03.03.2016

Unrecht braucht Zeugen

Ik ben Alice
Öffnet die Augen: Optiker Adi, der in The Look of Silence die Mörder seines Bruders mit ihren Taten konfrontiert

Die Kraft des poli­ti­schen Doku­men­tar­films stellt zum 7. Mal die Reihe BEST.DOKS unter Beweis

Von Dunja Bialas

»Unrecht braucht Zeugen« heißt es seit 2008 im Arri-Kino bei der Reihe BEST.DOKS. Die Initia­tive entstand im Münchner Arri-Kino in Zusam­men­ar­beit mit Human Rights Watch und widmet sich enga­gierten Doku­men­tar­filmen, die rund um den Globus das Unrecht aufsam­meln.

Dabei darf nicht die Kraft des Doku­men­tar­films unter­schätzt werden. Gerade im aktuellen Programm zeigt das Beispiel von Joshua Oppen­heimer, wie Filme auch histo­ri­sche Gege­ben­heiten verändern können. Sein bahn­bre­chender Doku­men­tar­film The Act of Killing widmete sich 2012 den grau­en­vollen Machen­schaften des Suharto-Regimes in Indo­ne­sien, das binnen zwei Jahren – 1965 und 1966 – mehr als eine halbe Million vermeint­li­cher Kommu­nisten umbrachte und im großen Stil Genozid an den chine­sischs­täm­migen Bürgern Indo­ne­siens verübte. Oppen­heimer hat sich mit dem Film, den er zusammen mit der Harvard-Absol­ventin Christine Cynn und einem anonym blei­benden indo­ne­si­schen Co-Regisseur reali­sierte, auf gefähr­li­ches Glatteis begeben. Die Unrechts­morde wurden bislang nicht geahndet, die Täter wurden nicht verfolgt, und die Angehö­rigen der Opfer tragen bis heute einen stig­ma­ti­sie­renden Stempel in ihrem Ausweis: »Eks Tahanan«, ehema­liger poli­ti­scher Gefan­gener, kurz ET. Derart als »Alien« gebrand­markt sind sie auch heute noch der staat­li­chen Willkür ausge­lie­fert, sie sind poli­ti­sches Freiwild in ihrer Heimat. Falls man die denn so noch nennen möchte.

Aufgrund der prekären Situation auf Opfer­seite entstand The Act of Killing als scho­ckie­render Zeugen­be­richt der Täter. Scho­ckie­rend, weil die Täter keinerlei Unrechts­be­wusst­sein zeigten. Wie auch, gehen doch bis vor kurzem ihre Taten mit der offi­zi­ellen staat­li­chen Ausrich­tung konform. Im Abspann wurden die Akteure über­wie­gend anony­mi­siert aufge­führt. Joshua Oppen­heimer war mit seinem ersten Doku­men­tar­film­debüt für den Oscar nominiert, und wurde dies wieder mit seinem zweiten Film zum Thema, The Look of Silence, der jetzt bei BEST.DOKS gezeigt wird, und in dem er die Angehö­rigen der Opfer zu Wort kommen lässt. Und auch wenn The Look of Silence sich nicht so spek­ta­kulär und skandalös ausnimmt wie The Act of Killing, in welchem die Täter ihre Morde unre­flek­tiert und mit sicht­li­chem Stolz nach­stellen (die den Film beschließende Reue bleibt zwei­fel­haft und kann als medi­en­ge­ne­riertes Lippen­be­kenntis bewertet werden), ist der zweite Teil dennoch um einiges brisanter. Wenn die Opfer sich öffent­lich erinnern, gliedern sie sich nolens volens in das Schema des Feind­bilds ein, das sich in den Köpfen der Indo­ne­sier gehalten hat.

Erst langsam beginnt im Insel­staat so etwas wie eine Vergan­gen­heits­auf­ar­bei­tung, auch Dank der Filme von Joshua Oppen­heimer, der mit seinem ersten Film die »Seifen­blase des Schwei­gens« zerplatzen ließ, wie es »Indiewire« formu­lierte. Das US-Magazin unter­streicht den poli­ti­schen Einfluss dieses »akti­vis­ti­schen« Films: »The film's opening led to the first article about the genocide to be written in a major Indo­ne­sian publi­ca­tion, its 2014 Oscar nomi­na­tion forced the govern­ment to publicly acknow­ledge the genocide for the first time, and the film having been seen widely across the country created a ripple effect that direct influence on national elections.« Zusammen mit der indo­ne­si­schen Regierung und der National Human Right Commis­sion wurden Scree­nings in weiten Teilen des Landes orga­ni­siert, der Film online bereit­ge­stellt – und der Genozid zum natio­nalen Thema erhoben – erstmals.

