21.04.2016

Intelligent innehalten

Mustang
Das ist die Freiheit, die wir ersehnen: Mit Mustang hat die nach Frankreich emigrierte Deniz Gamze Ergüven ein lichtdurchflutetes Drama geschaffen, das mit jeder Pore nach außen drängt

Die Beiträge der 27. Türki­schen Filmtage sind ein wirksames Mittel gegen über­hitzte Debatten

Von Natascha Gerold

Ein klage­wü­tiger Staats­prä­si­dent, der sich im Besitz der Deutungs­ho­heit über Meinungs-, Kunst- und Pres­se­frei­heit aller­orten wähnt, Partner in einem menschen­recht­lich mehr als frag­wür­digen Flücht­lings­ab­kommen, Terror­an­schläge, unter­drückte Minder­heiten, … noch nie waren unsere Schlag­zeilen so besetzt vom Land am Bosporus wie in den vergan­genen Monaten. Ange­sichts einer solchen Dauer­prä­senz in tages­ak­tu­ellen Infor­ma­ti­ons­for­maten ist die Arbeit für Veran­stalter von inter­na­tio­nalen Film­reihen mit Sicher­heit heraus­for­dernder denn je: Wie wird man der Flut von Themen gerecht? Welche Linie soll erkennbar sein, wo es so viele brennende Schau­plätze im und um das Schwer­punkt­land gibt?

Ange­sichts dieser thema­ti­schen Gemenge­lage hat der Münchner Verein Sine­ma­türk, der alljähr­lich die örtlichen Türki­schen Filmtage zusammen mit der Münchner Stadt­bi­blio­thek, dem Verein Filmstadt München sowie dem Münchner Kultur­re­ferat veran­staltet, einen klugen, und den besten gangbaren Weg bei der Film­aus­wahl für die 27. Türki­schen Filmtage gefunden: Das Thema »Grenzen der Freiheit« – sowohl des Einzelnen als auch die der Gesell­schaft – ist die Klammer, die die Zusam­men­stel­lung der insgesamt 14 Werke türki­scher Filme­ma­che­rinnen und Filme­ma­cher begründet. Damit geben die Macher der Reihe ein klares Bekenntnis ab: Gerade jetzt kann es nicht sein, dass die Bedeutung der geopo­li­ti­schen Lage einer Nation höher gehalten wird als das, was innerhalb ihrer Grenzen geschieht. Deshalb wird es Zeit für einen Blick nicht auf, sondern in die Türkei.

»Die Politik ist immer da, im Hinter­grund. Es geht nicht darum, sie zu zeigen, sondern, wie sie das Leben der Menschen beein­flusst«, hat der israe­li­sche Regisseur Eran Riklis einst über seine Komödie Mein Herz tanzt über das Erwach­sen­werden als Paläs­ti­nenser in Israel gesagt. Eine Haltung, die sich auch im Eröff­nungs­film der Türki­schen Filmtage bemerkbar macht: Die Filme­ma­cherin Deniz Gamze Ergüven erzählt in ihrem oscar­no­mi­nierten Coming-of-Age-Drama Mustang (Do. 21.04., 19:00 Uhr) die Geschichte von fünf Schwes­tern, die nach dem Tod ihrer Eltern bei Onkel und Oma in der türki­schen Provinz am Schwarzen Meer leben. Nach einem Zwischen­fall bestimmen Zucht, Häus­lich­keit und arran­gierte Hoch­zeiten statt Entde­cker­freude das Leben. Doch der Drang der Mädchen nach Eman­zi­pa­tion in der über­se­xua­li­sierten Fami­li­en­hys­terie ist so unbe­zähmbar wie ihre langen Mähnen, die im Wind folgen. Während es Ergüven vorrangig um den Geschlech­ter­kon­flikt mit klar defi­nierten Posi­tionen geht und die Frage, welche Rolle Frauen jetzt und künftig in der türki­schen Gesell­schaft einnehmen werden, verlagert Senem Tüsün in ihrem Spielfilm Mother­land (Fr. 22.04. und So. 24.04., 18:00 Uhr) den Gene­ra­tio­nen­kon­flikt ins jeweils Innere ihrer weib­li­chen Figuren: Nesrin, frisch geschie­dene Großs­täd­terin, kehrt ihrem alten Leben Rücken und zieht sich ins Haus ihrer verstor­benen Groß­mutter aufs Land zurück, wo sie ihren Roman fertig­schreiben will. Daran hindert sie die Mutter, die unan­ge­meldet auftaucht. Beide müssen sich ihren düsteren Innen­welten stellen, was unter anderem durch die Absenz von künst­li­chem Licht und der Darstel­lung klaus­tro­pho­bisch-enger Räume verbild­licht wird. Mutter und Tochter sähen sich selbst jeweils in unter­schied­li­chen Frequenzen, so Tüsün, sie seien Träge­rinnen eines Werte­streits, der mit der oktroy­ierten Säku­la­ri­sie­rung in der Türkei begann und mit jeder Gene­ra­tion immer gravie­render wurde.
Für viele Beob­achter kenn­zeichnet ein mangelndes Interesse an einer Ausein­an­der­set­zung mit der eigenen Geschichte die Ära Erdoğan und seiner islam-konser­va­tiven AKP. Diese Selbst­kon­fron­ta­tion scheinen statt­dessen die Kultur­schaf­fenden, vor allem auch die Filme­ma­cher zu über­nehmen, wie man an den gezeigten Arbeiten merkt. Dabei ist der Mikro­kosmos Familie nicht nur Objekt­träger gesell­schaft­li­cher Debatten, hier werden die komplexen und indi­vi­du­ellen Folgen von Terror, Gewalt und Folter besonders deutlich. Das Drama Eksik (Mi., 27.04., 20:30 Uhr, in Anwe­sen­heit des Regis­seurs) von Barış Atay Mengüllü basiert auf einer wahren Bege­ben­heit und zeigt, wie eine links­op­po­si­tio­nelle Frau und ihr kleiner Sohn unmit­telbar nach dem Militär­putsch von 1980 ausein­an­der­ge­rissen werden. Als er, mitt­ler­weile erwachsen, die Mutter und den schwer behin­derten Bruder aufsucht, scheinen die Gräben unüber­brückbar, die Schmerz und Schuld­zu­wei­sungen geschaffen haben. Jener dritte Putsch des Militärs ist der Hinter­grund für zwei weitere Beiträge bei den dies­jäh­rigen Türki­schen Filmtagen: In Snow Pirates (So. 24.04., 20:30 Uhr / Do. 28.04., 18:00 Uhr, beide Male in Anwe­sen­heit des Regis­seurs), lassen sich drei Buben im Osten des Landes weder von der uner­bitt­li­chen Kälte des Winters 1981, noch von der bitteren Armut oder dem Massen­auf­gebot an Soldaten aller­orten ihre Aben­teu­er­lust und Über­le­bens­willen nehmen.

