06.10.2016

20.000 Meilen über dem Meer

L'Odyssée
L'Odyssée – die Geschichte von einem, der nicht nach Hause kommen möchte

Gestade der Unseligen: Zum Abschluß des Film­fes­ti­vals von San Sebastian 2016

Von Rüdiger Suchsland

»Jedes Festival hat die Verpflich­tung, die Vielfalt des Kinos abzu­bilden.« sagt Quim Casas, einer der Programmer des Festivals, »Wer nichts riskiert kann nichts erreichen.«
Man könnte noch dazusagen, dass Festivals das Kino demo­kra­ti­sieren, weil sie dem Diktat des Marktes nicht gehorchen müssen, ihm etwas entgegen setzen.

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»Knowing things is not as important, than we think.« sagt Hong Sang-soo auf der Pres­se­kon­fe­renz. »Was meistens passiert, wenn ich vor dem Drehtag etwas genau geplant habe, ist, dass ich dann etwas voll­kommen anderes mache.«

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Wer erinnert sich noch? »Geheim­nisse des Meeres«, Jacques Cousteau und die »Calypso«. Es waren die 70er Jahre und die Welt war in Ordnung, wie selten in der Geschichte der Mensch­heit. Es gab noch etwas zu entdecken, und für jeden, der in den 70er Jahren Kind war, war Jacques Cousteau ein Weltent­de­cker, ein väter­li­cher Reise­führer durch den unbe­kannten Planeten.
Im Jahr 1942 bereits begann Cousteau, damals noch Mari­ne­of­fi­zier und Mitglied der fran­zö­si­schen Resis­tance, seine Forschungen. Er war Miter­finder der Pressluft-Atem­fla­sche und des Unter­wasser-Scooter. Später wandte er sich bald der Meeres­for­schung zu, und drehte zunächst einmal Kinofilme: Unge­se­hene Aufnahmen des zweiten Weltraums unter Wasser. Seine erste lange, zwei Jahre dauernde Expe­di­tion führte 1954-55 ins Rote Meer, den Persi­schen Golf und den Indischen Ozean. Mit dabei war ein seiner­zeit noch voll­kommen unbe­kannter junger Filme­ma­cher mit seiner Kamera: Louis Malle, der gerade die Pariser Film­hoch­schule abge­bro­chen hatte – »zu theo­re­tisch«. Zurück von der Reise kamen sie mit noch nie gesehenen Bildern: Menschen, die mit Fackeln zu einem Koral­len­riff tauchten; Delphin­schwärme – unter Wasser; fliegende Fische; Haie, die ihre Beute fressen; Haie, die gejagt werden. Atem­be­rau­bende Aufnahmen, vor allem, wenn man sich die Entste­hungs­zeit verge­gen­wär­tigt: 1955 war die Welt unter Wasser noch kaum bekannter, als das All. Die Tauch­technik war erst in ihren Anfängen.
Auf knapp 90 Minuten Länge kam der Film unter dem Titel »Le Monde Du Silence« heraus. Cousteau und Malle zusammen hatten den Regie-Credit. 1956 gewann der Film als erster Doku­men­tar­film die Goldene Palme von Cannes, und im Jahr darauf den Oscar. Den gewann Cousteau noch einmal 1965 für seinen zweiten Kinodo­ku­men­tar­film »Le Monde Sans Soleil«.
Mit Bernard Grzimek oder Heinz Sielmann kann man Cousteau nicht verglei­chen, eher schon mit Hans Hass, der ja auch kein Deutscher war. Das lag nicht allein daran, dass das Meer eben etwas ganz anderes ist, als die Erde, ein fremder Raum, eine neue Welt, fast so etwas wie der Weltraum mit seinen unend­li­chen Weiten und new frontiers.
Sondern es lag auch daran, dass Jacques Cousteau eben Franzose war.

