28.04.2016

Der Realist als Utopist

Wang Bing: West of the Tracks
Eine Werkschau für Wang Bing, allein das ist schon monumental. Hier: West of the Tracks

Die 13. Hamburger Doku­men­tar­film­woche geht anspruchs­volle Wege

Von Nora Moschü­ring

Der Golden Pudel Club ist abge­brannt, jetzt wurde ein Mini­pu­del­salon eröffnet. Hamburg ist und bleibt golden und das hat wirklich nichts mit dem Wetter zu tun. Während in München die Dokfestler in den Start­löchern stehen, fand in Hamburg etwa einen Monat davor die Hamburger Doku­men­tar­film­woche statt. Die Woche ähnelt dem Dokfest aber wenig. Vergleichbar ist sie eher mit der zwar auch kleinen, aber ziemlich guten und eben auch stark lokal veror­teten Nonfik­tio­nale in Bad Aibling. Die Hete­ro­ge­nität der Film­aus­wahl ähnelt der der Duis­burger Filmwoche – auch ein Festival, für das es sich lohnt, in den Norden zu fahren. Beide sind fokus­siert und viel­seitig, expe­ri­men­tell und klassisch. Wie auch die Duis­burger changiert die Hamburger Filmwoche irgendwo zwischen char­mantem Publi­kums­fes­tival und einer Diskurs­platt­form, der sicher nicht immer alle folgen können.

Doku­men­tar­film ist Kunst. Sicher, und so ist es nur folge­richtig, dass es bei dieser Filmwoche einige Neue­rungen gab. Es gab keinen Wett­be­werb mehr. Zu beengt, zu gepresst. Abge­schüt­telt. Zwar scheint das Publikum gemeinhin kompe­ti­tive Dinge zu lieben, siehe Sport, viel­leicht ist es aber auch nur reine Gewohn­heit, eine gewisse Drama­turgie, an die es sich gewöhnt hat. Bestes Beispiel für die Sinn­lo­sig­keit, unter extrem unter­schied­li­chen Werken den Besten zu wählen, war beispiels­weise der dies­jäh­rige Berlinale-Wett­be­werb. Irgendwie unbe­frie­di­gend war das eigent­lich schon immer. In Hamburg bekam nun jeder Film die gleiche Aufmerk­sam­keit. In diesem »offenen« Programm von etwa 20 Filmen waren einzig die Filme mit Hamburg-Bezug gelabelt: DOKLAND Hamburg. Inter­na­tional war es in der Retro­spek­tive, sie war dem chine­si­schen Monu­mental-Doku­men­tar­filmer Wang Bing gewidmet. Ein Mann des langen Atems, sein 14-Stunden-Opus Crude Oil (in München bereits vor einigen Jahren auf dem Underdox-Festival zu sehen, ein »Film for exhi­bi­tion«) war als Instal­la­tion im Festi­val­zen­trum im Gänge­viertel zu sehen. Sper­rig­keit aushalten, ja sogar suchen. Und die Diskurs­platt­form? Das waren die POSTIONEN, in der mit »Experten« über inhalt­liche und ästhe­ti­sche, aktuelle und vergan­gene Tendenzen disku­tiert wurde. Austausch starten. Konzen­trieren und Dinge umstellen.

Von Puristen und Expe­ri­men­ta­listen

Eröffnet wurde die Woche mit Stefan Heyns Dahli­en­feuer. Darin werden eifrig foto­gra­fie­rende Blumen­en­thu­si­asten in Neukölln zu ihrem Verhältnis zu Berlin, dem Zweiten Weltkrieg, dem Krieg in Afgha­nistan, Arbeits­lo­sig­keit oder den Vorteilen der DDR befragt, bzw. sie erzählen. Wie sie dort in aller Seelen­ruhe zwischen feurigen Blüten, beim Sonn­tags­aus­flug in die Dahlien-Idylle, zu extrem ernsten Themen erzählen, das hat schon etwas Makaberes, aber dabei auch viel Wahres. Gedreht wurde an einem einzigen Tag, dem Tag der Deutschen Einheit.

