07.07.2016

Post-epigonal

Ik ben Alice
Eröffnet: Reza Dormishians Lantouri ist ein radikales, bis an die Grenzen gehendes Stimmungsbild von Aufruhr und Rückzug einer misshandelten Frau

Das 3. Iranische Film­fes­tival München zeigt das Kino der post-revo­lu­ti­onären Gene­ra­tion

Von Dunja Bialas

Zwei Tage vor Beginn des 3. Irani­schen Film­fes­ti­vals München ist der Meister des irani­schen Films gestorben: Abbas Kiaro­stami. Er, über dessen Bilder wir das iranische Kino lieben lernten, wurde noch 1999 in einer Publi­ka­tion zur Geschichte des irani­schen Kinos als »einziger irani­scher Regisseur mit inter­na­tio­naler Aner­ken­nung« hervor­ge­hoben. Inzwi­schen ist viel Zeit vergangen, und das iranische Kino ist von der kine­ma­to­gra­phi­schen Landkarte nicht mehr wegzu­denken.

In der »Histoire du cinéma iranien« erscheint aber auch schon der Name von Jafar Panahi, zwanzig Jahre jünger als Kiaro­stami, und ihn hatte Tobias Kniebe hoffent­lich nicht im Sinn, als er in seinem Nachruf in der »Süddeut­schen Zeitung« von »den Heer­scharen seiner Epigonen« schrieb.

Panahi war bei Quer durch den Oliven­hain Kiaro­st­amis Regie­as­sis­tent und gewann bereits mit seinem zweiten Film Ayneh – The Mirror 1997 den Goldenen Leoparden in Locarno. Kurzum: Kiaro­stami hat im Iran eine neue Tradition des Kino­ma­chens ange­stoßen, viele orien­tieren sich noch heute an seiner Kunst. Bei ihm und seinen Filmen gingen sie in die Schule des Sehens, Filme­ma­chens und –produ­zie­rens. Kiaro­stami hat so wie kein anderer das iranische Kino lebendig gemacht, das seit der isla­mi­schen Revo­lu­tion 1979, gelinde gesagt, schwie­rige Zeiten hatte, nicht zuletzt gingen viele Regis­seure nach Frank­reich, um dort Co-Produk­ti­ons­firmen für ihre irani­schen Filme zu finden.

Das iranische Kino galt lange Zeit als das span­nendste Weltkino überhaupt, abgelöst wurde es seitdem wohl nur durch das rumä­ni­sche Kino, das sich ebenfalls neu erfinden konnte (mit den Filmen von und nach Cristi Puiu, siehe Interview). Seit dem (krank­heits­be­dingten) Rückzug von Kiaro­stami wurde der mit 20-jährigem Berufs­verbot belegte Jafar Panahi zum neuen Botschafter des irani­schen Kinos. Seine Filme auszu­zeichnen gilt jedoch schon allein aus diesem Grund und ganz anders als bei Kiao­ristami vor allem als poli­ti­sches Statement, unge­achtet der großen imaginären Kraft, die seine redu­zierten Filme entfalten.

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Ganz andere Wege als die Erneuerer des irani­schen Kinos geht eine neue Gene­ra­tion junger Filme­ma­cher, die in der post-revo­lu­ti­onären Zeit groß wurde und die Gesell­schaft mit größerem Argwohn betrachtet, unter deren Blick nur noch schwer Platz für eine poli­ti­sche Poetik sein kann. Eine Auswahl der neuen Lust an Erzäh­lungen, die auch direkt sein können, ist jetzt bei der dritten Ausgabe des irani­schen Film­fes­tival in München zu sehen. Der Diaspora in München »ein filmi­sches Gesicht und eine Stimme« geben möchte Silvia Bauer, Iran-Expertin, Film­lieb­ha­berin und Leiterin des Festivals. Sie will ein dezidiert inter­kul­tu­relles Festival, und zur Eröffnung am gestrigen Mittwoch kamen neben irani­schen Mitbür­gern auch viele Cineasten-Freunde unter­schied­li­cher Couleur.

Eröffnet wurde mit Lantouri von Reza Dormishian, der mit seinem Vorgän­ger­film I'm Not Angry im Berlinale-Panorama erstmals einem inter­na­tio­nalen Publikum vorge­stellt wurde. Dormishian gilt als einer der promi­nen­testen und heraus­ra­gendsten Vertreter der in den 1980er Jahren geborenen Filme­ma­cher, und Lantouri zeigt ein stark poli­ti­siertes und auch dialek­tisch-didak­ti­sches Kino, das vom schwie­rigen Geschlech­ter­ver­hältnis vor dem Hinter­grund einer isla­mi­schen Gesell­schafts­ord­nung erzählt. Dormishian scheut dabei weder Genre-Elemente (nicht denkbar für die Gene­ra­tion von Kiaro­stami) noch das Auser­zählen und bemüht statt Poetik eine nicht zu verleug­nende Drastik für sein Lehrstück über eine Frau, die am Ende verzeihen kann. Ein Beispiel für ein Kino, das die heutige Gene­ra­tion anspricht und wach­rüt­telt, das jedoch ein inter­na­tio­nales Publikum, das Kiaro­stami anzu­spre­chen wusste, weniger zu Vers­tändnis als zu einem – vom Regisseur aller­dings bewusst herbei­ge­führten und im Film thema­ti­sierten – Cultural Clash führt. (Wdh. am 9.7. um 20:00 Uhr in Anwe­sen­heit der Haupt­dar­stel­lerin Maryam Palizban.)

