4.8.2016

Toni Erdmann

Ama-san
Nicht nur der Film erzählt Welt, seine Rezeption tut es ebenso.

Ein zweiter Blick auf Marens Ades Toni Erdmann

Von Jutta Brückner

Dieser bemer­kens­werte Film ist nicht zu haben ohne seine bemer­kens­werte Rezeption. Nicht nur der Film erzählt Welt, seine Rezeption tut es ebenso. Wie jeder gute Film wird er zum Träger vieler Einsichten und auch Projek­tionen, die manchmal mehr über unsere Wünsche als über ihn selbst aussagen. Welche Aussagen über die Welt und die Frau in ihr macht Toni Erdmann? Und worüber wird eigent­lich gelacht?

Keine der möglichen Lesarten kommt vorbei an dem fabel­haften Spiel von Sandra Hüller. Ich habe noch nie einen Film gesehen, der so genau bis in die kleinsten Details das Bild einer modernen, jungen Frau in ihrer Arbeits­welt zeichnet. Ihre scha­blo­nen­hafte Busi­ness­freund­lich­keit, ihre ziel­ge­rich­tete Kompetenz, ihre eiserne Disziplin, mit der sie nicht nur ihren Arbeits­stoff, sondern auch ihren Körper beherrscht, weil zur Perfor­mance der zuge­rich­tete Geist und der zuge­rich­tete Body gehören. Das so zu zeigen, ist eine große Leistung. Der vom Stiletto malträ­tierte geschwol­lene Zeh wird gnadenlos auf der Toilette aufge­sto­chen, bis das Blut auf die blüten­weiße Bluse spritzt und ohne jedes Lamento wird das verschmutzte Oberteil gegen die weiße Bluse der jungen rumä­ni­schen Assis­tentin einge­tauscht. Das hat eine ameri­ka­ni­sche Kriti­kerin während des Festivals von Cannes zu dem Jubel­schrei veran­lasst, dass hier die erste wirklich moderne Frau gezeigt sei: self suffi­cient im Beruf und in der Erotik ohne heim­li­ches Schielen auf das wahre roman­ti­sche Glück, das ja nach Kinoüber­ein­kunft für eine Frau nur in der Liebe und der Familie liegen kann.

Mich hat dann sehr verblüfft, wie stark in der deutschen Rezeption diese Tochter gesehen wurde als ein Fall von Entfrem­dung, furcht­erre­gender Kompetenz, seeli­scher Erkaltung, Total­funk­tio­na­li­siert­heit und Einsam­keit. Diese Rezeption hat sich den Blick des Vaters zu eigen gemacht, dieses Vaters, der von seiner Frau geschieden ist, allein lebt, sich die Zeit mit Clow­ne­reien vertreibt und dessen einziger Gefährte, ein alter Hund, stirbt. Dieses Vaters, der jetzt, da er niemanden mehr hat, sich auf den Weg zu seiner Tochter macht, um .... ja was eigent­lich? Eines Vaters, der sagt, er habe jetzt eine Frau engagiert, die seine Tochter verkör­pert, weil er von der wirk­li­chen lange nichts mehr gehört habe. Auf die Frage, welcher Kuchen denn besser schmecke, antwortet er, der der enga­gierten Tochter. Das ist zwar ein Witz, führt auch zu Heiter­keit, aber sein Geburts­tags­ge­schenk an Ines ist eine Käsereibe. Wir wissen ja, dass in der Komik der unbe­wäl­tigte Rest lauert. Warum ist der deutschen Rezeption eine solche Tochter, die sich entschieden hat, dass ihr Leben ihr Beruf ist und sie auf Kuchen­ba­cken und Käse­reiben verzichten kann, noch immer unheim­lich? Warum wird einer solchen Frau attes­tiert, der Kapi­ta­lismus habe sie bis in die letzten Fasern sich selbst entfremdet? Wer ist hier wirklich einsam und wer soll eigent­lich wen retten?

