25.02.2016

Höchste Filmkunst!

Ik ben Alice
Bei der Preisübergabe: Marlies Kirchner empfängt die Berlinale-Kamera von Dieter Kosslick (Foto: privat)

Marlies Kirchner wird auf der 66. Berlinale mit der Berlinale-Kamera ausge­zeichnet

Von Dunja Bialas

Sie hat das schönste Kino der Stadt und beglückt in diesem seit nun fast sechzig Jahre die Cineasten mit Filmen im Original mit Unter­ti­teln: Marlies Kirchner. Zusammen mit ihrem Mann Walter Kirchner brachte sie die aufse­hen­er­re­gendsten und bahn­bre­chendsten Filme im Verleih der Neuen Filmkunst Walter Kirchner ins Kino und trug damit maßgeb­lich zur Cine­philie mehrerer Gene­ra­tionen bei. Zunächst im Kino Theatiner Filmkunst, das noch heute mit seiner Namens­ge­bung an den mitt­ler­weile aufgelösten Verleih erinnert, später auch in der Lupe 2 im Schwa­binger Fuchsbau, einer weiteren, leider seit langem verschwunden Kino-Kult­s­tätte Münchens.

Für alles, was sie für das Kino getan hat und immer noch tut, für das Glück, das sie den meist roma­nis­tisch orien­tierten Cineasten mit Filmen im fran­zö­si­schen, spani­schen oder italie­ni­schen Original bereitet, bekam Marlies Kirchner jetzt von Berlinale-Leiter Dieter Kosslick eine der höchsten Ehren-Auszeich­nungen der Berlinale über­reicht: die Berlinale-Kamera.

Marlies Kirchner liebt ihr Kino, die Theatiner Filmkunst, und sie liebt das Kino und die Filme. Fast zufällig kam sie zu ihrer Leiden­schaft: Sie hatte an einer Polyglott-Sprach­schule Fremd­spra­chen studiert, und ihre Kennt­nisse führten sie zusammen mit ihren Bruder Ernst Liesen­hoff und später mit ihrem Mann zu den Film­fest­spielen nach Cannes, um dort Verhand­lungen zu führen. 1957 übernahm das Ehepaar Kirchner die Theatiner Filmkunst in München, und konnte hier fortan die Filme des 1953 gegrün­deten Verleih Neue Filmkunst Walter Kirchner zeigen. Zunächst waren das Stumm­filme aus den 20ern, die poeti­schen Realisten der 30er Jahre und unter den Nazis verbotene Filme, später holte die Neue Filmkunst mit den Neorea­listen und der Nouvelle Vague auch ein neues Film­ge­fühl nach Deutsch­land.

Seit 1975, also seit mehr als vierzig Jahren macht Marlies Kirchner dies nun allein, zusammen mit getreuen Mitar­bei­tern: Klaus Fuchs­berger, Bernd Brehmer und seit einigen Jahren der Familie Holz­scheiter.

Das Theatiner der Marlies Kirchner sorgte jahrelang bundes­weit für die höchsten Zuschau­er­zahlen im OmU-Segment, das die Kino­be­treiber sonst scheuen. Noch bis zum Ende des analogen Film-Zeit­al­ters vor wenigen Jahren zog man extra für sie eine Kopie des gewünschten Films. Es lohnte sich.

Erwähnt werden muss auch, dass sie sich nicht auf die Fremd­spra­chen, die man land­läufig in der Schule lernt, beschränkt. Als echte Cineastin weiß sie von dem Glück, wenn die Origi­nal­sprache zu hören ist, und sie weiß, dass auch die arabische, japa­ni­sche, türkische oder russische Sprache durch keine Synchro­ni­sa­tion zu ersetzen ist. Als Frau von Welt steht sie mit der Auszeich­nung mit der Berlinale-Kamera jetzt verdien­ter­maßen neben Lauren Bacall, Meryl Streep oder Juliette Binoche, und neben Michael Ballhaus, Erika und Ulrich Gregor und Günther Rohrbach.

Artechock gratu­liert Marlies Kirchner zur Berlinale-Kamera!

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