27.10.2015

Afrika wie gewünscht

L'oeil du cyclone
L'oeil du cyclone

Die 6. Afri­ka­ni­schen Filmtage in München repro­du­zieren einen Kontinent der Krisen, thema­ti­sieren aber auch die Konti­nuität von afri­ka­ni­scher Geschichte und Gegenwart und die enge globale Vernet­zung des Konti­nents

Von Axel Timo Purr

Wem immer noch ein wenig bitter aufstoßen sollte, dass der dies­jäh­rige Nobel­preis für Literatur an Bob Dylan und nicht an den von allen briti­schen Wettbüros favo­ri­sierten Kenianer Ngugi wa Thiong’o gegangen ist, kann sich in den nächsten Tagen damit trösten, dass wenn auch nicht in Stockholm, so doch wenigs­tens in München afri­ka­ni­sche Kultur und im spezi­ellen der afri­ka­ni­sche Film gewürdigt wird – und dies nun schon zum sechsten Mal.

Eröffnet werden die Filmtage mit der ersten von drei Doku­men­ta­tionen, die neben vier Spiel­filmen ausge­wählt wurden. Sembene! (Donnerstag, 27.10.2016, 18:30 Uhr) doku­men­tiert die Lebens­ge­schichte des jungen Sene­ga­lesen Ousmane Sembene, der heute als Grün­der­vater des afri­ka­ni­schen Kinos gilt. Mitte des 20. Jahr­hun­derts beginnt er als Schrift­steller und Filme­ma­cher die Geschichte und Geschichten Afrikas zu erzählen. Sembene! doku­men­tiert das Leben und Werk eines Mannes, der zum Sprach­rohr der Unter­drückten wurde und dessen eman­zi­pa­to­ri­schem Wirken auch heute noch gedacht wird – ganz im Gegensatz zu seinen Filmen, die nur mehr einer kleinen Avant­garde von regio­nalen Filme­ma­chern geläufig sind; den filmi­schen Alltag nicht nur im Senegal prägen heute die große Serien- und Film­pro­duk­tionen aus Nigeria.

Ein Beispiel aus der großen Traum­fa­brik Nollywood zu sehen wäre auch auf den Filmtagen wünschens­wert gewesen, etwa ein Screening des größten Erfolgs der letzten Jahre, der roman­ti­schen Komödie 30 Days In Atlanta (2014) etwa, die mit 137 Millionen verkauften Tickets allein in Nigeria nicht nur nige­ria­ni­sche Träume bedient, sondern auch zeigt, dass Afrika nicht nur K-Kont­in­tent (Kriege, Krisen, Kata­stro­phen), sondern es auch einen Alltag gibt, der banaler, normaler nicht sein könnte.

Obwohl die dies­jäh­rigen Afri­ka­ni­schen Filmtage eine Tendenz zur Repro­duk­tion dieses K-Bildes haben, bleiben die ausge­wählten Filme allemal sehens­wert, lassen sich auch hier Alltag ablesen, aus der Geschichte lernen und neue Einblicke gewinnen. Dazu gehört auch Sékou Traorés L'oeil du cyclone aus Burkina Faso (Donnerstag, 27.10.2016, 20:30 Uhr), der zeigt, wir in einem namen­losen, von einem Bürger­krieg heim­ge­suchten afri­ka­ni­schen Land, die junge, idea­lis­ti­sche Anwältin Emma mit der Pflicht­ver­tei­di­gung eines mutmaß­li­chen Rebel­len­füh­rers beauf­tragt wird.

Ein histo­ri­sches Schman­kerl wird am Freitag mit Joe Bullet präsen­tiert (28.10.2016, 18:30 Uhr), einem der ersten südafri­ka­ni­schen Filme mit durchweg schwarzer Besetzung, der im Eyethu-Kino von Soweto urauf­ge­führt wurde. In Zeiten der Apartheid verkör­pert der Karate kämpfende, quasi unver­wund­bare Superheld Joe Bullet die Vision eines »Schwarzen Daseins«, das von der damaligen Realität deutlich abweicht. Nach nur wenigen Vorfüh­rungen wird der Film verboten und jahr­zehn­te­lang nicht mehr gezeigt. Heute liegt dieses bedeu­tende Zeugnis afri­ka­ni­scher (Film-)geschichte in restau­rierter Fassung vor.

