15.09.2016

Haus an der Friedhofsmauer – €450, warm

We Are The Flesh
Auf dem Boden noch drei Tropfen Menstruationsblut...

Edelmann und Willmann richten sich auf dem Fantasy Filmfest 2016 häuslich ein

Von Anna Edelmann und Thomas Willmann

Herzlich will­kommen zu unserem Haus­be­sich­ti­gungs-Termin. Sie haben gut herge­funden, ja? Keine Aussetzer beim Navi? Ach, man hat Ihnen unten im Dorf den Weg gewiesen. Und einen Rosen­kranz mitge­geben – da schau an! So zuvor­kom­mend ist man da nicht zu jedem.
Jeden­falls freut micht, dass Sie pünktlich sind zu unserem Stell­dichein. Das Paar, das gestern das Anwesen anschauen wollte, ist gar nicht aufge­taucht...
Nun denn! Na, hat die Annonce zuviel verspro­chen? Man würde diesem fantas­ti­schen Gebäude nicht ansehen, dass sein Grund­stein erst vor 30 Jahren gelegt wurde. Also ich zumindest finde, dass auch die modernen An- und Umbauten den pseudo-gotischen Grund­ge­danken der Archi­tektur durch­scheinen lassen.
Die vorläu­figen Gerüste bitte ich zu igno­rieren – da wird nur ein kleiner Wasser­schaden im Foyer behoben. Und der Herr Vermieter lässt sich entschul­digen – er weilt gerade in einem seiner anderen Domizile in Hamburg, oder Berlin...

Wie Sie ja wissen, wird das Haus möbliert vermietet. Und Ihnen ist gewiss schon aufge­fallen, dass es sich dabei durchweg um Unikate handelt. Erlauben Sie mir, dass ich bei unserer Führung ein paar Worte darüber verliere, wie sich die Einrich­tung ins Ensemble der Räume fügt.
Wenn Sie mir bitte folgen wollen...

Beginnen wir doch im Wohn­zimmer. Hier fühlt man sich wohl, hier kommt die ganze Familie zusammen. Entspre­chend tradi­tio­nell ist es gehalten.
Der Blick­fänger hier ist ein Girl with all the gifts. Sie erkennen selbst­ver­s­tänd­lich seine Reanimat... äh, Restau­ra­tion des klassisch-modernen Zombie-Stils. Doch beachten Sie, wie sorg­fältig vor allem die Front gear­beitet ist – wie einem bei der Einle­ge­ar­beit der geradezu lebendig wirkenden Figuren die minutiöse, chan­gie­rende Tiefe der Schich­tungen anfunkelt! Und gut, ich gestehe Ihnen zu, dass die Hinter­seite weniger filigran, gene­ri­scher ist – und dass der Hersteller da nicht unbedingt seine Firmen­phi­lo­so­phie so auffällig hätte drauf­pappen müssen. Aber wenn Sie das gegen die Wand rücken, dass es nicht so ins Auge fällt, dann werden Sie viel Freude an diesem außer­ge­wöhn­li­chen Stück haben.
Aus italie­ni­schen Werk­s­tätten hingegen stammt dieser They Call Me Jeeg Robot – nicht Unzer­brech­lich, aber dennoch mit Bestnoten bei der Kunden­zu­frie­den­heit bedacht. Viel­leicht gerade, weil der unge­wöhn­liche regionale Firnis einen altbe­währten, um nicht zu sagen altba­ckenen Aufbau Überzieht. Hier das Super­helden-Fach, da die Gangster-Schublade – das funk­tio­niert alles verläss­lich, wie man es erwarten darf. Aber freilich will ich Ihnen nicht verheim­li­chen, dass der Hand­werker die Einzel­teile allesamt nach über­kom­menen Scha­blonen geschnitzt hat – und manches daran schon noch sehr aus Zeiten stammt, als Vatter immer im Recht war, Mutti kindlich, neuro­tisch und dienstbar, und wer zwischen diesen Rollen stand, gleich die ganze Gesell­schaft bedroht hat.

