23.03.2017

Das E und U des Kurzfilms

Limbo
Sorgfältig kadrierter Gewinnerfilm des internationalen Wettbewerbs: Limbo von Konstantina Kotzamani

Die 23. inter­na­tio­nale Kurz­film­woche Regens­burg zeigt anspruchs­volle Kurzfilm-Unter­hal­tung in einem reich­haltig diversen Programm

Von Dunja Bialas

Regens­burg, so erfahre ich in dem zwölf­minü­tigen Doku­men­tar­film Kino­land­schaft in Regens­burg, ist eine Stadt mit einer vitalen Kinoszene. Mit fünfzehn Sälen hat die Haupt­stadt der Oberpfalz eine der höchsten Kino-Dichten Deutsch­lands, acht davon fallen dem Multiplex Cinemaxx zu, die rest­li­chen sieben teilen sich die fünf Arthouse-Kinos auf: Ihnen konnte der vor knapp zwanzig Jahren eröffnete Kinoriese nichts anhaben. Das sah nicht immer so aus. Noch 2013 titelte die »Mittel­baye­ri­sche«: »Das Osten­tor­kino muss zusperren.«

Heute ist das Osten­tor­kino immer noch da und eine der fünf Spiel­stätten der Kurz­film­woche Regens­burg. Beim Besuch zeigt sich das Kino genau wie das älteste gotische (Regens­burger) Stadttor, nach dem es benannt ist, als bestens erhalten. Das »Licht­spiel­haus« wartet mit bequemen Sitzen und einer großen, leicht konkav gebogenen Leinwand auf, um auch Cine­ma­scope eindrucks­voll darzu­stellen. Eine Kurio­sität verbirgt sich hier, die das Osten­tor­kino für auswär­tige Besucher zur unbe­dingten Sehens­wür­dig­keit macht: Direkt hinter der Leinwand liegt die soge­nannte »Kino­kneipe«, ein mit dem Kinosaal durch einen schmalen Durchgang verbun­denes urge­müt­li­ches Lokal. In den verwin­kelten Räumen finden sich Kicker und Dart, und an den Wänden hängen Film­pla­kate – ein im tiefsten Kino-Bauch versun­kenes Kabinett.

Der Film Kino­land­schaft in Regens­burg ist einer der über 300 Kurzfilme, die Festi­val­lei­terin Insa Wiese und ihre Kollegen Philipp Weber und Michael Fleig nach Regens­burg geholt haben. Die Filme verteilen sich auf fünfzehn Sektionen, darunter auch das »Regio­nal­fenster«, in dem der Regens­burg-Film lief. In drei Reihen finden Wett­be­werbe mit insgesamt 117 Filmen statt, alles dies beträcht­liche Quan­ti­täten, die die Regens­burger Kurz­film­woche zu einem bedeut­samen Festival seiner Sparte macht.

Wett­be­werbe mit Cent­er­fold

Es gibt einen inter­na­tio­nalen (56 Filme) und einen deutschen Wett­be­werb (31 Filme), außerdem wurde dieses Jahr der sekti­ons­über­grei­fende Wett­be­werb »Archi­tek­tur­fenster« einge­führt, um der Tatsache gerecht zu werden, dass sich eine Vielzahl an Kurz­filmen mit archi­tek­to­ni­schen Aspekten befasst. Um ein Gebäude, eine Stadt­pla­nung oder auch das Verhältnis »Menschen und Gebäude« filmisch darzu­stellen, braucht es bisweilen nicht viel Zeit. Gewonnen hat den »Archi­tek­tur­wett­be­werb« der inter­dis­zi­plinär arbei­tende öster­rei­chi­sche Tänzer und Künstler Willi Dorner. In every-one insze­niert er in zehn Minuten eine Art Reenac­te­ment von Michel de Certeaus »Die Kunst des Handelns«: eine Reihe von Menschen tanzt und bewegt sich durch die Straßen einer Stadt und erforscht mit ihren klet­ternden und sich krüm­menden Körper die Gebäude und deren Eigen­schaften.

Die Program­mie­rung der Festi­val­ma­cher ist darauf bedacht, den Filmen Zusam­men­halt zu geben, und immer besorgt um Diver­sität. Es lässt sich eine wieder­keh­rende Programm­struktur beob­achten, mit einem jeweils leichten ersten und letzten Film und einem sich wie ein groß­for­ma­tiges Cent­er­fold entfal­tenden oftmals fast halb­stün­digen mittel­s­tän­digen Film, um den herum sich die anderen Filme grup­pieren. Ein Schlag­wort oder Motto betitelt die Programme: Sie heißen »Cats and Dogs« (mit antago­nis­ti­schen Filmen), »Alles geregelt« (mit Filmen über den Versuch, der Welt Ordnung zu geben) oder »Eintau­chen« (mit Filmen, in denen das Wasser eine drama­tur­gi­sche Rolle spielt). Hinter den spre­chenden Titeln der Programme verbergen sich auffällig anspruchs­volle Film­pro­gramme, die von den Regens­bur­gern sehr bereit­willig ange­nommen werden.

