13.10.2016

Das Studio als Auteur

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Ein Highlight der Retro – Erik Charells Caravan

Über die Fox@Moma-Retro im Film­mu­seum

Von Ulrich Mannes

Sie war das „heißeste Jazz-Baby“ Holly­woods und einer der belieb­testen Filmstars der 20er Jahre. Ihre öffent­lich ausge­schlach­teten Sex- und Bezie­hungs­skan­dale korre­spon­dierten durchaus mit ihren Rollen. Und ihr aufrei­bendes Privat­leben kulmi­nierte Anfang der 30er Jahre in einem Prozeß gegen ihre entlas­sene Sekre­tärin, die aus Rache alle Details ihrer Affären einem Boule­vard­blatt anver­traut hatte. Es folgte ein Nerven­zu­sam­men­bruch und ein Klink­auf­ent­halt, und ihr Studio, die Paramount, dachte schließ­lich nicht mehr daran ihren Vertrag zu verlän­gern. Aber schon ein Jahr später konnte das It-Girl sein Comeback feiern: Die „Fox Film Corpo­ra­tion“ verpflich­tete Clara Bow 1932 für zwei Tonfilme, einmal für das Drama Call Her Savage von dem unbekannt geblie­benen Regisseur John Francis Dillon, und ein Jahr später für Hoopla von Frank Lloyd. Während der erste Film, in dem Clara Bow ein texa­ni­sches Mädchen mit Neigung zu unbe­re­chen­baren Gewalt­aus­brüchen und riskanten Affären spielt, ein ziem­li­cher Erfolg war, bleibt Hoopla, das Drama einer Bauch­tän­zerin, die als Attrak­tion einer Jahr­markt­schau den Sohn ihres Impres­sa­rios verführt, ziemlich erfolglos. Clara Bow beendete daraufhin mit nicht einmal 30 Jahren ihre Karriere und zog sich für den Rest ihres Lebens, das immerhin noch drei Jahr­zehnte dauern sollte, von der Öffent­lich­keit zurück.

Die beiden Filme liefen (mit kurzen und prägnanten Einfüh­rungen vom Clara Bow-Biograph David Stenn) auf der aktuellen Retro des Münchner Film­mu­seums, das gerade einige rare Werke aus der Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA) von New York zeigt. Schon Mitte der 30er Jahre legte das MoMA einen Filmstock mit Kopien der Fox Corpo­ra­tion an, die für das Studio nur noch einen geringen kommer­zi­ellen Wert hatten und die Fox-Verant­wort­li­chen dort besser aufge­hoben sahen. Gegründet von dem Kino­be­sitzer William Fox, galt die Company in den 20er Jahren als eines der wage­mu­tigsten Studios Holly­woods. Es etablierte die Schau­spie­lerin Thedra Bara als ersten Vamp der Film­ge­schichte und popu­la­ri­sierte das Western­genre mit seinem Star Tom Mix. Ab Mitte der 20er Jahre traute es sich an aufwen­di­gere Produk­tionen, und als das Studio überaus geschmeidig den Übergang zum Tonfilm bewäl­tigen konnte, geriet es kurz­fristig in einen regel­rechten Erfolgs­rausch.
Doch im Zuge der Welt­wirt­schafts­krise geriet die Fox in große finan­zi­elle Turbu­lenzen, die ihren Gründer schließ­lich um sein Amt und seine Anteile brachten. Erst durch eine Fusion mit der „Twentieth Century“, woraus 1935 die „Twentieth Century-Fox“ hervor­ging und uns das bis heute unver­än­derte Marken­zei­chen mit den riesigen Such­schein­werfen vor den monu­men­talen Lettern des Firmen­ti­tels bescherte, konnte sich das Studio konso­li­dieren.
Aber davor machte sich die Fox schon einen Namen als „Studio der Regie­stars“, die ziemlich pompös beworben wurden: John Ford, Alan Dwan, Raoul Walsh, Frank Borzage, William K. Howard u.a. Einen Pres­ti­ge­er­folg feierte das Studio zudem mit einer Anwerbung aus Deutsch­land, mit Friedrich Wilhelm Murnau.

Die Murnau-Filme der Fox (zu denen auch das Stumm­film­drama Sunrise gehört) stehen zwar nicht auf dem Programm, aber Murnaus stilis­ti­scher Einfluß macht sich bei einigen der präsen­tierten Filme bemerkbar, die da heißen: Street Angel, Wild Girl, While Paris Sleeps oder Hearts in Dixie: Das sind keines­wegs verwun­schene Hollywood-Klassiker, wie es die Titel sugge­rieren könnten, vielmehr unbekannt geblie­bene Schätze der Film­ge­schichte. Filme, die größ­ten­teils von der Freiheit der „Pre-Code-Ära“ profi­tieren konnten und doch eine ganz andere Aura als die letzt­jäh­rige Film­mu­seums-Retro verströmen. (vgl. artechock vom 21.11.2015)

Ein Highlight der Retro ist das Musical Caravan, „eine wirbelnde Geschichte aus einem Wolken­ku­ckucks-Ungarn“, geschrieben von dem Lubitsch-Mitar­beiter Melchior Lengyel, insze­niert von Erik Charell, der durch seinen Erfolg mit Der Kongreß tanzt von der Fox offenbar freie Hand und materiell und personell alles zur Verfügung gestellt bekam, was sein gestal­te­ri­sches Herz verlangt hatte. Die Fabel ist ganz einfach: Loretta Young spielt eine junge Prin­zessin, die sich nicht zu einer stan­des­ge­mäßen Heirat drängen lassen will, und sich spontan und aus Trotz den Zigeu­ner­könig Charles Boyer zum Mann nimmt. Der Film hält die Span­nungen zwischen Adelswelt und fahrendem Volk mit aben­teu­er­lich choreo­gra­phierten Musik­se­quenzen perfekt in der Schwebe. Genauso in der Schwebe bleibt die Lovestory zwischen Loretta Young und Charles Boyer, die eigent­lich zum Traumpaar prädes­ti­niert sind, und daß sie am Ende eben doch nicht zusam­men­kommen, könnte dazu beige­tragen haben, daß Caravan bei Kritik und Publikum durch­ge­fallen ist und die Film­kar­riere von Erik Charell abrupt beendet hat. Zumindest war das die leise Vermutung von Dave Kehr vom MoMA-Film­de­par­te­ment, der vor zwei Wochen eine Einfüh­rung zu Caravan hielt (und den Film zwischen Lubitsch und Busby Berkeley verortete).

An zwei Woche­n­enden im Oktober kann man indessen unter den Labels „Fox in Love: Romances“ und „Outside the box: Fantasies“ noch weitere Entde­ckungen machen. Besonders hervor­heben muß man wohl Zoo in Budapest (15.10) von Rowland V. Lee (der auch den wesens­ver­wandten Mario­net­ten­thea­ter­film I Am Suzanne! insze­niert hat). Loretta Young flieht da aus einem Waisen­haus in einem Zoo und wird von dem Sohn eines Zoowär­ters versteckt gehalten. Laut Ankün­di­gung ein Film von „eksta­ti­scher Schönheit“, mit vielfach aufge­la­denen (vira­gierten) Bildern, in denen sich abermals der Einfluß von F.W. Murnau bemerkbar macht.

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Weitere Infor­ma­tionen zu den Filmen und Terminen auf den Seiten des Film­mu­seums.
Im Januar 2017 wird im Film­mu­seum eine Murnau-Retro anlaufen, auf der auch Murnaus drei Fox-Filme zu sehen sind.

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