Oppen­heimer geht dabei weit in die Zusam­men­hänge hinein: Gerade hat er, im Zuge der Verlei­hung mit dem Indie Spirit Award, den Ameri­ka­nern, die das Suharto-Regime mit Waffen belie­ferte, eine Mitver­ant­wor­tung am Genozid ausge­spro­chen: »Yet the silence in the title also refers to our silence. Because the Indo­ne­sian genocide is not just Indo­ne­sian history, but American history. The US provided weapons, money, and training to the death squads, and lists of thousands of names of public figures whom United States wanted killed. We in the us must do the same work as Indo­ne­sians. We must declas­sify the documents that reveal our role in these crimes, and take respon­si­bi­lity.«

Unrecht braucht Zeugen, und Zeugen brauchen den Mut, Zeugnis abzulegen. Filme­ma­cher wie Joshua Oppen­heimer bringen sie dazu, und er scheut nicht davor zurück, unbequeme Wahr­heiten auch für sein eigenes Land zu formu­lieren.

The Look of Silence ist am Mittwoch, 9.3. um 19:30 Uhr im Arri zu sehen. Anschließend Publi­kums­ge­spräch mit Felix Heiduk, Resera­cher Division Asio, SWP Stiftung Wissen­schaft und Politik

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In der Reihe Best.Doks – Unrecht braucht Zeugen laufen außerdem im Programm:

Among the Believers (Pakistan / USA 2015). Der preis­ge­krönte Doku­men­tar­film von Mohammed Naqvi und Hemal Trivedi nimmt den diskur­siven Zusam­men­prall von moderater mit funda­men­taler Reli­gio­sität in den Fokus. Im Mittel­punkt ihres zutiefst huma­nis­ti­schen Films doku­men­tieren sie die Machen­schaften der Madras-Schulen um Abdul Azizi Ghadi, einem fana­ti­schen Kleriker, in denen Kinder darauf getrimmt werden, ihr Leben dem Dschihad zu opfern. Sie geben Pervez Hoodbhoy, Bildungs­ak­ti­vist und aufge­klärten Reformer, die Stimme und begleiten die Schul­kinder Talha und Zarina auf ihrem Weg. Ein Einblick in die ideo­lo­gi­schen Schlachten der isla­mi­schen Welt.
AMONG THE BELIEVERS, Mittwoch, 16.3., 19:30 Uhr, Arri. Anschließend Publi­kums­ge­spräch mit Regis­seurin Hemal Trivedi

Winter On Fire Ukraine's Fight For Freedom (GB / Ukraine / USA 2015). Der ebenfalls für den Oscar nomi­nierte Film des russi­schen Doku­men­tar­fil­mers Evgeny Afinee­vsky doku­men­tiert die Ereig­nisse auf dem Maidan-Platz von Kiew. Wir erinnern uns: Studen­ti­sche Unruhen schlugen 2013/2014 in eine gewalt­same nationale Bürger­re­vo­lu­tion um, die zur Abdankung von Präsident Viktor F. Janu­ko­vytsch führte. Der Film kommt der poli­ti­schen Umwälzung ganz nahe.
Winter On Fire – Ukraine's Fight For Freedom, Mittwoch, 23.3., 19:30 Uhr, Arri. Anschließend Publi­kums­ge­spräch mit den Co-Produ­zenten Yurko Ivanis­hynh, Pavlo Peleshok

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Lesen Sie auch: Interview mit Christine Cynn

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BEST.DOKS – Unrecht braucht Zeugen. Eine gemein­same Veran­stal­tung von Human Rights Watch e.V. und ARRI Kino Arri-Kino, Türken­straße 91, Karten: 089 / 38 89 96 64
Mehr Infor­ma­tionen gibt es hier.

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