09.06.2016

Der Tod des Pelikan

OK Mister
OK Mister, sagt Parviz Kimiavi, angesichts des Ölschocks und der Investoren-Invasion in den Iran

Der große iranische Regisseur Parviz Kimiavi ist mit einer Werkschau zu Gast im Film­mu­seum

Von Dunja Bialas

Er wollte unbedingt einen Film über den alten Mann in den Ruinen von Tabas machen. »Nein, ich bin nicht verrückt«, ruft der Alte den feixenden Kindern zu. Er singt, brabbelt Unver­s­tänd­li­ches. »Wurde ich nicht so alt, weil ich so lange auf sie gewartet habe, vierzig Jahre in Ruinen?« Dazwi­schen werden Pferde geschnitten, die Beine eilen über den Asphalt, die Bilder laufen stumm.

Parviz Kimiavis Kurz­do­ku­men­tar­film P wie Pelikan (1971) war eine Erschüt­te­rung im irani­schen Film­schaffen und ist ein kleines Meis­ter­werk. Seine expe­ri­men­telle Montage mit deut­li­chen Anleihen an die Film­ge­schichte, dazu die Hinwen­dung an die verbor­genen Seiten des Landes, an das einfache Volkes, seine Armut und Poetik, statteten sein Kino von Anbeginn mit einer poli­ti­schen Kraft aus, die immer wieder an Filme wie Luis Buñuels Las Hurdes zu erinnern vermag. Kimiavis Bilder kommen heute aus einer versun­kenen Zeit und einer nicht mehr exis­tenten Welt. Ein Erdbeben erschüt­terte wenige Jahre später Tabas und begrub den alten Mann von den Ruinen und die Kinder, die er gefilmt hatte, zusammen mit 25000 Toten. Wenn das Kino den Tod ansichtig werden lässt, dann ist P wie Pelikan das erschüt­ternde Zeugnis.

Mit Mogholha (1973), seinem Lang­film­debüt, setzte er seine laby­rin­thi­sche und sich wie ein verschach­teltes Muster bewegende Mise-en-scène fort, wie er sie bereits in seinen ersten Kurz­filmen entwi­ckelt hatte. Er wagt kühne Sujet­ver­mi­schung in der Montage, und feiert die Mises en abyme, zentriert um das Medium selbst, das ihn am meisten inter­es­siert: das Kino – und das aufkom­mende Fernsehen. In Mogholha wird ein Fern­seh­re­gis­seur in den Süden Irans geschickt, um eine Über­tra­gungs­an­tenne zu instal­lieren und erhofft sich von der Reise die Möglich­keit, einen Film über die Geschichte des Kinos zu drehen. Seine Frau arbeitet zur selben Zeit an einer Doktor­ar­beit über die Mongolen – dies sind die Sprung­bretter, die der Film nimmt, um in ein mediales, non-diskur­sives Jenseits der Begriffe zu gelangen: Kimiavi zielt direkt in das Imaginäre des Kinos.

Noch eine Figur wie aus P wie Pelikan: Ein alter Mann in der Wüste, der einen rätsel­haften Garten pflegt, in dem scheinbar Steine an den blatt­losen Bäumen wachsen. Ist es ein Zufall, dass er sie mit einem Draht verbindet, den er einem Tele­gra­fen­mast entwendet? Im Voice over heißt es, nachdem er die Steine an den Bäumen befestigt hat, in märchen­hafter Tonlage: »Außer sich vor Freude begann er zu tanzen, es war ein Tanz, den er erfunden hatte.«

»Onirisch« wird das Kino des 1939 in Machad geborenen Parviz Kimiavi genannt, traumhaft, auch traum­wan­delnd, der Begriff­lich­keit entglei­tend, oft erscheinen die Figuren seiner Filme wie aus tausend­und­einer Nacht. Seine Filme sind aber auch fiktio­na­li­sierte ethno­gra­phi­sche Beschrei­bungen, die direkt aus der Mitte des beschrie­benen Felds kommen, sind hell­sich­tige anti-kolo­nia­lis­ti­sche Würfe, die in ihrer Leich­tig­keit und ihrem Witz immer wieder auch an das Kino des phil­ip­pi­ni­schen Kino-Erneu­e­rers Kidlat Tahimik erinnern. Und dann plötzlich auch an die Sketche von Monty Python.

OK Mister, sein aber­wit­ziger Spielfilm über einen Archäol­goen, einen Jour­na­listen und eine Frau »voll Anmut und Liebreiz« (Film­mu­seum München), beginnt mit den Worten: »Es war einmal.« Und zeigt eine von Manu­fak­turen geprägte Welt, bevor wie in einer Science Fiction »eine seltsame Person« einem Loch entsteigt: Ein Investor, der gekommen ist, »to make money, to exploit«. Es ist die sati­ri­sche Über­spit­zung dessen, was als Ölschock 1975 über das Land kam, mit ihm Reichtum, Plas­tik­pro­dukte, das Fernsehen und das Verschwinden der alten Kultur. Oft schon kündigen sich auch die Verän­de­rungen an, die die isla­mi­sche Revo­lu­tion mit sich brachte, die, indem sie ein neues Zeitalter ausrief, eine neue Kultur instal­lierte und das alte Leben unter sich begrub wie die herab­stür­zenden Häuser­bro­cken in P wie Pelikan.

»C'est quoi, le cinéma? – Was ist das Kino?«, lässt Kimiavi, der an der Pariser Idhec Film studiert hat, in Deux ou trois choses que je sais d'Iran fragen, ein Film, den er als fünf-Kanal-Instal­la­tion aus seinen eigenen Filmen kompi­liert hat. Seine Verbeu­gung vor dem großen Kino-Theo­re­tiker André Bazin und dem Kino-Denker Jean-Luc Godard ist aufrichtig. Das Kino als »forme qui pense«, als denkende Form, wie es Godard forderte, fällt selten so leicht­händig aus wie bei Parviz Kimiavi.

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Werkschau Parviz Kimiavi, Film­mu­seum München, 9.-12. Juni 2016. Parviz Kimiavi ist an allen Vorstel­lungen zu Gast.
Karten­vor­be­stel­lung unter: Tel: 089 / 23 39 64 50

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