Ein beson­deres Ereignis dürfte die Vorfüh­rung des Doku­men­tar­films We Hit The Road von Deniz Yeşil (So. 24.04., 16:00 Uhr, in Anwe­sen­heit des Regis­seurs) werden: Das Porträt über den großen Protest­marsch Film­schaf­fender nach Ankara 1977, mit dem sie für Werk­ver­träge und gegen eine immer absurder werdende Zensur kämpften, sollte im vergan­genen Jahr beim Istanbul Film Festival im Wett­be­werb laufen. Doch als der Doku­men­tar­film Bakur (North) von Çayan Demirel und Ertugrul Mavioglu über geheime Trai­nings­camps der verbo­tenen PKK mit einer faden­scheinig wirkenden Ausrede vom Festival ausge­schlossen wurde, folgte ein Boykott, bei dem sich Doku­mentar- und Spiel­fil­me­ma­cher sowie die diversen Jury­mit­glieder geschlossen gegen Zensur auflehnten. Die Filmszene gemeinsam für Kunst- und Meinungs­frei­heit – auf fast schon groteske Weise wieder­holt sich Geschichte selbst.

Nur scheinbar noch weiter zurück in die Vergan­gen­heit geht der Spielfilm Memories of the Wind von Özcan Alper (Di. 26.04., 20:30 Uhr, in Anwe­sen­heit des Regis­seurs / Fr. 29.04., 20:30 Uhr). In ihm will der arme­ni­sche Dissi­denten Aram aus der Türkei fliehen, die mit Nazi­deutsch­land koope­riert. Noch kann er sein Ziel Georgien nicht erreichen, doch ein Ehepaar versteckt ihn bei sich. Während des Wartens über­wäl­tigen Aram die Erin­ne­rungen an das Schicksal seiner Familie im Ersten Weltkrieg immer mehr. Der zurück­hal­tende Ton des Films wird umso kraft­voller durch seine Bilder, die Vorrang vor dem Wort haben. Auch Memories of the Wind findet durch Tages­ak­tua­lität in seiner Brisanz Bestä­ti­gung, wenn man sich vor Augen führt, mit welcher Vehemenz sich die türkische Regierung weigert, den Genozid an den Armeniern von 1915 anzu­er­kennen – EU-Appelle hin, Mahner und ermordete Intel­lek­tu­elle wie der Arme­ni­sche Jour­na­list Hrant Dink her.
Immer wieder Istanbul – diesmal zeigen die Türki­schen Filmtage die Metropole zum einen als schick­sal­sträch­tigen Schau­platz wie in den herz­er­wär­menden Köpek – Geschichten aus Istanbul von Esen Işık (Sa. 23.04., 18:00 Uhr in Anwe­sen­heit von Regis­seurin und Haupt­dar­stel­lerin / Do. 28.04., 20:30 Uhr), wo drei Menschen unter­schied­li­chen Alters an unter­schied­li­chen Punkten ihres Lebens all ihren Mut zusam­men­nehmen und nicht weniger als alles für ihre Liebe riskieren oder in dem Kurzfilm Treue von İlker Çatak (Sa. 23.04., 16:00 Uhr) über eine Frau, deren Hilfs­be­reit­schaft für einen Gezi-Park-Akti­visten weit­rei­chende Folgen für sie und ihre Familie hat. Die deutsch-türkische Kopro­duk­tion gewann im vergan­genen Jahr den Studenten-Oskar. Zum anderen erscheint Istanbul als Ort real exis­tie­render sozialer Ungleich­heit, die der bissige Doku­men­tar­film Hey Nachbar von Bingöl Elmas (Mi. 27.04., 18:00 Uhr) belegt. Mit ihm schlägt die dies­jäh­rige Filmreihe eine traurige Brücke zu Ecümeno­polis von Imre Azem, der ebenfalls die städ­ti­schen Fehl­pla­nungen der Macht­haber entlarvte und vor zwei Jahren bei den Türki­schen Filmtagen gezeigt wurde.
