit, mit der Geschichte, mit jeglicher Autorität, die in festen, verängs­tigten Formen steckt.« (Lebbeus Woods)

Für eilige Leser: Wenn Sie sich für Kunst, Literatur oder Film inter­es­sieren: Nehmen Sie sich gute zwei Stunden Zeit und gehen Sie in die Villa Stuck in München, um der austra­li­schen Oscar­preis­trä­gerin Cate Blanchett zuzusehen, wie sie in viele verschie­dene Kurzfilm-Rollen schlüpft (jeweils 10 Minuten), die unter­schied­li­cher kaum sein können. Für netz­af­fine Leser: Nehmen Sie sich zwei­ein­halb Minuten und schauen Sie sich auf YouTube den Trailer (2015) zu Manifesto an.

Allein die Ankün­di­gung einer 13-teiligen Film­in­stal­la­tion ist eigent­lich schon eine Zumutung. Hat man doch als mehr oder weniger Kunst­in­ter­es­sierter schon viele enttäu­schende Erfah­rungen mit Videos in Museen gemacht. Man wollte doch eigent­lich in großen, hellen Räumen schöne Ölgemälde sehen und findet sich plötzlich, nachdem man den schweren schwarzen Vorhang beisei­te­ge­schoben hat, unsicher tastend in einem kleinen, dunklen Raum wieder, in dem man wie ein zu spät kommender Kino­be­su­cher mitten in die Film­hand­lung platzt und sich nach einem freien Platz umschaut. Nach zwei Minuten fragt man sich dann zum ersten Mal, ob sich ein Weiter­schauen lohnt – man möchte ja noch die anderen Bilder sehen – und ärgert sich, dass man nicht auf das winzig kleine Schild mit dem Hinweis auf die Filmdauer geachtet hat. Dazu kommen noch die teilweise filmäs­t­he­tisch wenig anspre­chende Gestal­tung und der sehr asso­zia­tive Inhalt des Gezeigten. Fazit: Ein inten­sives Einlassen auf künst­le­ri­sche Videos lässt sich mit einem zeitlich durch­schnitt­li­chen Muse­ums­rund­gang kaum verein­baren. Und jetzt über zwei Stunden nur Videos schauen?

Die zweite Zumutung: Textliche Grundlage der Film­in­stal­la­tion des in Berlin lebenden deutschen Künstlers Julian Rosefeldt sind Ausschnitte aus ganz unter­schied­li­chen Mani­festen, ange­fangen mit Marx und Engels' kommu­nis­ti­schem Manifest aus dem Jahr 1848 bis hin zu einem Text des Filme­ma­chers Jim Jarmusch aus dem Jahr 2004. Manifeste? Waren das nicht diese lang­wei­ligen, stets etwas pubertär und größen­wahn­sinnig, jeden­falls schon wenige Jahre später völlig anachro­nis­tisch wirkenden Texte, die man im Deutsch­un­ter­richt (DADA) oder Kunst­leis­tungs­kurs (Marinetti) zuletzt gelesen hat?

Stellt man sich nun mutig diesen Heraus­for­de­rungen und betritt die großen halb­dunklen Ausstel­lungs­räume der Villa Stuck, sucht man sich zunächst eher zufällig einen freien Platz auf einem einfachen Sitzblock vor einem der vielen groß­for­ma­tigen Bild­schirme. Schnell gerät man aber in den Bann dieser kleinen zehn­minü­tigen Filme. Als Erstes fällt die über­ra­gende Bild­qua­lität auf (aufge­nommen mit einer digitalen Kino­ka­mera, Arri Alexa XT Plus), die sich wohltuend von manch grob­kör­niger, verwa­ckelter Video­in­stal­la­tion abhebt. Jeder Film zieht einen wie ein Sog in eine jeweils ganz eigene Räum­lich­keit mit seiner spezi­fi­schen Atmo­s­phäre, sei es ein Friedhof, eine Müll­ver­bren­nungs­an­lage oder das Esszimmer einer konser­va­tiven ameri­ka­ni­schen Klein­fa­milie. Jeder Film erzählt eine kleine Geschichte aus einem eigenen Lebens­uni­versum. Da ist die profes­sio­nelle Nach­rich­ten­spre­cherin im Fern­seh­studio, die Einsam­keit ausstrah­lende Arbei­ter­frau, die zu ihrer Arbeit in der Müll­ver­bren­nungs­an­lage fährt oder die exzen­tri­sche Choreo­gra­phin samt futu­ris­ti­schem Ballett. Bis man dazu kommt, wirklich auf die Texte zu achten, kann man sich schon satt sehen an der Verwand­lungs­kunst Cate Blan­chetts, die jede Rolle mit einer unfass­baren Authen­ti­zität verkör­pert.

Es ist kaum vorstellbar, dass die gesamten Dreh­ar­beiten in nur 12 Tagen abge­schlossen wurden, denn in jeder Rolle zeigt Blanchett einen anderen Dialekt und eine komplett andere Körper­hal­tung und Mimik. Zudem hatte sie eine ungeheure Textmenge zu bewäl­tigen. Man nimmt ihr die betrun­kene Punkerin in der schum­me­rigen Bar ebenso selbst­ver­s­tänd­lich ab wie die pädago­gisch wertvoll agierende Grund­schul­leh­rerin im Klas­sen­zimmer. Kaum wieder­zu­er­kennen ist sie als obdach­loser Mann in einer apoka­lyp­tisch anmu­tenden Ruinen­land­schaft (gedreht in den ehema­ligen ameri­ka­ni­schen Abhör­an­lagen im Westen Berlins). Erfahrung mit einer Männer­rolle hatte die Austra­lierin ja schon als Bob Dylan im Film I'm Not There machen können. Das Gespräch über diesen Film gehörte zu dem Entste­hungs­pro­zess dieses Projektes, das Julian Rosefeldt mit Blanchett in Teilen gemeinsam erar­bei­tete.