Keine kurzen Dinger…

Auch dies macht die Regens­burger Kurz­film­woche in der Region bedeutsam. Kurzfilme sind für Insa Wiese keine »kurzen Dinger«, die hopplahopp anfangen, mit einer Pointe enden und in der Mitte Unter­halt­sam­keit bieten. Kurzfilme sind für sie eine ernst zu nehmende Kategorie. So zeigt sie auch doku­men­ta­ri­sche Formate, die Einblicke in besondere Welten bieten, oder Expe­ri­men­tal­filme, die sie für ein breites Publikum in Misch­pro­grammen aus der nerdigen Nische heraus­holt.

Das Kurz­film­genre ist besonders geeignet für den Regens­burger Spagat zwischen E und U. World War Cup beispiels­weise des mehrfach preis­ge­krönten Briten Simon Ellis schält aus der wich­tigsten Neben­sache der Welt, dem Fußball, das natio­na­lis­ti­sche Potential des Sports heraus, und zeigt, ohne zu denun­zieren, den einfäl­tigen Patrio­tismus der briti­schen Fußball­gu­cker in einem Pub, die ein Match gegen Deutsch­land kommen­tieren. You can imagine. Selbiges Kaliber hat der narrativ-expe­ri­men­telle Festi­val­lieb­ling Une poignée de main histo­rique des Franzosen Aurélien Laplace über das Genre des »histo­ri­schen Hände­drucks« zwischen Poli­ti­kern. Ein Film, der in den Wahl­jahren 2016 / 2017 besondere Beachtung erfährt und wie ein Brennglas wirkt.

… sondern: Das große Spektrum

Abstraktes fügt sich so neben Figu­ra­tives, Sphä­ri­sches neben die Narration. Auch im abstrakt-expe­ri­men­tellen Bereich fächerte sich ein breites Spektrum auf, mit dem Mate­ri­al­film Le Bulbe tragique des Quebecers Guillaume Vallée, mit dem sich als stro­bo­sko­pi­scher Bilder­sturm enfal­tende not even nothing can be free of ghosts des in Berlin lebenden Öster­rei­chers Rainer Kohl­berger, einer der Emerging Artists des Festivals, oder dem Monta­ge­film When You Awake des US-Ameri­ka­ners Jay Rosen­blatt, einem der ganz großen Filme­ma­cher im Bereich des Found­foo­tage. Erzäh­lungen, die nach­denk­lich stimmen und oder unter­haltsam sind (beides schließt sich nicht aus) gab es zahlreich zu sehen, darunter besonders hervor­zu­heben der bulga­ri­sche Red Light von Toma Waszarow, der zwar wie eine Parabel wirkt, seine sozi­al­rea­lis­ti­sche Ebene jedoch nie vergisst und von einer Busfahrt erzählt, die (fast) an einer roten Ampel scheitert.

Gewonnen hat im inter­na­tio­nalen Wett­be­werb wiederum ein Film, der sich in das Zwischen­reich von Insze­nie­rung und Kunst schiebt. Limbo der Griechin Konstan­tina Kotzamani erzählt in sorg­fältig kadrierten Tableaus von der von Faszi­na­tion ange­trie­benen Bewegung von zwölf Jungen, die einem äthe­ri­schen Gegenüber begegnen.

In der Durch­sicht längst nicht aller Kurz­film­pro­gramme lässt sich die Leiden­schaft der Festi­val­lei­terin für den Doku­men­tar­film und das Filmessay ausmachen. Darko Fritz, der mit seinem vier­zehn­minü­tigen Zagreb Confi­den­tial – Imaginary Futures die Stadt­ent­wick­lung Zagrebs als (Re-)Konstruk­tion mittels Modelle und Archiv­ma­te­rial verdeut­lich, zeigt, was für eine erkennt­nis­brin­gende Kraft im Kurzessay liegt, das fast ganz ohne Worte und sehr filmisch über die Bild­mon­tage funk­tio­niert. Besonders stark erwies sich auch der Film, der den deutschen Wett­be­werb gewann. Herr und Frau Müller der Münchner HFF-Studentin Dominique Klein zeigt in der Kurzform, wie Doku­men­tar­film geht: Ihre titel­ge­benden Prot­ago­nisten sind ein ganz beson­deres Ehepaar; er ist seit einem Schlag­an­fall im Locked-in-Syndrom von der Welt ausge­schlossen, sie ist eine Frohnatur, die unver­drossen mit ihrem Mann kommu­ni­ziert. Kleins Film ist in der Kürze ein Plädoyer für Toleranz und Konti­nuität und zeigt alles, was ein Film braucht: Die Kraft, die von starken Prot­ago­nisten ausgeht. Und die Leich­tig­keit einer ange­deu­teten Erzählung.

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Die 23. Inter­na­tio­nale Kurz­film­woche Regens­burg fand vom 15. bis 22. März 2017 statt und zeigte über 300 Filme in rund 80 Veran­stal­tungen.
Mehr Infor­ma­tionen und die Einreich­mo­da­litäten gibt es auf der Website des Festivals: www.kurz­film­woche.de.

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