21.07.2016

1001 Sommernacht

Filmkunstwochen
Eröffnet wurde mit El Olivo von Icíar Bollaín

Die Film­kunst­wo­chen München sind ein Festival der Kino­ma­cher, die noch an das Kino glauben

Von Dunja Bialas

Eigent­lich sind es schon mehr als 1001 Sommer­nacht. Es war eine andere Zeit damals, in den fünfziger Jahren, als die Film­kunst­wo­chen in München von Fritz Falter ins Leben gerufen wurden. Fritz Falter war Betreiber des mitt­ler­weile geschlos­senen Kinos »Studio für Filmkunst« in der Schwa­binger Occam­straße, dem das Sommer­fes­tival der Kino­be­treiber seinen Namen verdankt. Über­nommen hatte er es als »Occam-Film­theater« und begann gegen der Wider­stand der Verleiher, sich »Programm­tage« zu nehmen, an denen er vom üblichen Verleih­pro­gramm ausscherte und die er mit Perlen der Film­ge­schichte füllte.

Seitdem hat sich die Kino­si­tua­tion grund­le­gend geändert, weniger jedoch die Erwar­tungen der Verleiher an die Kino­be­treiber, die Filme entspre­chend ihren Vorgaben auszu­werten. Selbst ein Programm jenseits der bloßen Auswahl aus dem Film-Portfolio der Verleiher zu gestalten, ist für Arthouse-Kinos eine wahre Heraus­for­de­rung und ein will­kom­menes Ausscheren aus dem Alltag, mit Gästen, Lieb­lings­filmen und einem Preview-Blick in die Zukunft. »Münchner Kinos machen Programm«, mit dem seit drei Jahren die Film­kunst­wo­chen unter­ti­telt werden, soll die Beson­der­heit des vermeint­lich Selbst­ver­s­tänd­li­chen hervor­heben.

»Magic Moments« lautet das Motto, das sich die sieben Kino­be­treiber der 64. Film­kunst­wo­chen selbst gewählt haben. Ihr Programm besteht aus den Filmen der vergan­genen Saison, die sie besonders beein­druckt haben und eine gewisse Magie entfalten konnten. »Filme wieder­sehen« war so auch der tradi­tio­nelle Claim des Sommer­fes­ti­vals, für viele die Gele­gen­heit, Filme, die man verpasst hat, nach­zu­holen. Wer will, kann aber auch tiefer in die Materie einsteigen: Das dies­jäh­rige Programm mit über hundert Filmen in drei Wochen bündelt und stellt mannig­fach Bezüge her.

Zum Beispiel: Maren Ade und der Starter Filmpreis

Als Side-kicks zum aktuell im Kino laufenden Toni Erdmann sind nochmals Ades beiden ersten Filme zu sehen (Der Wald vor lauter Bäumen, Alle Anderen). Außerdem wird sie als Produ­zentin von inter­na­tio­nalen Filmen vorge­stellt: mit der fantas­ti­schen Trilogie 1001 Nacht des portu­gie­si­schen Regis­seurs Miguel Gomes (Tabu), der einen großen Erfolg in Cannes letztes Jahr feierte (und nach Meinung eines Kino­be­trei­bers die Eintritts­karte zum wichtigen A-Festival herstellte) (Fr.-So., 17:00 Uhr, ABC Kino).

Maren Ade gewann mit ihrem ersten Film außerdem den Starter-Filmpreis der Stadt München, und von hier aus spinnen sich weitere Fäden: zwei der aktuellen Starter-Preis­trä­ger­filme sind bei den Film­kunst­wo­chen zu sehen. Café Waldluft von Matthias Koßmehl, ein Doku­men­tar­film über ein Café vor der impo­santen Kulisse des Watzmann, in dem Asyl­be­werber will­kommen geheißen werden (Fr., 22.7., 18:00 Uhr, Rio). Der zweite Film stammt von Jakob Gross, der unter schwie­rigen Umständen seinen entfes­selten Doku­men­tar­film Abdo reali­sierte. Er erzählt vom in Kairo lebenden Abdo, der zu Zeiten der Revo­lu­tion die Mädchen, die Musik und den Fußball zele­briert, und in seinem frei­heits­lie­benden Lebens­stil eine Ahnung von dem Sturm und Drang erstellt, mit dem die Jugend gestal­te­risch die Welt erobern könnte, wenn man sie nur lässt. Dies kann durchaus auf die jungen Filme­ma­cher über­tragen werden: Jakob Gross musste seinen Film ohne Sender­be­tei­li­gung machen und hat mit seiner Inde­pen­dent-Produk­tion zu einer freien Sprache gefunden, die man sich unter dem Einfluss von Fernseh-Redak­teuren nur schwer vorstellen könnte (Do. 28.7., 17:30 Uhr, ABC).

Kino­ma­chen against all odds

Im Kontakt mit den Kino­be­trei­bern sickert immer wieder durch, dass das Kino­ma­chen immer schwerer wird und stark abhängig ist von Gassen­hauern, die schlechter gehende Filme wieder ausglei­chen. Wie Fritz Falter in den 50er Jahren sind sie aber allen Widrig­keiten zum Trotz auch heute noch Kino­pio­niere. Thomas Wilhelm, der mit seinem Kino Neues Rottmann teilnimmt und wieder zwei starke Vorstel­lungen zu Film & Psych­ia­trie zeigt (Nicht alles schlucken, Mo., 25.7., 18:30 Uhr, und Ein Mann namens Ove, Di. 18:30 Uhr), baut gerade das Neue Rex in Laim um und eröffnet im August neu. Christian Pfeil, Betreiber von Arena und Monopol und außerdem des »Kino im Schil­lerhof« in Jena, glaubt auch im Jahr 2016 unver­drossen an das gemein­same Filme­gu­cken. Im Frühjahr hat er sich in Berlin ein Kino angesehen, in das er zusammen mit zwei anderen als Betreiber einsteigen wird. Er hält engen Kontakt zum Münchner Regisseur (und BTW Starter-Film­preis­träger) Ralf Westhoff, der während der Film­kunst­wo­chen im Monopol ein Programm von »besten guten Filmen« präsen­tiert (tgl. 19:45 Uhr, sonntags: Previews).

Und noch eine positive Meldung gibt es zum Schluss: Zeit­gleich zur Eröffnung der Film­kunst­wo­chen fand die Gründung des Förder­ver­eins »Neues Maxim« statt. Ab dem 6. Oktober kann das totge­sagte Maxim wie Phoenix aus der Asche über­ra­schend wieder seinen Spiel­be­trieb als neuen kultu­rellen Treff­punkt aufnehmen. Man wird sich auch Festivals öffnen, und wer weiß, viel­leicht ist das Neue Maxim ja bereits nächstes Jahr schon bei den Film­kunst­wo­chen dabei.

Es ist ein Märchen wie aus 1001 Nacht: Das Kino geht immer weiter.

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Die Autorin leitet seit 2014 orga­ni­sa­to­risch und als Programm­be­ra­terin die Film­kunst­wo­chen München.

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64. Film­kunst­wo­chen München, 20.7.-10.8.2016
Betei­ligte Kinos: ABC Kino, Monopol, Neues Rottmann, Rio Film­pa­last, Studio Isabella, Theatiner Filmkunst, Filmeck Gräfel­fing.

Das komplette Programm finden Sie unter www.film­kunst­wo­chen-muenchen.de

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