Alle Sympa­thien fließen dem Vater zu, der als Dauerstalker in seinen Verklei­dungen der Tochter so hart­nä­ckig folgt, als müsse die Lücke, die der Tod des Hundes gerissen hat, nun mit der Tochter gefüllt werden. Er besucht sie nicht, er sucht sie heim, er will etwas von ihr. Nicht einfach ihre Zuneigung. Es ist wohl jedem Vater in der Welt klar, dass man die Zuneigung der Tochter nicht bekommt, wenn man sie mit Hand­schellen an sich fesselt, die erst ein rumä­ni­scher Schlosser wieder sprengen kann. Das ist ja ein starkes Symbol. Er stalkt sie, buchs­täb­lich. Und dieses Stalking wird vom Zuschauer genossen: „Recht geschieht ihr.“ Warum treibt sie sich auch in dieser Welt herum? Die Tochter in ihren Arbeits­zu­sam­men­hängen zu stören, sie zu seiner Sekre­tärin zu degra­dieren, all dies sind verspä­tete Zwangs- und Erzie­hungs­maß­nahmen, die wir gern genießen, denn die Welt der globa­li­sierten Finan­zö­ko­nomie ist eine, die uns allen total unbe­hag­lich bis wider­wärtig ist. Hier ist nichts ‘wesent­lich‘. Aber diese englisch globa­li­sierten Busi­ness­for­meln in und um die Arbeit herum, in denen es entweder um finan­zi­elle Opti­mie­rung geht oder um Shopping, in dem diese Opti­mie­rung wieder verschwendet wird, sind der kleinste gemein­same Nenner für Menschen unter­schied­li­cher Kulturen. In ihrer scha­blo­ni­sierten Freund­lich­keit steckt immerhin das Bemühen um einen gewalt­freien Umgang von Menschen, die außer ihrer Arbeit nicht durch gemein­same Erin­ne­rungen oder Kultur mitein­ander verbunden sind. Das ist nicht wenig, denn die andere globa­li­sierte Sprache ist die der Gewalt.

Wenn man schon diese Welt nicht mehr erziehen kann, dann wenigs­tens die Tochter. Der Film wirft einen scharfen Blick auf die Tochter und ihre Umgebung und verlockt dazu, Ines als eine vom Kapi­ta­lismus sich selbst entfrem­dete Karrie­re­frau zu sehen. So können wir unseren poli­ti­schen Wider­willen an den Zumu­tungen der neoli­be­ralen Gegenwart moralisch auf ihr abladen. Die Effizienz einer Abhän­gigen in einem falschen System wird so zur Eise­s­kälte. Es ist unge­wöhn­lich und neu, dass der Turbo­ka­pi­ta­lismus am Bild einer Frau gezeigt wird. Das bereitet doppeltes Unbehagen, hat aber gleich­zeitig auch eine Entlas­tungs­funk­tion. Denn sollten Frauen nicht doch stärker immun sein gegen die Zumu­tungen einer solchen Welt? Sind sie nicht nach wie vor Träge­rinnen des Gefühls und der besseren Moral? Ist diese Tochter nicht deswegen ‚seelisch erkaltet’, weil wir unbewusst von ihr erwarten, dass sie zur Heldin wider das System wird und damit auch die unaus­ge­spro­chene Dele­ga­tion des Vaters annimmt? Söhne sind kleine Gordon Gekkos, schwarze Helden des Bösen, die man mit dem wohligen Gefühl des Grusels, aber auch faszi­niert betrachten kann. Hätte man Gordon Gekko in Wall­street vorge­worfen, dass er seinen Vater nicht anruft?

Wenn dieser Vater seinen Sohn derart gestalkt hätte, hätten wir so viel schneller gemerkt, dass er ein hilfloser Terrorist ist, wie die Szene auf dem Ölfeld sehr genau zeigt. Seine Zwangs­be­spaßung kann zwar Ines stören und uns erheitern, aber das bleibt eine momentane Pein­lich­keit. Der anar­chi­sche Ausnah­me­zu­stand ändert weder unsere gesell­schaft­liche Situation noch ihr Leben. Am Ende des Films arbeitet sie nicht mehr in Rumänien, sondern in Singapur, wo ein solches Leben wie ihres der normale Alltag ist. Und dieser kindliche Spaß­ter­ro­rismus, der hier zur privaten Waffe wird, ist in anderen öffent­li­chen Formen ebenso Teil unserer gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit, weil er die andere Seite des Funk­tio­nalen ist und auf Events und Festivals lustvoll zele­briert wird.

Aber es geht da noch um etwas anderes, was unser aller Herz schmelzen lässt, besonders wenn wir im Kino sitzen: die Frage nach dem Glück. Subtil verbindet der Film eine Frage des Vaters an seine Tochter mit ihrer Antwort: mal ins Kino gehen. Denn der einzige Ort, wo uns ständig das Glück verspro­chen wird, ist, außer der Werbung, eben dieses Main­stream-Kino, wenn es von Frauen erzählt. Ines gehört zur Gene­ra­tion der ernüch­terten Frauen, die dieses Glücks­ver­spre­chen nicht mehr glauben. Da ist sie offen­sicht­lich erwach­sener als ihr Vater. Und langsam enthüllt sich auch sein Rettungs­un­ter­nehmen als der hart­nä­ckige Versuch, nicht wahr­zu­haben, wie erwachsen diese Tochter ist.