Ich vermeine, die wich­tigsten Sachen hier habe ich Ihnen präsen­tiert. Wollen wir weiter­schreiten? Bitte.
Oh nein, bitte nicht jene Tür! Dahinter verbirgt sich das Bade­zimmer. Da ist einst etwas sehr... Uner­quick­li­ches geschehen.
Dürfte ich Sie nach oben geleiten?

Wenn ich nebenbei bemerken darf... Wie Sie hier durch's roman­tisch die Abend­sonne einfan­gende Erker-Fenster sehen – von dem manche behaupten, man könne bei entspre­chenden Wetter­ver­hält­nissen bis nach Mexiko blicken: Der weit­läu­fige Garten ist von einer beru­hi­gend hohen Mauer einge­fasst. Ein wahrer Trumpf gegen unlieb­same Nachbarn!
Und auch dort: Das Nützliche paart sich mit dem Ästhe­ti­schen. Der Hausherr hat Wert darauf gelegt, dass selbst diese nüchterne Baumaß­nahme eine künst­le­ri­sche Gestal­tung erfährt.
Ich merke schon, Sie bewundern bereits vor allem das linke der beiden Fresken?! Da beweist der Sohn eines berühmten Meisters sein mitge­ge­benes Talent – es nennt sich »Desierto«, und stellt in gekonnt redu­zierter, aber umso exis­ten­zi­el­lerer Weise dar, wie das wahre Grauen erst da lauert, wo man die Grenze schon über­schritten und sich im gelobten Land glaubt. Weil dort die Abwehr­re­ak­tion von Menschen wartet, denen man ähnlich falsche Verspre­chungen von Freiheit gemacht hat.
Ich gebe aller­dings zu, dass dagegen recht­erhand die Wand­zeich­nung Kidnap Capital merklich abfällt. Sie haben durchaus recht, dass da – bei aller ehren­werter Absicht – der entschie­dene Wille zur gesell­schafts-, um nicht zu sagen menschens­na­tur­kri­ti­schen Aussage doch zu durch­schau­bare gewollt die Pinsel­striche führte.

Wie dem auch sei!
Hier im oberen Stockwerk befindet sich das Eltern­schlaf­zimmer. Bei diversen Vormie­tern haben insbe­son­dere die Damen des Hauses die abge­schie­dene Lage des Anwesens und damit verbun­dene Ruhe sehr zu schätzen gewusst. Sehr liebens­wür­dige, patente, charak­ter­starke Damen übrigens – eine Italie­nerin und eine Iranerin, beide durchaus modern einge­stellt, aber wie Sie am atmo­s­phä­risch dichten Dekor noch erkennen können, ihrer Heimat und deren Kultur verbunden.
Oh, aber ich sehe grade, da auf dem Nacht­käst­chen stehen ja noch Beru­hi­gungs­ta­bletten. Die muss eine von ihnen vergessen haben. Entschul­digen Sie vielmals, ich werde die selbst­ver­s­tänd­lich sofort entfernen – oder hätten Sie gar Verwen­dung dafür? Nein? Kein Problem.
Ich will ja nicht aus dem Nähkäst­chen plaudern, aber im Vertrauen gesagt hatten beide Damen doch schon sehr mit wieder­keh­renden Albträumen zu kämpfen. Gewiss auch aus mütter­li­cher Sorge um die Kinder. Weswegen sie allzeit froh waren um die räumliche Nähe – die Verbin­dungstür, die Sie dort sehen, führt direkt ins Kinder­zimmer.
Wenn ich aber noch einmal auf die Einrich­tung zu sprechen kommen darf: Hier ein Under The Shadow-Toilet­ten­tisch in persi­schem Post­re­vo­lu­tions-Stil. Dessen Spiegel bildet auf den ersten Blick sehr getreu ab – aber wenn Sie länger hinein­schauen, werden Sie zunehmend phan­tas­ti­sche Verzer­rungen erkennen. Finde Sie nicht auch: Ein schönes Stück, in dem morgen- und abend­län­di­sche Tradi­tionen sich auf wohlüber­legte Weise die Hand reichen.
Und der dicht (wenn auch mit kleinen Makeln) gewebte Deep In The Wood-Überwurf auf dem Bett verleugnet seine Herkunft aus kalten Dolomiten-Regionen nicht. Dort ist man ja gewohnt, manch Schand­fleck zuzu­de­cken. Spüren Sie einmal – man würde kaum meinen, dass sich aus solch einer faden­schei­nigen Wolle solch eine feine Textur gewinnen lässt.