Zwei weitere aktuelle Spiel­filme zeigen weitere Posi­tionen des aktuellen irani­schen Film­schaf­fens. Risk of Acid Rain des 1980 geborenen Behtash Sanaeeha spricht womöglich mehr die poetische Sehnsucht der Zuschauer an. Im Zentrum steht ein Pensionär am Kaspi­schen Meer, gespielt vom irani­schen Dichter Shans Lageroodi, der zu neuen Ufern aufbricht und neue Freund­schaft findet (Do. 7.7., 20:00 Uhr).
Valderama des 1983 geborenen Abbas Amini ist im doku­men­ta­ri­schen Hand­ka­mera-Stil gedreht und verspricht große Lebens­nähe zum aktuellen Teheran. Der junge Fußballfan Valderama (benannt nach seinem kolum­bia­ni­schen Idol) gelangt dort im Labyrinth der Metro-Gänge in das Milieu der Straßen­kinder (So. 10.7., 16:30 Uhr).

Ganz anders ist das Leben fernab des Irans. Der Doku­men­tar­film I for Iran der Regis­seurin Sanaz Azari ruft durch seinen Titel die große politisch-pole­mi­sche Film­tra­di­tion eines Parviz Kimiavi auf: hier den zum Film­klas­siker avan­cierten P wie Pelikan. Didak­ti­sches Kino hat im Iran insgesamt einen wichtigen Stel­len­wert – als aufklä­re­ri­sche und auch pädago­gi­sche Instanz, die über und mit den Kindern Erkennt­nis­wege zu erzählen vermag. Mit dem »Institut zur geistigen Förderung von Kindern und Jugend­li­chen«, das 1969 gegründet wurde und noch heute besteht, erkannte man den Bedarf an einer intel­lek­tu­ellen Weiter­ent­wick­lung der nach­kom­menden Gene­ra­tionen. Abbas Kiaro­stami selbst begann sein Film­schaffen mit kleinen didak­ti­schen Filmen für das Institut. I for Iran beschreibt folge­richtig den Bildungsweg der in Brüssel aufge­wach­senen Regis­seurin Sanaz Azari, die erst als Erwach­sene Persisch lernte. »Ein poeti­sches Dokument über die Kraft der Sprache und das verbor­gene Wissen von Schul­büchern«, heißt es in der Ankün­di­gung des Festivals (Do. 7.7., 18:00 Uhr).

Auch ein Werk eines der beiden Söhne von Abbas Kiaro­stami findet sich im Programm. Der 1978 geborene Bahman Kiaro­stami hat vor allem als Cutter gear­beitet, unter anderem für Abbas Kiaro­st­amis späten Film Die Liebes­fäl­scher (2010). Das iranische Film­fes­tival zeigt nun in Deutsch­land­pre­miere seinen ersten langen Doku­men­tar­film, den er in Eigen­regie reali­siert hat. Monir ist das Portrait der 92-jährigen Künst­lerin Monir Farman­far­maian, die mit Andy Warhol, Jackson Pollock und dem nieder­län­di­schen Abstrak­tio­nisten Willem de Kooning arbeitete. Zurück im Iran begann sie, die wertvolle Volks­kunst zu sammeln, der Parviz Kimiavi in den 1970er Jahren ein filmi­sches Denkmal setzte. Nach der isla­mi­schen Revo­lu­tion kehrte sie ihrem Land wieder den Rücken, ging abermals in die USA, kehrte wieder zurück (Sa. 9.7., 18:00 Uhr).

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Ein Hin und Her, das vielen Künst­ler­per­sön­lich­keiten des Irans gemeinsam ist, und das das verzwei­felte Arbeiten vieler Filme­ma­cher in den vergan­genen Jahr­zehnten zwischen Zensur und künst­le­ri­scher Sehnsucht, oft auch zwischen den Ländern, abbildet.
Die neue Gene­ra­tion sucht sich selbst­be­wusst direktere Wege und verab­schiedet sich damit auch von ihren Vätern. »Epigonal« möchte man lieber nicht sein.

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3. Irani­sches Film­fes­tival München, 6.-11. Juli 2016. Alle Vorstel­lungen im Vortrags­saal der Biblio­thek im Gasteig, Rosen­heimer Str. 5. Tickets (7 Euro) unter 089 / 54 81 81 81. Eine Veran­stal­tung in Zusam­men­ar­beit mit der Stadt­bi­blio­thek München und der Filmstadt München e.V.

Mehr Infor­ma­tionen und das komplette Programm finden Sie hier.

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