09.03.2017

Der Dibbuk ist los

Ik ben Alice
Drei Menschen, drei Schicksale und Europa im Krieg: der preisgekrönte Paradies eröffnet als Vorpremiere die Filmtage

Die 6. Jüdischen Filmtage zeigen ausge­wählte Filme des zeit­genös­si­schen jüdischen Film­schaf­fens

Von Dunja Bialas

Alle zwei Jahre finden in München die Jüdischen Filmtage statt, dies nun schon zum sechsten Mal. Die Veran­stal­tung befindet sich unter der Fittiche der Gesell­schaft zur Förderung jüdischer Kultur und ergänzt damit die Jüdischen Filmtage, die von der Israe­li­ti­schen Kultus­ge­meinde im Februar zum achten Mal abge­halten wurden – und von uns wegen der Berlinale leider prompt verpasst wurden.

Während letztere unter anderem an so bedeu­tungs­vollen Orten wie dem neu geschaf­fenen NS-Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum oder dem Jüdischen Gemein­de­zen­trum statt­finden und dadurch immer von Haus auch ein wenig Emotion in sich tragen, konzen­trieren sich die 6. Jüdischen Filmtage mit der Nüch­tern­heit des Vortrags­saals der Stadt­bi­blio­thek im Gasteig (neu umbenannt in »Carl-Amery-Saal«) ganz auf die Filme.

Im Zentrum des Festivals steht die Ausein­an­der­set­zung der Dritten Gene­ra­tion mit den Auswir­kungen der Shoah und des Zweiten Welt­kriegs. Auf der anderen Seite aber möchte man auch den modernen Alltag erfassen und auf das Leben blicken, wie es sich vor allem in Israel darstellt. Besonders spannend sind dieses Jahr die Spiel­filme, unter denen sich echte Perlen finden.

So geht es recht glamourös am Samstag los, wenn mit Paradies des Russen Andrei Konchal­ovsky eröffnet wird, der auf den Film­fest­spielen von Venedig mit dem Silbernen Löwen ausge­zeichnet wurde. Konchal­ovsky, der heute 79 Jahre alt ist, hat bei Andrei Tarkovsky gelernt, und das merkt man seinem Film noch an. Weiches Schwarz-Weiß bettet sanft die europäi­sche Dreiecks-Geschichte von der russisch-aris­to­kra­ti­schen Emigrantin Olga (Julia Vysots­kaya), einem aktiven Résis­tance-Mitglied, Jules (Philippe Duquesne), einem fran­zö­si­schen Colla­bo­ra­teur, und dem Deutschen Helmut (Christian Clauß), einem hoch­ran­gingen SS-Offizier. Die Wege der drei kreuzen sich auf schick­sal­hafte Weise – ganz so, wie die Geschichte Europas mit den Menschen Schicksal gespielt hat. Der junge Staats­schau­spieler Christian Clauß ist zur Eröffnung anwesend. (Sa., 12.03., 18:00 Uhr)

Der zweite Spielfilm des Programms, Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen von Marcin Wrona, lief bei uns zwar schon im Kino, aber so kurz, dass dies an vielen unbemerkt vorbei­ge­gangen sein mag. Die Jüdischen Filmtage verhelfen diesem außer­ge­wöhn­li­chen Film nun so noch einmal zu seinem Recht. »Dibbuk« ist ein im Judentum allseits geach­teter und gefürch­teter Toten­geist, der zum mythi­schen Reper­toire gehört und zahl­reiche Bear­bei­tungen durch die Kunst erfahren hat – in Theater, Literatur und Film. Am bekann­testen wurde das Drama »Der Dibbuk« von Salomon Anski (1920), das zum Klassiker der jiddi­schen Literatur avan­cierte. Regisseur Marcin Wrona verlegt die Dramen­hand­lung in ein polni­sches Landhaus, wo eine Hochzeit statt­findet, und insze­niert dort einen regel­rechten Albtraum, als der Bräutigam sich zusehends unbe­re­chenbar verhält – der Dibbuk hat sich seiner ermäch­tigt. Dibbuk gilt als Meis­ter­s­tück des Psycho-Thrillers, das niemals seine Conten­ance verliert, und kann darüber hinaus als scharf­sin­nige Metapher gelesen werden: als hoch­kom­mende Erin­ne­rung und die Konfron­ta­tion mit der Lebens­lüge einer selbst­ver­ges­senen Gene­ra­tion. (Mi., 15.03., 20:00 Uhr)

Der dritte Spielfilm des Programms taucht ganz und gar in die sozi­al­rea­lis­ti­sche Gegenwart ein. In Wedding Doll – Chatona Meniyar, der erste Spielfilm des israe­li­schen Doku­men­tar­film­re­gis­seurs Nitzan Giladi, will die allein­er­zie­hende Mutter Sarah ganz für ihre Tochter Hagit da sein, die eine (wenn auch nur schwache) geistige Behin­de­rung hat, aber schon groß ist, arbeitet und selber für sich sorgen kann. Außerdem möchte Hagit ihr Leben einfach nur: leben. Aber es kommt was dazwi­schen, und Mutter und Tochter entdecken eine neue Verbun­den­heit. Moran Rosen­blatt spielt mit großer Empfind­sam­keit die junge Hagit und wurde dafür mit dem Ophir Award als Beste Haupt­dar­stel­lerin ausge­zeichnet. (Do., 16.03., 18:00 Uhr)

Es lohnt noch ein abschließender Blick auf ausge­wählte Doku­men­tar­filme: Der Über­setzer (Mo., 13.03., 18:00 Uhr) ist Juri Elperin, der 1917 als Sohn russisch-jüdischer Eltern in der Schweiz geboren wurde. Seine lite­ra­ri­sche Sprech­weise machen den Film zu einer reich­hal­tigen Reise in die Sprache, über die weit­rei­chenden Wege des Denkens. Zum Film­ge­spräch anwesend ist Daniel Elprin, der Enkel.

Fünf Super­markt­kas­sie­re­rinnen stehen im Zentrum des frechen Super Women von Yael Kipper und Ronen Zaretzky (Mo., 13.03., 20:00 Uhr). Ein intimes Portrait der russisch-jüdischen Arbei­te­rinnen, das Einblick in ihren viel­schich­tigen Alltag gibt.

Einblicke in das vergan­gene Leben in Israel gibt es in Arab Movie von Eyal Sagui Bizawe (Di., 14.03., 18:00 Uhr). Der Film erinnert an die Zeit, als das israe­li­sche Fernsehen nur ein Programm hatte – und immer am Frei­tag­nach­mittag, kurz vor Schabbat, ein arabi­scher Film im ägyp­ti­schen Fernsehen geguckt wurde. Ein Moment der Nostalgie für alle, die aus den arabisch­spra­chigen Ländern nach Israel kamen.

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6. Jüdische Filmtage München, 12.-16. März 2017, Carl-Amery-Saal, Gasteig (ehemals Vortrags­saal der Biblio­thek)
Karten: 7 Euro (ermäßigt 5 Euro; Eröffnung 10 Euro) unter bei München Ticket 089 / 54 81 81 81 oder in der zentralen Karten­vor­ver­kaufs­stelle des Gasteig unter 089 / 54 50 60 60

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