08.12.2016

Der Regisseur ist übrigens eine Frau

Ik ben Alice
Ein intimes, dabei fast schon ikonographisches Bild von der Mutter mit ihrem Kind zeigt Geschichten aus Teheran: Rakshan Bani-Etemad ist Vorreiterin der heutigen Regie-Generation.

Femmes Totales auf Tour mit Filmen von Frauen, die keine Frau­en­filme sind

Von Dunja Bialas

Starke Frauen! Das ist ein Claim, mit dem Festivals in jüngster Zeit darauf aufmerksam machen, dass sie a) entweder viele Filme mit Frauen oder b) viele Filme von Frauen im Programm haben. Auf das Motto »Starke Männer« warten wir für den umge­kehrten Fall noch (bei vielen Filmen von oder mit Männern). »Super Softies« fänden wir auch ganz schick.

Dieser Eintei­lung der Welt in die Geschlechter auch im voran­ge­schrit­tenen 21. Jahr­hun­dert liegt der Skandal zugrunde, dass es immer noch keine Geschlech­ter­pa­rität gibt. Einer­seits werden Frauen aus Gründen der Fort­pflan­zung aus der Berufs­lauf­bahn hinaus­ka­ta­pul­tiert. Ande­rer­seits auch wegen einer Reihe von vorge­scho­benen Gründen, wie Monika Kijas meint. Die Initia­torin der neuen über­re­gio­nalen Filmreihe Femmes Totales, die vor drei Jahren auch den Eksystent Film­ver­leih gründete, mit dem sie vermehrt Filme von Frauen ins Kino bringen will, spricht von der hinder­li­chen »Annahme, dass Regis­seu­rinnen nicht mit einem Millio­nen­budget umgehen« und vom hart­nä­ckig sich haltenden »Klischee, dass Frauen keine Thriller oder Action­filme machen« könnten, trotz Beispielen wie Oscar-Gewin­nerin Kathryn Bigelows The Hurt Locker. Wie groß das Ressen­ti­ment ist, zeigt sich auch in Tobias Kniebes Apostrophe von Bigelow als »Regie­am­a­zone in der Menopause«, zu der er sich anläss­lich ihres Oscar-Gewinns hinreißen ließ.

Das ist lustig und diskre­di­tiert. Über Frauen zu witzeln, die eine Männer­domäne betreten, ist auch noch fünfzig Jahre nach der Blüte des Alther­ren­witzes salon­fähig. Frauen werden allein deshalb heute stark gemacht, weil es anders wohl nicht geht: Die erst 2014 gegrün­dete ProQuote Regie ist darin eine der wirkungs­träch­tigsten Unter­neh­mungen der letzten Jahre.

Das Sein bestimmt das Bewusst­sein, das wusste schon Marx. Wenn aber die gesell­schaft­li­chen Umstände eklatant der Gerech­tig­keit hinter­her­hinken, muss eben manchmal erst das Bewusst­sein verändert werden. Denn es gilt auch umkehrt: Bewusst­sein schafft Sein. Oft wird erst an den Stell­schrauben gedreht, nachdem sich für bestimmte Problem­felder die Sinne geschärft haben. Das ist Politik.

In diesem Sinne hoch­gradig gesell­schafts- wie film­po­li­tisch ist so auch die Filmreihe Femmes Totales, die seit Ende November in verschie­denen Städten gastiert, darunter in Berlin, Hamburg und München (dort bis zum 27.12.). Fünf Filme von Regis­seu­rinnen hat sich der Eksystent Film­ver­leih heraus­ge­pickt, vom Thriller über die Komödie zum Doku­men­tar­film ist ein großes Spektrum vertreten, das zeigen soll, dass Frauen nicht nur das eine können – Frau­en­filme. Frauen machen auch Filme, die wie Filme von Männern einfach nur Filme sind. Gute, schlechte, Meis­ter­werke, Flops. Damit ist Femmes Totales einen wichtigen Schritt weiter, eman­zi­pierter und moderner als so manches Frau­en­film­fes­tival, das um das eigene Geschlecht kreist und sich sehr selbst­re­fe­ren­tiell zum Zentrum der eigenen Aufmerk­sam­keit erhebt. Alle fünf für Femmes Totales ausge­wählten Filme wurden auf inter­na­tio­nalen Festivals mit wichtigen Preisen ausge­zeichnet, wären aber ohne das Zutun des Eksystent Film­ver­leihs bei uns wohl kaum in die Kinos gekommen.

