28.07.2016

Kino mit Alpenblick

Ama-san
Einer der schönsten Filme des Fesitvals: Ama-san von Cláudia Varejão

Das 10. Fünf-Seen-Film­fes­tival wartet mit mehr als 160 Filmen auf

Von Ingrid Weidner

Sichtlich stolz präsen­tiert Matthias Helwig das Programm des 10. Inter­na­tio­nalen Fünf-Seen-Film­fes­ti­vals. Seit den zaghaften Anfängen 2007 entwi­ckelte sich das noch junge Festival prächtig; allein im vergan­genen Jahr zog es mehr als 19.000 Zuschauer an. »Ich bin Film­lieb­haber, das ist mein einziger Antrieb«, verrät der Festi­val­leiter seine Moti­va­tion. Anziehend auf die Zuschauer wirken auch die illustren Gäste, die jedes Jahr an den Starn­berger See kommen. »Ich habe Glück gehabt, dass Gäste gekommen sind«, koket­tiert Helwig. Der Kino­be­treiber verfügt über beste Bran­chen­kon­takte, die grandiose Alpen­ku­lisse, der Sommer am See und die Wohlfühl-Atmo­s­phäre helfen, Regis­seure und Schau­spieler an die fünf baye­ri­schen Seen zu locken. Seiner Einladung folgten Kino­größen wie Armin Mueller-Stahl, Wim Wenders oder Michael Ballhaus, um mit dem Publikum über ihre Filme zu disku­tieren. »Der Funke ist über­ge­sprungen«, meint Helwig, denn die Zuschauer teilten die Begeis­te­rung der Festival-Macher.

Vor den Toren Münchens ein eigenes Festival auf die Beine zu stellen, erfordert neben Mut, guten Kontakten und finanz­kräf­tigen Sponsoren auch eigene Ideen, denn kurz nach dem Münchner Film­fes­tival überfällt manchen Cineasten eine gewisse Müdigkeit. Doch Kino mit Sommer­fri­sche im Fünf­se­en­land zu kombi­nieren, erwies sich in den vergan­genen Jahren als Erfolgs­re­zept. In diesem Jahr zeigen Helwig und sein Team rund 160 Filme an zwölf Tagen, aller­dings an zehn unter­schied­li­chen Spiel­orten, was Besuchern viel Mobilität und ein gewisses Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent abver­langt. Im Programm finden sich neben vielen bereits ange­lau­fenen Streifen auch fünfzehn Deutsch­land­pre­mieren und inter­na­tio­nale Filme, die vermut­lich nie den Weg ins Programm­kino finden werden, aber trotzdem sehens­wert sind. Eröffnet wird das Festival mit El Olivo – Der Oliven­baum, mit dem auch die 64. Münchner Film­kunst­wo­chen ihren Film­reigen vor einer Woche begannen.

Um in dieser Vielfalt nicht den Überblick zu verlieren, ordneten die Festi­val­ma­cher die Filme nach Reihen, die teilweise nach den zahl­rei­chen Preisen benannt sind, die auf dem Festival vergeben werden: da gibt es den Horizonte-Menschen­rechte-Wett­be­werb, den Fünf Seen Filmpreis, den Doku­men­tar­film­preis, die Perspek­tive Junges Kino, den Publi­kums­film­preis oder den Kurzfilm-Wett­be­werb, insgesamt werden siebzehn Sektionen gelistet. Den dies­jäh­rigen Ehren­gästen Doris Dörrie und Goran Paskal­jević widmet das Festival Werk­schauen. Von der in München lebenden Regis­seurin und Schrift­stel­lerin Dörrie zeigt das Festival einen ihrer ersten Spiel­filme, Mitten ins Herz, aus dem Jahr 1983, Kirsch­blüten – Hanami sowie Erleuch­tung garan­tiert und ihren aktuellen Film Grüße aus Fukushima. Alle drei Filme passen auch zum Japan-Schwer­punkt des Festivals. Aber auch Dörries Doku­men­tar­film Dieses schöne Scheiß­leben aus dem Jahr 2014 über mexi­ka­ni­sche Mariachi-Musi­ke­rinnen wird zu sehen sein.

Der 1947 in Belgrad geborene Regisseur Goran Paskal­jević wuchs im ehema­ligen Jugo­sla­wien auf, begann als Doku­men­tar­filmer, verließ 1992 das Land und kam erst 1998 zurück nach Serbien, um den Spielfilm Das Pulver­fass (Cabaret Balkan) zu drehen, der in gleichen Jahr in Venedig einen Preis gewann. Außerdem zeigt das Festival Midwinter Night's Dream (2004) und Die Opti­misten (2006). Honey­moons drehte Paskal­jević zwar schon 2009, doch die Geschichte von zwei jungen Paaren aus Serbien und Albanien, die sich auf den Weg nach Europa machen, um dort ihr Glück zu finden, ist aktueller denn je.