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Frank­reich, das war für ein Kind der Bundes­re­pu­blik, erst recht für mich, weil wir damals glück­li­cher­weise selten in Spanien und nie in Italien Urlaub machten, sondern in Frank­reich, der Ort eines besseren Lebens, ein Sehn­suchts­reich: es war ein Land der Welt­läu­fig­keit und Cousteau war, mit roter Wollmütze, immer braun gebrannt, ein Aben­teurer, eine Art Jules Verne der Gegenwart. Cousteaus Fern­seh­serie »Geheim­nisse des Meeres« liebte die Natur, aber es gab keinen Natur­kitsch. Die Romantik war zivi­li­sa­to­risch. Man lernte auch etwas über antike Mytho­logie und über die Kunst des Essens. Unver­gess­lich die Episode in der Dutzende von Amphoren vom meeres­grujnd geholt wurden. Unver­gess­lich auch das Team: Die Söhne Jean-Yves und Phillippe, der Chef­tau­cher Falco.
1996 sank die »Calypso« und ein Jahr später starb Jacques Cousteau, und manche sagen jetzt, dass die Zeiten der Calypso vorbei seien, ein für alle mal. Es ist aber nichts vorbei, weil alles irgend­wann wieder kommt, weil der Mensch es nicht aushält ohne Geheimnis.

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Alldem kann jetzt auch der Film von Jérome Salle nichts anhaben. Es wird unser Bild von Jacques Cousteau nicht verändern, dass er hier von Lambert Wilson gespielt wird, dass seine Frau aussieht wie Amelie, und dass der Film das Leben Cousteaus auf einen Eheroman reduziert.
Jérome Salle hat sich als Autor des verhunzten »The Tourist« nicht gerade geschmacks­si­cher gezeigt, als Regisseur von Antoine Zimmer und Zulu zwar reiße­ri­sche, aber von ihren Bildern her sehens­werte Filme gemacht. Das kann man auch über diesen Film sagen.
Salle erzählt die Geschichte des Vaters und der Frauen, also auch die der Mutter und der Söhne. Philippe Cousteau starb, mit erst 38. Wie der Sohn Grzimeks. Ist es wirklich nur Zufall, dass die Söhne dieser prak­ti­schen Natur­for­scher früh sterben, wenn es versuchen, es ihren Vätern gleich­zutun? Odyssee, Calypso – es kommt einem der Mythos von Daedaus und Ikarus in den Sinn.

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Die Odyssee, das ist die Geschichte von einem, der nicht nach Hause kommen möchte. Eine perfekte Wahl für einen Festival-Abschluß­film, für den Augen­blick, an dem das Festival heimkehrt zu seinem Ausgangs­punkt.

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Der Film von Jerome Salle möchte behaupten, dass das Abenteuer und die Erobe­rungen am Ende nicht ausrei­chen, um Verluste und Wunden auszu­glei­chen, die durch sie dem eigenen Leben geschlagen werden. Ob das nicht auch nur ein Mythos ist? Einen Wunsch­vor­stel­lung derje­nigen, die nie aufge­bro­chen sind?
Philip Roth schreibt in »American Pastorale«, dass wir alle irren, egal, was wir tun. Das scheint mir der weisere Satz zu sein.
Das Meer ist das Meer. Es gibt keinen Horizont dort, so wie es keinen gab im Leben dieses Forschers, Eroberers, Lieb­ha­bers, Cineasten.

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Auf dem Rückflug treffe ich Veit Helmer. Der war gerade in Tanger und Saragossa, und sagt, er habe mein San Sebastian-Tagebuch gelesen. »Dir scheint es da ja richtig zu gefallen« – stimmt!
Er fragt mich, wer jetzt eigent­lich die Preise gewonnen hat. Hm... stimmt... fast vergessen – ich habe mich geärgert. So unin­ter­es­sant, unin­spi­riert, so schlecht, diese Preis­ver­gabe. Egal. Preise sind schon vergessen. wer es doch wissen will – bitte sehr!

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