Die Filme in aller Kürze in der Kritik

Hitze­welle. Ganz wie Femmes Totales die spezi­fi­schen Frau­en­themen vermeidet, geht es in dem von Frank­reich und Grie­chen­land gemeinsam produ­zierten Debüt von Joyce Nashawati nicht etwa um Hitze­wal­lungen. Hitze­welle ist im Gegenteil ein atmo­s­phä­ri­scher Mystery-Thriller, der in einer nahen Zukunft spielt, ohne Not aber auch als Metapher für die gegen­wär­tige »brenzlige« Lage Grie­chen­lands gelesen werden kann. Im Zentrum steht der arabische Migrant Ashraf, eine Art Haus­keeper, der in der Villa fran­zö­si­scher Archäo­logen über den Wasser­stand des Swim­ming­pools wacht. Das Wasser ist knapp, die ökolo­gi­sche Kata­strophe nicht fern. Ausge­zeichnet mit dem Preis der FIPRESCI und zugleich der beste, weil am wenigsten erwartete Film der ersten Femmes-Totales-Staffel.

Die Menschen ihres Landes hat die Iranerin Rakshan Bani-Etemad in Geschichten aus Teheran gefilmt und ist dabei in die verschie­densten gesell­schaft­li­chen Bereiche getaucht. Eine viel­stim­mige Erzählung aus der irani­schen Haupt­stadt, die sie an der Zensur­behörde vorbei filmte. Sie findet in einer Taxi-Episode, ähnlich wie Jafar Panahi mit Taxi Teheran, zu einem wunder­schönen, heiteren, bewe­genden, offen­her­zigen und selbst­be­wussten Portrait ihrer Lands­leute. Andere Episoden erinnern an Asghar Farhadi, Nader und Simin oder an dessen The Salesman, der bald ins Kino kommt. Bani-Etemad, Jahrgang 1954, ist unbe­stritten die Vorrei­terin der jüngeren Gene­ra­tion irani­scher Filme­ma­cher. Der absolute Tipp für die Femmes-Totales-Reihe.

Vor Lange­weile sterben. Nur in Israel können Frauen dies bei der Armee. Talya Lavie hat mit Null Moti­va­tion eine Komödie über die Sinn­lo­sig­keit des Militär­diensts gedreht, als Mischung aus Pfad­fin­der­film, M.A.S.H.und High­school-Comedy. Mit ange­mes­sener Respekt­lo­sig­keit vor den Auto­ritäten und ange­brachter Selbst­ironie mit dem Blick auf den weib­li­chen Po. Einer der vergnüg­lichsten, in jeder Hinsicht unkor­rekten Femmes-Totales-Filme. Null Moti­va­tion wurde in Israel zum Publi­kumshit.

Yulas Welt ist die verbotene Zone von Svalka in der Nähe von Moskau. Der gleich­na­mige Film von Hanna Polak, die in Moskau Film studierte, beginnt als mädchen­träu­mende Karrus­sell-Nostalgie und stülpt sich wie ein Vexier­bild über die größte Müllhalde Europas. Die Hand­schrift ist zunächst doku­men­ta­risch, mit an die 70er Jahre gemah­nenden Zoom und repor­ta­ge­hafter Wackel­ka­mera, der die gleich­mäßige Off-Stimme dage­gen­hält. Dann, nächstes Vexier­bild, tauchen wir ein in die Welt der zehn­jäh­rigen Yula, die auf der Müllhalde aufwächst. Vierzehn Jahre lang kehrte Hanna Polak immer wieder zu Yula zurück, hat ihr Coming-of-Age inmitten des Eastern Trash gefilmt, den Verfall der Mutter, den Wandel, das Überleben. Während Yula erwachsen wird, merken wir, wie sich auch der Stil von Hanna Polak beruhigt, als würde sich auch ihr Filmen nach Stabi­lität und einer gewissen Ordnung sehnen. Yulas Welt ist ein atmo­s­phä­ri­sches, porträt­haftes Zeugnis über die Verlo­renen am Rande der Welt. Hanna Polak war mit ihrem Kurz­do­ku­men­tar­film The Children of Lenin­gradsky für den Oscar nominiert. Nicht nur dies empfiehlt sie als neue Andrea Arnold aus dem Osten.

Träume nicht vom Fliegen. Jungs träumen ja alle davon, Pilot zu werden, Mädchen höchstens davon, Stewar­dess zu sein. Anders in Ghana. Dort gibt es die weltweit einzige Flug­schule nur für Mädchen. Über die Schwie­rig­keiten, in einem von Analpha­be­tismus und Armut geprägten Land abzuheben, aber auch von neuen, ganz und gar erstaun­li­chen, uneu­ropäi­schen Wegen erzählt Monika Grassl in ihrem Doku­men­tar­film Girls Don't Fly – Träume vom Fliegen. Ausge­zeichnet beim Max-Ophüls-Preis als bester Doku­men­tar­film.

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Femmes Totales. Verschie­dene Städte bis Mai 2017.
In München im Neuen Maxim noch bis zum 27.12.2016 und im Februar/März 2017 jeweils Samstags um 11:30 Uhr im Arri. Spiel­ter­mine der einzelnen Filme entnehmen Sie bitte dem Tages­pro­gramm bei artechock. Mehr Infor­ma­tionen zu den Filmen, den Regis­seu­rinnen und dem Spirit von Femmes Totales gibt es hier.

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