Spannend dürfte auch der dies­jäh­rige Fokus Drehbuch werden. Gleich am ersten Festi­val­wo­chen­ende (30. und 31. Juli) beschäf­tigen sich die Film- und Bran­chen­ge­spräche mit der Frage, ob Schau­spieler andere, viel­leicht sogar bessere Filme machen. Darüber disku­tieren in einem Werk­statt­ge­spräch Nicolette Krebitz und Sebastian Schipper am Sonntag, den 31. Juli um 11 Uhr im Kino Breitwand Seefeld. Wer deren Filme nicht kennt, kann sich neben dem preis­ge­krönten Victoria auch den weniger bekannten Mitte Ende August aus dem Jahr 2009 und den zehn Jahre früher gedrehten Film Absolute Giganten ansehen. Nicolette Krebitz stellt ihr neuestes Werk Treffen sich zwei vor, für den sie das Drehbuch schrieb (und als Schau­spie­lerin mitwirkte), außerdem ist ihre gefeierte Regie-Arbeit Wild (das Drehbuch stammt ebenfalls von Nicolette Krebitz) im Programm.

Am Sonntag Nach­mittag (31. Juli) zwischen 14 und 16 Uhr lädt die Poli­ti­sche Akademie Tutzing zum Film­ge­spräch am See ein. Sebastian Schipper, Rosa von Praunheim und Matthias Koßmehl (Gewinner des Münchner Starter-Filmpreis) sprechen über »Fremde im Film«. Außerdem werden die Regis­seure Dani Levy, Gordian Maugg, Marie Noelle und Florian David Fitz erwartet. Sie alle stellen ihre neuesten Filme vor und disku­tieren mit den Zuschauern.

Aus dem Gastland Serbien zeigt das Festival neben den Filmen von Goran Paskal­jević auch Klassiker wie Schwarze Katze, weißer Kater von Emir Kusturica. Südtirol ist beispiels­weise mit dem dort von Roman Polanski gedrehten Tanz der Vampire vertreten. Auch der Regisseur Andreas Prochaska wählte für Das finstere Tal nach dem Roman von artechock-Autor Thomas Willmann Südtirol als Kulisse. Aus dem Gastland Taiwan kommen neben Kurz­filmen auch der kürzlich ange­lau­fene The Assassin. Das Part­ner­land Indien zeigt beispiels­weise Karune Grand Show, den wir hier bespro­chen haben.

Die Reihe Perspek­tive Junges Kino präsen­tiert sich inter­na­tional. Das sei nicht unbedingt beab­sich­tigt gewesen, räumt Matthias Helwig ein, denn anders als die promi­nenten Ehren­gäste zieht es junge, deutsche Nach­wuchs­re­gis­seure noch nicht für eine Premiere nach Starnberg. »Die Leute wollen nach Berlin, München, Hof oder Saar­brü­cken«, weiß Helwig. Doch das müsse kein Nachteil sein, wie die inter­na­tional bestückte Reihe beweist.

Neben Feel-Good-Streifen finden sich auch aktuelle, poli­ti­sche Themen im Programm, etwa der dies­jäh­rige Berlinale-Gewinner Fuoco­ammare von Gian­franco Rosi. Japan bildet einen weiteren Schwer­punkt. Als die Sonne vom Himmel fiel, der von dem atomar verwüs­teten Hiroshima und dem darauf folgenden gesell­schaft­li­chen Schweigen erzählt, das tiefe Spuren in vielen Familien hinter­lassen hat. Einem ganz anderen Thema widmet sich der Doku­men­tar­film Ama-San, der Einblicke in eine Gemein­schaft japa­ni­scher Fische­rinnen zwischen 50 und 85 Jahren erlaubt, die eine alte Tradition fort­führen und ohne Sauer­stoff­fla­sche nach Muscheln, Algen und Krus­ten­tieren tauchen. Der Film war einer der schönsten Entde­ckungen, die man dieses Jahr in Nyon auf dem Festival »Visions du Réel« machen konnte.

Natürlich wünscht sich Matthias Helwig für alle Filme viele Zuschauer, doch Cinema Mon Amour liegt ihm besonders am Herzen, denn es geht um die rührende Geschichte eines verzwei­felten Kampfes um das Überleben eines Kinos. Victor Purice, ein Kino­be­sitzer in der rumä­ni­schen Provinz, will seinen Kino­pa­last aus sozia­lis­ti­schen Zeiten nicht aufgeben, auch wenn immer weniger Besucher kommen. Auf der Suche nach neuen Ideen schaute er auch schon im Kino Breitband von Festi­val­leiter Matthias Helwig vorbei, der einen kleinen Gast­auf­tritt im Film hat.

Ein breit gefächertes Programm lädt die Zuschauer ins beschau­liche Voral­pen­land ein. Von Provinz versus Großstadt will Festi­val­leiter Helwig nichts wissen. »Es geht nicht um Glamour«, betont er, das könnten andere besser. Ihm geht es um Filme, seine Gäste und natürlich die Besucher. Schönes Wetter wäre famos, doch der Festi­val­leiter erinnert sich auch an verreg­nete Tage und versi­chert, dass Gewitter und Regen der beim Publikum beliebten Fahrt mit dem Kino-Dampfer über den Starn­berger See nichts anhaben könnten.

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10. Inter­na­tio­nales Fünf Seen Film Festival, 27.7.-7.8.2016
Diverse Spielorte, darunter Kino Breitwand Starnberg, Schloss Seefeld und Herr­sching (Festi­vals­huttle vorhanden)

Das komplette Programm finden Sie unter www.fsff.de

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