Es ist schon allein faszi­nie­rend, in die verschie­denen Lebens­welten einzu­tau­chen, die einem in ihrer extremen räum­li­chen Gegen­sätz­lich­keit das Gefühl vermit­teln, in zwei Stunden eine Reise durch alle rele­vanten Soziotope und Gesell­schafts­schichten der (west­li­chen) Welt zu unter­nehmen. Dazu kommt die Begegnung mit den außer­ge­wöhn­li­chen Texten, die Rosefeldt aus ungefähr sechzig Mani­festen zu jedem Film zu einer ganz eigenen Collage konden­siert hat. Diese Textebene eröffnet Span­nungs­felder und zusätz­liche Inter­pre­ta­ti­ons­räume im Kontrast oder im Zusam­men­klang mit den erzählten Geschichten, die unendlich erscheinen. Dabei gibt es eher lustige Effekte, wenn zum Beispiel die über­strenge und gänzlich humor­freie Mutter beim Tisch­gebet »a piece of shit« erwähnt (aus einem Manifest von Claes Oldenburg) und sich ihre kleinen Söhne daraufhin heimlich verschmitzt lachend anschauen. Manche Sätze wirken dagegen wie ein Kommentar zu dem Gezeigten, etwa wenn der Obdach­lose durch die Ruinen­land­schaft schlurft und dazu aus dem Voice over die Worte tönen: »An old world is dying; a new one is being born. Capi­ta­list civi­liza­tion […] is in the process of decay« (deutsche Über­set­zungen finden sich in dem Ausstel­lungs­ka­talog.) Auf jeden Fall ergeben sich in der Konfron­ta­tion der meist älteren Texte mit den modernen Lebens­welten frische und quick­le­ben­dige Kombi­na­tionen und teilweise verwir­rende oder inspi­rie­rende neue Aussagen.

Für Rosefeldt spielt dabei auch die weibliche Perspek­tive eine besondere Rolle, wie er in einem Interview zur Entste­hung der Film­in­stal­la­tion ausgesagt hat: »In parallel, I began to sketch different scenes in which a woman talks, ending up with sixty short scenes, situa­tions right across various educa­tional levels and profes­sional milieus. The only thing these draft scenes had in common was that they are being performed today, and that a woman is holding a monologue.« (Julian Rosefeldt Interview, ACMI)

Weil alle Einzel­filme als Endlos­schleife simultan und räumlich und akustisch nicht deutlich vonein­ander abge­trennt auf drei Etagen (zählt man die Empore als eine Etage mit) laufen, entsteht ein neugierig machendes Neben- und Inein­an­der­fließen der Bilder und Töne. Zwischen­durch schaut man schnell mal zum benach­barten Bild­schirm und fragt sich, in welche Rolle die Schau­spie­lerin wohl im nächsten Video schlüpfen wird. Dazu verknüpft Rosefeldt mit einer über­ra­schenden Idee alle Teile der Instal­la­tion: Jeweils gegen Ende der Filme kommt es zu einer akus­ti­schen Gleich­schal­tung aller Filme, bei der Blanchett in jeder ihrer Rollen kurz­zeitig in einen sugges­tiven Singsang in verschie­denen Tonhöhen verfällt und damit einen musi­ka­li­schen Chor-Effekt erzeugt, der die gesamte Darstel­lung fokus­siert und gleich­zeitig zusam­men­führt.
Beab­sich­tigt oder nicht: Leit­mo­ti­visch durch­zieht alle Räume der Ausstel­lung die irgend­wann penetrant Aufmerk­sam­keit bean­spru­chende Musik der Beer­di­gungs­szene. Ist das ein Symbol des großen Abge­sanges auf die westliche Kultur? Auf jeden Fall beinhalten die meisten ausge­wählten Mani­fes­to­texte eine kritische Sicht auf ihre jeweilige Zeit und einen eman­zi­pa­tiven, nach Befreiung und Aufbruch stre­benden Impetus einer jungen Gene­ra­tion, wie es auch im eingangs zitierten »Epilog« der Ausstel­lung zu lesen ist: »I'm at war with my time.«

Manifesto kann man sich, will man sich mehrmals anschauen, weil es so viel zu entdecken gibt, weil hier so viele ästhe­ti­sche und intel­lek­tu­elle Qualitäten zusam­men­wirken und weiter­wirken, weil hier auch einfach jemand das Film­hand­werk perfekt beherrscht.
Außer in München läuft das Projekt zurzeit noch in Stuttgart und Hannover. Ergänzen und vertiefen kann man den Ausstel­lungs­be­such auch mit einem Eintau­chen in das cine­as­ti­sche Werk von Cate Blanchett: Das Film­mu­seum München zeigt bis zum 14. 6. 2017 eine Filmreihe der großen Schau­spie­lerin, unter anderem noch mit Aviator, I'm Not There, Heaven und Blue Jasmine. Und last but not least kann die Instal­la­tion noch einmal ganz neu entdeckt werden, wenn sie bei Kino der Kunst als Single-Channel-Film auf der großen Leinwand zu sehen ist.

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Manifesto. Julian Rosefeldt. Ausstel­lung in der Villa Stuck bis 21.5.2017
Manifesto, Film von Julian Rosefeldt, Kino der Kunst, (21.04.2017, 19:30 Uhr, HFF Audimaxx, Wdh. 23.04.2017, City Kino)
Filmreihe Cate Blanchett, Film­mu­seum München, (bis 14.6.2017) 

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