Ein schöner Kontra­punkt zur Rolle der Frau in der Gesell­schaft wird mit drei Spiel­filmen gesetzt, die sich im weitesten Sinne mit »Manns-Bildern« beschäf­tigen. Der charak­ter­ge­trie­bene Thriller Ivy von Tolga Karaçelik (Sa. 23.04., 20:30 Uhr / Di. 26.04., 18:00 Uhr), der einen bei Setting und Figu­ren­be­set­zung an das expres­sio­nis­ti­sche Drama »Die Seeschlacht« von Reinhard Goering denken lässt, zeigt die Rumpf­be­set­zung eines Frachters vor der ägyp­ti­schen Küste mit Lager­koller, der durch eine Art magischen Realismus immer deut­li­cher zutage tritt. Das heitere Roadmovie Limonata von Ali Atay (Fr. 22.04 20:30 Uhr / Mo. 25.04., 18:00 Uhr) lebt ebenfalls von den Gegen­sätzen seiner Helden: Der naiv-gutmütige Sakip fährt von Maze­do­nien nach Istanbul, um seinen geris­senen Halb­bruder Selim, von dem er bis vor Kurzem nichts wusste, mit ans Ster­be­bett des Vaters zu holen. »Was ist ein Mann und ab wann man einer?« könnte die Leitfrage des Spiel­films Sivas von Kaan Mujdeci (Mo. 25.04., 20:30 Uhr / Fr. 29.04., 18:00 Uhr, in Anwe­sen­heit des Regis­seurs) lauten: Der elfjäh­rige Aslan fühlt sich von seiner Umwelt zurück­ge­setzt. Er entdeckt einen Hund, der bei einem illegalen Kampf achtlos zurück­ge­lassen wurde und kümmert sich um ihn. Diese Freund­schaft verändert das Leben des Jungen, erst recht, als die Männer­ge­sell­schaft im Dorf von dem selbst­be­wussten Duo Wind bekommt. Ein reifes Buddy-Movie, in dem eindring­liche Close-ups und viele Schwenks einer tauenden anato­li­schen Land­schaft die Nied­lich­keit typischer Tier-Kind-Abenteuer auf ihre Plätze verweist – keine einfache, aber doch hoff­nungs­volle Perspek­tive, von der auch die gesamte Auswahl der 27. Türki­schen Filmtage getragen ist.

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27. Türkische Filmtage München / Türk Film Günleri Münich von 21. bis 29. April 2016 im Gasteig, München. Eine Veran­stal­tung der Filmstadt München.
Alle Vorfüh­rungen im Vortrags­saal der Biblio­thek (Eröff­nungs­film im Carl-Orff-Saal).
Eintritt: 5 Euro (Doku­men­tar­filme), 7 Euro (Spiel­filme), 10 Euro (Eröff­nungs­film). Alle genannten Filme werden in der Origi­nal­fas­sung mit deutschen bzw. engli­schen Unter­ti­teln gezeigt. Im Anschluss an den Eröff­nungs­film gibt es einen Empfang in der Stadt­bi­blio­thek am Gasteig, eine After-Festival-Party findet am Freitag, 29. April ab 22 Uhr in der Uni Lounge am Geschwister-Scholl-Platz 1 statt.
Mehr Infor­ma­tionen über das Programm und even­tu­elle Ände­rungen gibt es unter www.sine­ma­tuerk-muenchen.de

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