Um den Kreis zu schließen: Den Abschluss machte Pawel und Wawel (lief ebenfalls auf dem Underdox-Festival) von Krzysztof Kaczmarek. Kaczmarek ist ein Filme­ma­cher, der eigent­lich einen Film machen wollte, dann aber ein Festival machte, um einen Film zu machen. Zu dem Festival kam keiner. Macht aber nichts, denn wenigs­tens seinen Film hat er gemacht und schließ­lich ist er ja Filme­ma­cher. Kaczmarek drehte ein Roadmovie, mit einem jaulenden Hund, einer Sängerin im Kreis­ver­kehr, singenden Nonnen und beat­bo­xenden Teenagern und natürlich Wikingern. Kuriose Exponate, rund um ein polni­sches Film­fes­tival in Island, das eigent­lich geschei­tert ist – das Festival, nicht der Film.

Arlette – Mut ist ein Muskel verfolgt die Geschichte des afri­ka­ni­schen Mädchens Arlette. Als sie fünf Jahre alt ist, wird ihr Knie während des Bürger­kriegs in der Zentral­afri­ka­ni­schen Republik von einer Kugel getroffen. 2010 ist sie in Heidi Specognas Film Carte Blanche zu sehen. Anstoß für eine Welle der Hilfs­be­reit­schaft. Mit den Spenden konnte Arlette nach Deutsch­land kommen, um dort operiert zu werden. Die Kamera begleitet sie auf dieser Reise. Die 15jährige kommt nach Berlin, ins Kran­ken­haus, die Reha. Man erlebt Arlette und den Schnee, wie sie mit Schnee vom Fens­ter­brett ihren Oran­gen­saft kühlt. Arlette und ihre Musik, die das dröge Schla­ger­ge­döns der älteren Reha-Patienten aufbricht. Arlette erkundet das Neue, die Welt der Helfer. Und dann? Dann schlägt die Realität zu. Der Bürger­krieg in ihrem Zuhause. Arlette erfährt über Skype von Verlet­zungen in der Familie. Was nun? Wie viel Verant­wor­tung hat man für seinen Prot­ago­nisten? Sie zieht bei dem Filme­ma­cher und seiner Mutter ein. Arlette kann man auch auf dem Dokfest in München sehen, genau wie Hinter dem Schnee­sturm. In dem Film reist der Filme­ma­cher Levin Peter der Geschichte seines Großva­ters in die Ukraine hinterher. Der Großvater sitzt ohne Zähne mürrisch schmat­zend in seinem Zimmer. Ab und zu holt er aus seinem Inneren seltsam verzerrte Laute hervor, denen der Enkel folgt, in die Geschichte, als der Großvater in der Ukraine statio­nierter Wehr­machts­soldat war.

Über die Jahre von Nikolaus Geyr­halter (Unser täglich Brot, Homo Sapiens: Dokfest 2016) drehte zwischen 2004 und 2014 immer wieder im niederös­ter­rei­chi­schen Wald­viertel. Die ersten Bilder wirken, als habe man sich in der Zeit verlaufen, anachro­nis­tisch sieht es aus in der Textil­fa­brik Anderl. An alten Maschinen arbeiten verlorene Menschen stoisch auf das Ende zu. Die Fabrik schließt, aber die Bewe­gungs­un­fähig­keit bleibt bei dem ein oder anderen. Andere machen weiter. Eine großar­tige Lang­zeit­be­ob­ach­tung.
Arbeiten aus und über die Stadt: DOKLAND HAMBURG

Das Meer und der Weg von Hamburg nach Buenos Aires stehen in Josefina Gills Was die Gezeiten mit sich bringen im Mittel­punkt. Ausgangs­punkt ist ihr jüdischer Großvater, der in den 30er Jahren nach Buenos Aires flieht. Was heißt Immi­grieren? Und: wie viele Gesichter hat das Meer? Auch der Film läuft auf dem Dokfest. Und dann: Klaus Wilden­hahn, Klassiker & Urgestein des Direct Cinema. Er kam, um seinen Film persön­lich zu präsen­tieren: Harburg bis Ostern von 1973. Ein akkurat frisierter Pfarrer und sein hippie­esker Vikar bestreiten gemeinsam die Zeit zwischen Weih­nachten 1971 und Ostern 1972. Taufen, Konfir­ma­ti­ons­feier, Hoch­zeiten, Beer­di­gungen und die Angst vor Arbeits­platz­ver­lust. Wie auch bei Wang Bing ist bei Wilden­hahn alles so, wie es ist, nichts ist gemacht oder insze­niert. Der Filme­ma­cher beob­achtet.