Mir kam direkt nach dem Film der US-Anima­ti­ons­film Alles steht Kopf in den Sinn. Die 11-jährige Riley ist tief unglück­lich nach dem Umzug in eine fremde Stadt und der hilflose Vater versucht es mit den alten Mitteln: Quat­schma­chen, den Affen spielen, grunzen und mit den Ohren wackeln. Der Blick der Tochter ist pure Verach­tung. Der Umzug und die Entfer­nung von ihren alten Freunden hat mit einem Schlag ihre Kindheit beendet, und damit ist auch die „Quat­schma­ch­insel“ unter­ge­gangen. Die Spiele von Ines Vater sind die, die man von Kinder­ge­burts­tagen kennt. Dass das auch für sie vorbei ist, teilt Ines ihm mit in der heraus­ge­schrienen Travestie des Liedes »Greatest love of all«. Sie will in niemandes Schatten leben und keine Dele­ga­tion erfüllen. Die Käsereibe ist kein Gegen­ent­wurf gegen das Leben, das sie führt.

Als der Vater sich gegen Ende in ein Zottel­monster verwan­delt, läuft die Tochter ihm im Bade­mantel und barfuss in den Park nach. Es ist das einzige Mal, dass sie dem Vater in die Arme fällt. Der Preis dieser Versöh­nung ist die Regres­sion zum Kind. Michael André hat in getidan von einer trüge­ri­schen Versöh­nung geschrieben. Aber es geht hier nicht um eine Versöh­nung, denn es hat ja keinen Streit gegeben, dazu hätte es der Worte und der Stand­punkte bedurft. Die Umarmung ist der Versuch, eine Entfrem­dung aufzu­heben. Doch die ‘entlau­fene Tochter’ liegt in den Armen eines Kuschel­tiers ohne Gesicht. Und auch sie hat kein Gesicht, wie das Film­plakat noch einmal betont. Hier umarmt eine Frau noch nicht mal wirklich ihren Vater, sondern ihre Kindheit. Ohne ein weiteres Wort trennen sich Tochter und Vater, sie haben sich eigent­lich nichts zu sagen. Hier haben sich nicht zwei Erwach­sene umarmt, die sich entfremdet haben und nun versuchen, diese Entfrem­dung aufzu­heben. Dazu wäre das Mitein­an­der­reden nötig, hier oder später. Entfrem­dung ist unaus­weich­lich, wenn Kinder erwachsen werden und eine Beziehung kann erst wieder herge­stellt werden darüber, dass Eltern und Kinder sich auf Augenhöhe begegnen und sich so neu kennen­lernen, die alten Gefühle aufge­hoben sind in einem neuen Interesse fürein­ander.

Der Film wirft einen scharfen Blick auf die Tochter und ihre Umgebung und er wirft einen kind­li­chen Blick auf das, was wir unter Familie verstehen. Es ist ein Bild von Familie, in dem die Kinder ewig Kinder bleiben müssen, weil der Sinn von Familie sonst verloren geht. Kinder werden erwachsen und Plüsch- und Zottel­tiere helfen da nicht mehr, sie verfes­tigen nur die Infan­ti­li­sie­rung von Gefühlen. Wenn man darin eine Dysfunk­tio­na­lität von Familie sieht, dann hofft man weiterhin und gegen alle Erfah­rungen auf sie als Rettungs­in­stanz vor den Zumu­tungen der neoli­be­ralen, inter­na­tio­nalen Busi­ness­welt, in die Ines sich aufge­macht hat, weil das ein Bereich ist, in dem sie ihre Fähig­keiten jenseits von Käse­reiben einsetzen kann. Wenn die Familie eine Zuflucht werden soll vor dem Abso­lut­heits­an­spruch kapi­ta­lis­ti­scher Verwer­tungs­me­cha­nismen und kommu­ni­ka­tiver Nütz­lich­keits­er­wä­gungen, dann muss in ihr geredet werden. Auch über Gefühle. Aber es gibt im deutschen Film, wie auch in einem großen Teil der deutschen Kultur, das Miss­ver­s­tändnis, dass Gefühle nur dann tief sind, wenn sie nicht ausge­spro­chen werden. Intel­lek­tua­lität ist in Deutsch­land noch immer als Zerset­zung von Gefühlen gefürchtet, sie stört das schum­me­rige Dunkel, in dem es sich gut munkeln lässt. Eine Ausein­an­der­set­zung über das, was die Tochter da macht, würde im fran­zö­si­schen Film statt­finden, dessen Figuren ja immer viel erwach­sener waren.