Nach dem histo­ri­sie­renden Eröff­nungs­film warten die Filmtage mit einem Abgleich mit der sene­ga­le­si­schen Gegenwart auf – The Revo­lu­tion Won't Be Televised (28.10.2016, 20:30 Uhr) beschäf­tigt sichmit dem Jahr 2011, als der sene­ga­le­si­sche Präsident Abdoulaye Wade eine verfas­sungs­wid­rige, dritte Amtszeit anstrebt. Einige Schul­freunde, darunter die Rapper Thiat und Kilifeu, gründen daraufhin die Wider­stands­be­we­gung »Y’en a marre« (»Wir haben die Schnauze voll«). Wenig später beginnt die junge Filme­ma­cherin Rama Thiaw ein bewe­gendes Porträt des Protests zu zeichnen, indem sie die fort­lau­fenden Ereig­nisse doku­men­tiert.

Mit Wider­stand beschäf­tigt sich auch der tune­si­sche Film Kaum öffne ich die Augen (Samstag, 29.10.2016, 16:15 Uhr), der das Tunis kurz vor dem Arabi­schen Frühling zeigt: Die lebens­frohe Farah träumt davon, profes­sio­nelle Musikerin zu werden. Als Sängerin einer Band lehnt sie sich mit poli­ti­schen Texten gegen einengende, gesell­schaft­liche Struk­turen auf. Einge­bettet in die zeit­genös­si­sche arabische Rockszene erzählt dieser Film die Geschichte einer mutigen jungen Frau, die schmerz­lich erfahren muss, dass Revo­lu­tionen Zeit brauchen.

Wenn Wider­stand zwecklos ist, bleibt oft nur noch der Traum von Europa und die Migration. Les Sauteurs (Samstag, 29.10.2016, 18:30 Uhr), zeigt die Realitäten junger afri­ka­ni­scher Männer, die sich in einem infor­mellen Camp in Marokko, in den Wäldern des Berg­aus­läu­fers Gurugu, aufhalten. Immer wieder versuchen sie, die hoch­ge­si­cherte Land­grenze zwischen Nord­afrika und Spanien zu über­queren, um ins vermeint­liche Eldorado Europa zu gelangen. Der Großteil der Aufnahmen stammt von Abou Bakar Sidibé, dem Regisseur des Film, der selbst Bewohner dieses Camps war. Er ist sowohl Kame­ra­mann als auch Prot­ago­nist. Nach mehreren geschei­terten Versuchen, den Grenzzaun zu bezwingen, beginnt er, den Alltag im Camp und das zermür­bende Warten auf den nächsten »Sprung« filmisch fest­zu­halten. Abou Bakar Sidibé wird bei dieser Vorstel­lung zu Gast sein.

Einen Blick auf moderne Anti­he­xe­rei­be­we­gungen in Afrika wirft The Cursed Ones (Samstag, 29.10.2016, 20:30 Uhr): Eine Reihe von Unglücks­fällen veran­lasst die Bewohner eines west­afri­ka­ni­schen Dorfes, die stumme Asabi der Hexerei zu beschul­digen. Nach und nach gelingt es dem rede­ge­wandten Pastor, sogar ihre eigene Mutter gegen sie aufzu­bringen. Gemeinsam mit dem jungen Dorf­lehrer versucht der desil­lu­sio­nierte Reporter Godwin, Asabis Leben zu retten. Der Produzent des Films, Nicholas K. Lory, wird anwesend sein.

Im Anschluss an die beiden Filme findet unter der Mode­ra­tion von Barbara Off (DOK.fest München) ein Film­ge­spräch mit den Gästen statt.

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Die 6. Afri­ka­ni­schen Filmtage finden vom 27. bis 29.10.2016 im Vortrags­saal der Biblio­thek des Gasteigs statt. Weitere Infor­ma­tionen zu den Filmen und Tickets auf den Seiten des Gasteig.

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