WANG BING sehen und folgen – Der extreme Alltag

Arbeit, Alltag, Umgebung, Dauer, Länge … Wang Bings Filme drehen sich um das Aushalten, mit den Menschen in ihrer Zeit zu leben. Wangs Thema ist Chinas ländliche Bevöl­ke­rung, die Menschen, die bei dem gerade statt­fin­denden Aufschwung hinten runter fallen. Die Kehrseite der Indus­tria­li­sie­rung. Wang kommt dabei den Menschen näher als Wilden­hahn, er verfolgt sie, er lebt mit ihnen, er wird einer von ihnen. Der Filme­ma­cher geht eine Symbiose mit seiner Umgebung ein. Three Sisters erzählt von drei allein gelas­senen Schwes­tern im Ein-Kind-Staat, ihrer Routine, ihrer Art des Über­le­bens. Der Vater arbeitet in der Stadt, die Mutter hat die Familie verlassen. In Man With No Name folgt er einem Namen­losen, der kein Wort spricht in seine ausgeräu­cherte Höhle, bei der Feld­ar­beit oder dabei, wie er irgend­welche Dinge aus Lehm baut. Raum und Zeit spielen auch bei Crude Oil eine große Rolle. 14 Stunden kann man den Arbeits­alltag von Männern auf einem Ölfeld in der Inneren Mongolei verfolgen. West of The Tracks ist eine Chronik des Zerfalls der chine­si­schen Schwer­in­dus­trie. Über vier Jahre lebte Wang in einem Indus­trie­kom­plex im Nordosten Chinas, zwischen den letzten, der noch an den glühenden Hochöfen arbei­tenden Menschen, deren Familien und den Müll­samm­lern, die an den Gleisen das zusam­men­klauben, was sie zum Überleben brauchen.

Der Realist als Utopist

Erin­ne­rung an Siegfried Kracauer. Autor und Film­his­to­riker Michael Girke findet Paral­lelen zu heute. In den dreißiger Jahren, den Ange­stellten in der Stadt, den Plai­sir­stuben und der Kultur, die als Zerstreuung für die, laut Kracauer, geistig Obdach­losen galt. Filme aber nur als Tagträume einer verlo­renen Gesell­schaft zu akzep­tieren, dagegen wehrte sich Kracauer. Film sollte die Existenz unter­su­chen und das Konkrete sehen. Durch den Film sollte sich die Gesell­schaft selbst befragen. Film wird so zu einem Seis­mo­graph der Welt. Was ist heute seine Aufgabe?

Vier­jah­res­zeiten. Der Mond ist aufge­gangen ist eine filmische Studie ihrer Harburger Umgebung der Künst­lerin Hanne Darboven. Tonmann und hand­fester Hand­werker Bernhard Berz war zu Gast. Schön. Leider fühlte sich keiner irgendwie befähigt, tatsäch­lich irgend­eine Aussage zu Darbovens Werk zu machen. »Das entzieht sich meiner Kenntnis« – immer wieder, ruhig und höflich. Ein bisschen schade. (Da wäre Thomas Mohr ein guter Gast gewesen, der mit seinen Kurz­filmen in das Werk von Hanne Darboven regel­recht einge­taucht ist.)

Etwas weniger abstrakt ging es da bei Der VW-Komplex von und mit Hartmut Bitomsky zu. Von der Vorstel­lung des ersten Volks­wa­gens in den 30er Jahren durch Adolf Hitler, die Umstel­lung der Fabrik auf die Produk­tion von Rüstungs­gü­tern im Zweiten Weltkrieg bis zum »Wir sind wieder wer« und dem Aufschwung der 50er-/60er Jahre, den Gast­ar­bei­tern und den Arbei­ter­sied­lungen (hier ist übrigens die Einkaufs­pas­sage eine Art Zentrum, ein spiri­tu­elles gibt es nicht mehr, Kracauers »geistig Obdach­lose« tauchen wieder auf). Es geht auch hinein, in das Innere des Betriebs, an die Fließbänder, zur Entin­di­vi­dua­li­sie­rung des Arbeiters und seiner Angst eben genau diesen unper­sön­li­chen Arbeits­platz zu verlieren. Damit gelangt man ins Heute, der Sprung ist nicht weit. »Geht es VW schlecht, geht es der Bundes­re­pu­blik schlecht!« sagte man damals. Aha. Die Frage eines Zuschauers nach Bitomskys eigener Utopie von Arbeit wird leider nicht abschließend beant­wortet, aber man merkt, dass er ein Realist ist, in dem auch ein Utopist steckt. Viel­leicht sollte das bei jedem Doku­men­tar­filmer so sein.

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