Der Film beginnt und endet in der Familie, aus der Ines dann doch wieder verschwindet, dieses Mal nach Singapur. Noch weiter weg. Die Familie ist ehrfürchtig befremdet. Aber dieses Modell an Familie ist nicht mehr unum­stritten und das treibt Konser­va­tive und Reak­ti­onäre aller Couleur auf die poli­ti­schen Barri­kaden. Die patri­ar­chale Ordnung ist in Gefahr, wenn die Töchter, die früher als Mütter immer wieder von neuem das stabi­li­sie­rende Herz der Familie waren, inzwi­schen als Menschen ihre eigenen Wege gehen. Es ist nicht neben­säch­lich, dass der Mensch, der hier an Ines Tür klopft, ein 68-Vater ist und keine 68-Mutter. Sie wäre viel­leicht nicht weniger penetrant gewesen, aber auf eine ganz andere Weise. Sie hätte wohl aus eigenem Erleben verstanden, dass Frauen mit einer Ambi­va­lenz fertig werden müssen, seit es so etwas wie Eman­zi­pa­tion gibt. Von diesem Moment an war die Welt für die Frauen ein kalter Ort. Dass sie in dieser Kälte ihre Kräfte auspro­bieren mussten und wollten, diese Ambi­va­lenz hatten sie schon immer ausge­halten. Die huma­nis­ti­schen Ideale des Vaters haben im Jute­beutel Platz, direkt neben den Uten­si­lien der Clownerei.

Neben der großen Nackt­szene ist eine Sexszene Schlüs­sel­szene des Films. Hier wird wie in einem Brennglas alles Mögliche gebündelt. Ihr Liebhaber zielt, von ihr aufge­for­dert, onanie­rend auf ein Törtchen. Das ist die Verschie­bung des kind­li­chen Jungen­spiels, wer am weitesten zielen kann. Dann: Ines isst dann das Törtchen mit dem Sperma, das als ein Objekt der Sexua­lität etwas Verwor­fenes ist, die Frau verwertet, was der Mann verspritzt. Das wäre ein Kommentar zur neuen Lage an der Front von Mann und Frau. Weiter: so verwei­gert Ines sich der Repro­duk­tion und der Käsereibe und viel­leicht hat das, unaus­ge­spro­chen, auch zu dem Urteil über ihre Seelen­lo­sig­keit beige­tragen. Und letzten Endes kann man sagen: In dieser Verflech­tung von poli­ti­scher Ökonomie und sexuellem Begehren ist die Perver­sion des Systems bis in das Privat­leben vorge­drungen, das wäre die poli­ti­sche Aussage. Wie auch immer: Da ist der Film schärfer, härter und genauer als alles, was ich bisher gesehen habe. Aber offen­sicht­lich funk­tio­niert die Szene wie ein Schmug­gelgut, ich habe keine Rezension gefunden, in der sie eine Rolle gespielt hätte, außer man sieht sie wie Michael André als grotesken Ausdruck einer erkal­tenden Beziehung.

Ein solcher Konsens zwischen den natio­nalen Kritikern, der inter­na­tio­nalen Film­kritik und dem Markt ist höchst selten. Ein paar Abweichler hat es aber doch gegeben. Christoph Hoch­häusler hat sein Unbehagen an der Motiv­linie der Eigent­lich­keit formu­liert, die er als Gegensatz von Unter­neh­mer­welt und dem primi­tiven Rumänien sieht. Ich sehe es eher in dem Gegensatz zwischen der Unter­neh­mer­welt und dem biogra­phi­schen Ort der Kindheit. Lukas Foerster ist die versöhn­liche Schlag­seite des Films nicht geheuer und Philip Stadel­meier in der SZ hat geschrieben, vor den Zumu­tungen dieser Welt helfe kein Gefühl und auch kein sanfter, parodis­ti­scher Begleiter, es müsste eher ein Vampir mit echten Zähnen sein als ein Scherz­keks à la Horst Schlämmer. Der große Konsens der vielen kommt wahr­schein­lich aus Maren Ades Mischung von großer Genau­ig­keit in der Beschrei­bung so vieler unserer bedrü­ckenden Erfah­rungen und ihrem Willen, sie in Komik und Melan­cholie aufzu­lösen. Natürlich wissen wir, wie viel Abgrund im Lachen steckt und was an Unbehagen damit abgeführt wird. Aber fehlt es dem Film dann an letzter wirklich anar­chi­scher Kraft, an Leiden­schaft, an Bedeutung, wenn seine komische Seite verpufft ist? Wir sind ja nicht bei Jerry Lewis, dessen Komik nichts mit Psycho­logie zu tun hat, hier geht es ja um Dinge, in die wir alle verstrickt sind. Klar ist aber, kindliche Gefühle helfen in dieser Lage nicht weiter. In Kuschel­tieren, Smileys und Emois sind sie schon längst in den Verwer­tungs­zu­sam­men­hang einge­speist worden und sei es als infan­tiles Opium. Es hilft nur ein klarer Kopf und ein messer­scharfer Verstand. Viel­leicht wäre das der utopische Rest gewesen, wenn der Film das auch noch gezeigt hätte, und sei es in seiner Form.

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