24.03.2016

Deutsches Zelluloid, bewußtseinserweiternd

Verfluchte Liebe deutscher Film
Dominik Graf hat sich in seinem neuesten Werk der »verfluchten Liebe« im / zum deutschen Film gewidmet und dabei wahre Schätze des Genrekinos ausgegraben

Dass zum einhei­mi­schen Filmerbe nicht nur die High­lights des Expres­sio­nis­ti­schen Stumm­films oder des Neuen Deutschen Films gehören, und man mit teuto­ni­schem Genre-Kino nicht allein Karl May, Dr. Mabuse und Edgar Wallace verknüpfen sollte, das belegt seit vielen Jahren ein bewußt­s­eins­er­wei­terndes Festival in Köln

Von Ulrich Mannes

Was findet nicht alles Asyl auf dieser Veran­stal­tung: »Absei­tiges, Knalliges, Obskures, Schräges und Verges­senes aus den Rand­be­rei­chen der deutschen Film­ge­schichte, Werke, die von der Kritik verkannt oder vom Publikum übersehen wurden, avant­gar­dis­ti­sches Kunstkino genauso wie Sex-, Splatter- und St.-Pauli-Filme, under­groun­dige Punk- und Homemade-Werke, Genre- und Inde­pen­dent­kino, wie auch deutsche Block­buster aus einer Zeit, in der es dieses Wort noch nicht gab.« So bewirbt das »Besonders-Wertlos-Festival für den deutschen Psycho­tro­ni­schen Film«, das Anfang März im Kölner Filmhaus seine acht­zehnte Ausgabe feiern konnte, sein Programm.

Psycho­tro­ni­scher Film, das klingt in der Tat abseitig, knallig und schräg und obendrein auch noch ein bißchen einschüch­ternd. Diese Gattungs­be­zeich­nung hat einst der ameri­ka­ni­sche Autor Michael Weldon geprägt, der seit den 80er Jahren zu den verläss­lichsten Vermitt­lern vernach­läs­sigter Filme gehört. Die Sichtung des Sci-Fi-Films The Psycho­tronic Man von 1980, in dem es um Para­psy­cho­logie und Gedan­ken­kon­trolle geht, war für ihn so etwas wie ein jour­na­lis­ti­sches Erwe­ckungs­er­lebnis und sollte den Namen für sein publi­zis­ti­sches Werk liefern. So gab Weldon ab 1981 das inzwi­schen legendäre Magazin »Psycho­tronic Video« heraus und 1983 sein volu­minöses Lexikon der absei­tigen Film­kultur unter dem Titel »The Psycho­tronic Ency­clo­pedia of Film«.

