20.10.2016

Gedanken zum Münchner Kinoprogrammpreis

Dark Star
Sigi Daiber bekam für sein mittlerweiles geschlossenes altes Maxim noch einmal den Kinoprogrammpreis der Landeshauptstadt München verliehen

Am 5. Oktober wurden im Münchner Arri-Kino der Kino­pro­gramm­preis der Landes­haupt­stadt München verliehen. Mit ihm werden seit 2002 enga­gierte Film­theater ausge­zeichnet. »Die Stadt München will deren wichtige Rolle für eine viel­fäl­tige Kino­struktur der Stadt betonen und einen Beitrag zu ihrer Exis­tenz­si­che­rung leisten«, heißt es auf dem München-Portal. Dieses Jahr erhielten den mit je 5000 Euro dotieren Preis die Betreiber von sechs Kinos: Christian Pfeil und Markus Eisele für ihr Arena im Glocken­bach­viertel, Georg Kloster für das Atelier an der Sonnen­straße, Hans Walter Büche und Alexandra Gmell für ihr fami­li­en­geführtes Gabriel Film­theater, Louis Anschütz für sein Studio Isabella, mit spanisch­spra­chigen Filmen wichtiges Cineasten-Kino der Stadt, das under­groun­dige Werk­statt­kino mit seinem über die Stadt hinaus­ge­henden legen­dären Ruf – und Sigi Daiber für sein mitt­ler­weile abge­wi­ckeltes und wie Phoenix aus der Asche als »Neues Maxim« aufer­stan­denes Kino an der Lands­huter Allee. Daiber nutzte die Preis­ver­lei­hung, um seiner­seits ein neues »echtes« Maxim anzu­kün­digen, das den alten Polit-Spirit weiter­lebe (ein Portrait des echten Neuen Maxim folgt in Kürze). Bernd Brehmer vom Werk­statt­kino-Kollektiv durfte dieses Jahr die Dankes­rede der Kinos halten und wob kritische Untertöne in seine Worte. Wir veröf­fent­li­chen hier die Origi­nal­fest­rede mit Geneh­mi­gung des Autors und auf ausdrück­li­chen Wunsch von Stadtrat Zöller…!

Sehr geehrter Herr Stadtrat Zöller, werter Dr. Küppers, lieber Christoph Schwarz samt Kultur­re­ferat, liebe Kino­ma­cher-Kollegen und Kino-Besucher!

»Ein Tropfen auf den heißen Stein« hört man gele­gent­lich die Thea­ter­be­treiber jammern, was sie berufs­be­dingt am besten können, wenn die Rede auf den Münchner Kino­pro­gramm­preis kommt. Kino­ma­cher seien wie Taxi­fahrer, hat mal eine Kollegin konsta­tiert: Sie reden meistens über's Wetter, aber immer vom Geschäft, und das geht natürlich schlecht.

Das nun ausge­rechnet mir diese Aufgabe ange­tragen wurde, die folgenden Worte an Sie zu richten, hat, laut Christoph Schwarz damit zu tun, dass wir »die letzten« sind. Die letzten im Kino­al­phabet, versteht sich. Aber natürlich auch sonst mit die Letzten, wenn es um enga­gierte und unab­hän­gige Programm­ar­beit geht, die sich ein »normaler« Kino­be­trieb heute gar nicht mehr leisten kann. Wir Münchner Cineasten, und damit meine ich wohl die meisten hier, wurden allesamt sozia­li­siert in einer Zeit, als es selbst­ver­s­tänd­lich war, z.B. um 23 Uhr noch ins Kino zu gehen statt in die Kneipe oder ins Bett. Da gab es keine Woche ohne einen Antonioni in der Spät­schiene von Lupe oder Theatiner, ganz zu schweigen von Jerry Lewis, Howard Hawks, Raoul Walsh im legen­dären Nacht­pro­gramm der Kuchen­reu­ther Kinos. Wenn man heute im Filmtipp-Buch von Frieda Grafe liest, entsteht eine längst vergan­gene Zeit vor dem inneren Auge, das sich schnell vor Nostalgie und Sehnsucht anfeuchtet. Tempi passati! Aber selbst das Werk­statt­kino, seit 1976 Garant für Entle­genes und Verwe­genes aller Art, war damals noch wilder und unge­stümer, Under­ground eben, und ein Kino für Filme, die heute gar nicht mehr gedreht werden. Was wiederum zusam­men­hängt mit Angebot und Nachfrage und so sind auch wir auf eine Weise markt­ge­bunden, in kleinerem Maßstab zwar, aber nichts­des­to­trotz abhängig von der eigenen Bereit­schaft zum Risiko, die wir etwas häufiger prak­ti­zieren können als die Kollegen; aufgrund nied­ri­gerer Miet- und Perso­nal­kosten dürfen wir uns den Luxus leisten, kein Geld zu haben, gelten aber für einige immer noch als »Hobbykino«. Wobei es natürlich nichts Schöneres gibt, als seinem Hobby ganz und gar zu frönen. Enga­gierte Programm­ar­beit ist aber stets auch abhängig vom Wagemut der Film­ver­leiher, von denen mitt­ler­weile einige auf Nummer Sicher gehen und uns mit der xten fran­zö­si­schen Sommer­komödie beglücken wollen. Aber tatsäch­lich gibt sie noch, die »soul rebels« der Filmkunst, gerade im Zeitalter des digitalen Kinos, wo sich zig neue Filme im Wochen­takt die Klinke in die Hand geben und es nahezu unmöglich scheint, ein Reper­toire aufzu­bauen. Und vor allem, noch schlimmer, einem Film die Möglich­keit zu bieten, sich entfalten zu können. Dieses Über­an­gebot geht einher mit einer neuen Unüber­schau­bar­keit, die es dem Besucher nicht gerade einfach macht, das passende daraus auszu­wählen. Aber eben darin besteht meiner Meinung nach die Aufgabe der (Programm-)Kino­be­treiber: Orien­tie­rung im Dickicht zu verschaffen, und Angebote zu unter­breiten, die man im Idealfall nicht abschlagen kann. Und für dieses Enga­ge­ment braucht es natürlich Aner­ken­nung, sei es durch zahlende Gäste, die gerne wieder­kommen, oder durch Kino­pro­gramm­preise, wie diesen. Und genau diese Aner­ken­nung durch die Landes­haupt­stadt München ist einfach verdammt wichtig und tut sehr gut, weil es ein Zeichen dafür ist, dass man durchaus wahr­ge­nommen wird für das, was man mit Leiden­schaft tagtäg­lich in seiner kleinen Stadt so treibt.

Also, liebe Kollegen: Schluss mit dem Gejammer, denn auch ein Tropfen höhlt den Stein, wenn er nur stetig genug ist. Und für diese seit Jahren bewiesene Stetig­keit gebührt der Landes­haupt­stadt unser aller herz­lichster Dank.

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