Wollen Sie einen kurzen Blick ins Kinder­zimmer werfen? Gerne.
Wie Sie sehen – alles sehr hell, freund­lich, kind­ge­recht. Das von selbst wippende Schau­kel­pferd muss Sie nicht weiter stören.

Einen weiteren Raum auf diesem Stockwerk würde ich Ihnen gerne noch... Nein! Bitte! Nicht diese Tür.
Dahinter verbirgt sich ein weiteres Bade­zimmer. Wirklich – dazu frühes­tens, wenn Sie wirklich alle Vorzüge und Annehm­lich­keiten des Anwesens kennen­ge­lernt haben.
Jene Tür dort, mit dem gift­gelben »Keep Out!«-Schild mit den böse grin­senden Toten­köpfen, hinter welcher der unan­ge­nehme Geruch hervor­dringt. Da hinein bitte.

Wir befinden uns hier im zweiten Kinderzim... oh, Verzei­hung, selbst­ver­s­tänd­lich: Nicht kinderzimmer. Das ist das Domizil der jungen Herr­schaften, da legen sie Wert darauf.
Das hat sich seit Erbauung des Hauses relativ unver­än­dert gehalten. Haben Sie Teenager daheim? Dann dürfte Ihnen das – auch olfak­to­risch – ohnehin bekannt vorkommen. Vermeiden Sie, auf die leeren Axe-Spray­dosen am Boden zu treten.
Wenn es Sie inter­es­siert: Unter den obli­ga­to­ri­schen Postern von Slipknot und Tarantino scheint eine histo­ri­sche, einst heiß­ge­liebte Cowboy & Indianer-Tapete durch. Die Video-Sammlung dort unter dem Fernseher ist leider etwas einseitig und über­schaubar – ich vermag, nebenbei bemerkt, nicht zu sagen, ob die jungen Herr­schaften die film­his­to­ri­sche Allwis­sen­heit ihres Idols ahnen, geschweige teilen, oder daran überhaupt inter­es­siert sind...
Und ich hoffe, es ist Ihnen nicht peinlich, von welcher Art Publi­ka­tion da eine etwas klebrige Ecke unter dem Bett hervor­lugt. Aber Sie wissen ja vermut­lich, wie das ist, wenn die Kleinen erst einmal die Wunder der Körper­lich­keit entdecken...
Jene Poster an der anderen Wand? Moment – lassen Sie mich lesen... Happy Birthday? Yoga Hosers? Carnage Park? Antibirth? Nein, das sagt mir auch nichts. Ich glaube, das muss man sich nicht merken.

Dafür habe ich für Sie zum Ende unseres Rundgangs im wahrsten Sinne des Wortes den Höhepunkt aufge­spart!
Der Zugang ist nicht ganz so bequem – ich müsste Sie diese Dach­bo­den­treppe hinauf­bitten. Ich weiß, das ist etwas eng und steil. Aber dafür werden Sie belohnt.
Na, was sagen Sie? Der Dachboden wurde zu einem Künst­ler­ate­lier ausgebaut. Und der Hausherr lässt es sich nicht nehmen, auch immer wieder junge Avant­gar­disten einzu­laden, um hier zu arbeiten.
Wir hatten dieses Jahr zum Beispiel einen Beuys-Jünger zu Gast, dem wir die Fettwand dort zu verdanken haben. Warten Sie, da ist noch die Plakette mit dem Titel des Werks: The Greasy Strangler. Ich gebe zu – eine gewisse körper­liche Ekel­re­ak­tion ist durchaus beab­sich­tigt. Und die Ästhetik des Künstlers ist schon sehr speziell – im Schlechten freilich wie im Guten: Wenn man denn einen Zugang zu ihr findet, dann bietet sie eine ganz eigene Weltsicht. Und ehrlich gesagt: Ich erkenne in all dem scheinbar Ekligen schon eine sehr mensch­liche Leib­lich­keit. Und die figür­li­chen Aspekte schildern bei aller grotesken Über­zeich­nung gar nicht unberüh­rend ein Vater-Sohn-Verhältnis.