Aller­dings erklärt Kai Krick, der Mitbe­gründer des Festivals, dass sie von Michael Weldon im Grunde nur die Bezeich­nung geborgt haben: »Das Wort hat halt einfach einen geilen Klang, und wir dachten uns, dass eine Kombi­na­tion aus der Ironi­sie­rung von 'Besonders Wertvoll' und der Bezeich­nung 'psycho­tro­nisch' für das richtige Publikum sorgen würde.« Hervor­ge­gangen ist das Festival 1999 aus studen­ti­schen Video­abenden an der Ruhr-Univer­sität in Bochum. Bis dahin waren die Teil­nehmer, wie alle ordent­li­chen Filmfans in den Neun­zi­gern, auf ameri­ka­ni­sche, italie­ni­sche und asia­ti­sche Filme geeicht – bis den Veran­stal­tern ein Video des Rolf Olsen-Films Wenn es Nacht wird auf der Reeper­bahn von 1967 in die Hände fiel. Das erste Werk eines St.-Pauli-Zyklus, das eine völlig unbe­kannte Seite des deutschen Genre­kinos reprä­sen­tierte und es »mit den Poli­ziot­te­schi, den Blax­ploi­tern und dem zeit­genös­si­schen Genrekram aus USA und Hongkong aufnehmen konnte.« Fortan suchte der harte Kern in »Video­sa­faris« alles zusammen, was sich an deutschen Produk­tionen finden ließ und wodurch sich langsam ein Bild von der »unge­schrieben Geschichte des deutschen Films« formte. Das »Institut für Psycho­tronik« wurde gegründet, eine Fanzine mit dem Titel »Absurd 3000« verlegt (und nach der zweiten Nummer leider wieder einge­stellt). Die erste Ausgabe des Festivals, veran­staltet noch in den Uni-Räumen, war eigent­lich nur erwei­terter Video­abend, der mit Rolf Olsens Blutiger Freitag und Ich – Ein Groupie (mit Ingrid Steeger) aller­dings echte Knaller zu bieten hatte und unglaub­li­cher­weise mehr als 1000 Besucher anzog. Schon fürs dritte Festival orga­ni­sierten die Veran­stalter 35mm-Kopien und zogen damit ins örtliche Kommunale Kino und verlangten Eintritt. Der Orts­wechsel vor vier Jahren nach Köln ins dortige Filmhaus gab dem psycho­tro­ni­schen Unter­nehmen einen weiteren Schub. Und mit Gästen konnte das Festival von Anfang an auch aufwarten: Peter Fleisch­mann, Roland Klick, Wenzel Storch, Wolf Gremm, Werner Enke, Dominik Graf, Rinaldo Talamonti u.v.a.m. waren dem bewußt­s­eins­er­wei­te­r­enden Festi­val­format immer aufge­schlossen.

Die acht­zehnte Ausgabe des Festivals bot in der Tat ein paar eindrück­lich schil­lernde Beispiele psycho­tro­ni­schen Film­schaf­fens, mit denen sich unter­schwel­lige wie ober­fläch­liche Bezüge herstellen lassen. In einem Quasi-Schwer­punkt verlegte sich das Programm in die 80er Jahre, also in jene Zeit, als es um den deutschen Film eher schlecht bestellt war. Die Veran­stalter fanden drei Filme, die zusammen einen fast schon reprä­sen­ta­tiven Quer­schnitt der damaligen Jugend­kul­turen bilden: Einmal Asphalt­nacht, ein »verges­sener Schlüs­sel­film der Berliner Punkszene« von Peter Fratz­scher aus dem Jahre 1980, dann Wolfgang Bülds Teenager-Romanze Gib Gas – Ich Will Spass, in der »Nena, Markus und Extra­breit auf der Neuen Deutschen Welle durch die Bundes­re­pu­blik der frühen 80er surfen«, und schließ­lich noch einen Film aus der »Gefah­ren­zone«, das vers­tö­rende öster­rei­chi­sche Comming-of-Age-Drama Die Erben von Walter Bannert, der die grimmige Geschichte eines Jugend­li­chen in den Fängen einer neona­zis­ti­schen Orga­ni­sa­tion erzählt.

Zu ihrem Recht kamen unter anderem noch ein Graf-Porno-Double-Feature, ein monströs-kruder Skan­dal­film, ein »beispiel­loser Sumpf aus Menschen­handel, Korrup­tion, Mutter-Tochter-Inzest, SM, schwarzen Messen und Terro­rismus« mit dem Titel Obszön. Ferner gab’s noch jeweils zwei Olsen- und Vohrer-Filme zu sehen, darunter Sieben Tage Frist, ein Inter­nats­film aus den Sech­zi­gern mit einem über­ra­schenden Turn in die Nazi­ver­gan­gen­heit, und schließ­lich als Höhepunkt Dominik Grafs und Johannes Sieverts neue Doku­men­ta­tion Verfluchte Liebe deutscher Film, in der der eine oder andere psycho­tro­ni­sche Filme­ma­cher zu Wort kommt und auf den wir an dieser Stelle bestimmt noch mal eingehen werden.

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