Von unserem mexi­ka­ni­schen Gast unlängst – einem Otto Muehl-Anhänger – ist leider keine skulp­tu­relle Reliquie mehr vorhanden, da es sich um einen Perfor­mance-Künstler handelte. Aber da sind auf dem Boden noch drei Tropfen Mens­trua­ti­ons­blut zu sehen, von seinem Oster-Happening We Are The Flesh. Wo – das hätten Sie erleben sollen! – er unseren Dachboden mit Eier­kar­tons, Gaffa-Tape und nur ein bisserl Pattex in eine Art Ur-Höhle verwan­delt hat. Für meinen Geschmack viel­leicht etwas symbol­be­frachtet – mit gebro­chenem Brot, aus dem man (Wein-)Geist destil­liert, Wieder­auf­er­ste­hung und kanni­ba­lis­ti­schem Abendmahl. Aber allemal lustvoll, teils sogar sinnlich, wie er sich den Kopf gegen die Grenzen des Ausdrück­baren haute.
Und lusti­ger­weise – Ihnen kann ich's ja sagen: Ausge­rechnet unsere jungen Herr­schaften mit der abge­brühten, provo­zie­renden Attitüde fühlten sich davon unan­ge­nehm berührt, und waren froh, in ihren asep­ti­schen Splatter-Kokon zurück­zu­kehren...

Und wenn Sie mögen: Dort schließ­lich finden Sie sich noch Auge in Auge mit Stand­bil­dern aus der Instal­la­tion Eyes Of My Mother. Sie erkennen freilich sofort die Reverenz vor Bunuel. Aber auch die erstaun­liche Kraft und Schönheit der Bild­kom­po­si­tion.
Was aller­dings die Stand­bilder nicht zu vermit­teln wissen: Der noch sehr junge Künstler hat sich offen­sicht­lich Schmerz und Vergäng­lich­keit als gewich­tiges Thema gewählt – ohne einem das Gefühl zu geben, dass er schon aus eigener Lebens­er­fah­rung davon spräche.

Ich sehe – Sie sind von unserem Atelier ähnlich angetan wie ich.
Mir fällt ein Stein vom Herzen!
Kann es sein? Wenn mich nicht all meine Instinkte trügen, dann ist dies das Haus, auf das Sie gewartet haben; sind Sie die Mieter, auf die dieses Haus gewartet hat!
Dann lassen Sie mich auch das Letzte wagen...
Fühlen Sie sich stark genug? Dann zeige ich Ihnen nun auch das vermal­le­deite Bade­zimmer.
Stählen Sie sich. Wie ich bereits sagte: Einst geschah Unglück­li­ches hier!
Sind Sie bereit? Dann öffne ich nun die Tür.

Oh nein! Stützen Sie Ihren Mann!
Nein, ich kann alles erklären! Das hatte man damals so! Das kann man umge­stalten!
Ich weiß, ich weiß! Es sieht grau­en­er­re­gend aus! Welch geistig umnach­tete Perver­sion!
Scho­ko­braune Fliesen mit avocadofar­bener Badewanne und goldenen Amarturen!
The horror! The horror!

Nein, bitte!
Laufen Sie nicht weg!
Aber das Wohn­zimmer! Der sichere Garten! Das Atelier!
Bleiben Sie doch bei uns.
Für immer. Und immer. Und immer...

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