12.11.2015

Leichte Muse in schweren Zeiten

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Mikis Theodorakis im Eröffnungsfilm Dance Fight Love Die

Eine Vorschau auf die 29. Grie­chi­sche Filmwoche in München (Gasteig, 12.-22. November 2015)

Von Elke Eckert

Mikis Theo­do­rakis ist im Juli 90 Jahre alt geworden. In seiner Heimat wird er nicht nur als der bekann­teste grie­chi­sche Komponist verehrt, sondern auch als Schrift­steller und Politiker. Ende der 1960er Jahre kämpfte er im Unter­grund gegen die Junta und musste wegen seines Wider­stands Folter und Haft aushalten. Auch heute noch sagt er zu aktuellen Konflikten deutlich seine Meinung. Welt­berühmt wurde Theo­do­rakis durch seine Filmmusik zu Alexis Sorbas. Der Themen­schwer­punkt »Musik im grie­chi­schen Film« ist mit fünf Veran­stal­tungen vor allem ihm gewidmet.

Regisseur Asteris Kutulas hat Mikis Theo­do­rakis fast drei Jahr­zehnte – von 1987 bis 2014 – immer wieder mit der Kamera begleitet und dieses Film­ma­te­rial mit histo­ri­schen Aufnahmen und fiktio­nalen Spiel­szenen verknüpft: Dance Fight Love Die – Unterwegs mit Mikis Theo­do­rakis (dt. Fass.) ist als Work-in-Progress-Preview zum Auftakt der Filmtage zu sehen (Donnerstag, 12.11., 19.30 Uhr, Carl-Orff-Saal).
Tags darauf hält Asteris Kutulas, der auch literarische Werke von Theodorakis ins Deutsche übersetzt und ein Verzeichnis des Gesamtwerks des Komponisten herausgegeben hat, einen Vortrag über »Mikis Theodorakis und das Kino«, in dem er auf dessen Schaffen als Filmkomponist eingeht und deutlich macht, wie Theodorakis Musiker aller Stilrichtungen und in aller Welt beeinflusst und inspiriert hat. (Freitag, 13.11., 18:30 Uhr). Der Vortrag ist die persönliche Einleitung zum Doku Double Feature Theo­do­rakis (Freitag, 13.11., 20:00 Uhr), das sich aus dem von Kutulas und Klaus Salge gedrehten Porträt Mikis Theo­do­rakis – Komponist (dt. Fass.) und Sonne und Zeit (dt. Fass.) zusammensetzt. Das 2010 entstandene Porträt lässt Mikis Theodorakis selbst zu Wort kommen und gewährt damit nicht nur einen Einblick in dessen 70-jähriges Lebenswerk, sondern auch in seine Gedankenwelt. Die Dokumentation zeichnet die Entstehung des Gedichtzyklus »Sonne und Zeit« nach, den Theodorakis während seiner Haftzeit in den sechziger Jahren verfasst und später teilweise vertont hat, und zeigt Aufnahmen vom gleichnamigen Konzert, das 1998 in Berlin stattfand. An beiden Abenden steht Asteris Kutulas für ein Gespräch mit dem Publikum zur Verfügung.
Am Sonntag, 15.11. um 15 Uhr wird Mikis Theodorakis noch einmal gewürdigt: mit der Verfilmung der antiken Tragödie Iphigenie (OmeU) von 1977, zu der er die Filmmusik geschrieben hat.

Eine Hommage ist auch der 2015 als bester grie­chi­scher Doku­men­tar­film ausge­zeich­nete A Family Affair (OmdtU). Die kretische Familie Xilouris gilt als der bekann­teste Musi­ker­clan Grie­chen­lands. Regis­seurin Angeliki Arist­o­m­eno­poulou hat den Fami­li­en­pa­tri­ar­chen Psaran­tonis, seinen Sohn und die Enkel bei den Vorbe­rei­tungen zu ihrem ersten gemein­samen Auftritt begleitet. Ein sehr persön­li­ches Porträt, das mit einem Konzert endet (Samstag, 14. und Freitag, 20.11., 18:00 Uhr).

Der preis­ge­krönte Debütfilm Norway (OmeU), in dem es einen Vampir auf der Suche nach immer­wäh­render Musik ins nächt­liche Athen verschlägt, verbindet den ersten mit dem zweiten Themen­schwer­punkt der Filmtage: Aktuelle Filme, deren meist junge Regis­seure ganz unter­schied­lich auf die schwie­rige wirt­schaft­liche Lage in Grie­chen­land reagieren – expe­ri­men­tell und eska­pis­tisch, aber auch zornig und brutal. In Yannis Veslemes' skurril-symbol­haftem Erstling zieht Blut­sauger Zano durch die Discos, weil sein Herz still stehen würde, wenn er aufhört zu tanzen (Mittwoch, 18.11., 20 Uhr, Samstag, 21.11., 15 Uhr).
Sein Spielfilmdebüt gibt auch Konstantinos Koutsoliotas mit dem Drama Winter (OmeU), in dem ein junger Schriftsteller vor seinen Gläubigern aus London flieht und in seinem verlassenen Elternhaus Zuflucht sucht. Doch Erinnerungen lassen ihn auch dort nicht zur Ruhe kommen. Traum und Realität verschmelzen, was wegen ungewöhnlicher 3D-Effekte vor allem visuell sehr überzeugend ist (Montag, 16. und Donnerstag, 19.11., 20 Uhr).
Yannis Economides' Blick auf eine Gesellschaft, die ihre Werte immer mehr preisgibt, ist der durch die Augen eines Auftragsmörders, der durchaus ehrenvolle Motive hat für das, was er tut. Stratos (OmdtU) war 2014 für den Goldenen Bären nominiert, Vangelis Mourikis wurde für die Rolle des Killers in Griechenland als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet (Dienstag, 17. und Samstag, 21.11., 20 Uhr).
Dass Vangelis Mourikis einer der wandlungsfähigsten Charakterdarsteller Griechenlands ist, beweist er auch in Norway und Winter. Als Gast des Festivals stellt er alle drei Filme persönlich vor.

Regisseur und Dreh­buch­autor Panos Koutras erzählt in seinem Roadmovie Xenia – Eine neue grie­chi­sche Odyssee (OmdtU) eine ganz spezielle Coming-of-Age-Geschichte: Der 16-jährige Danny und sein zwei Jahre älterer Bruder Odysseas müssen als Söhne einer Albanerin mit der Auswei­sung aus Grie­chen­land rechnen, sobald sie voll­jährig sind. Nur wenn ihr grie­chi­scher Vater sie als seine Söhne anerkennt, dürfen sie bleiben. Dazu müssten sich die drei aber erst mal kennen­lernen… Neun Auszeich­nungen und die Wahl zum grie­chi­schen Kandi­daten für den Auslands-Oscar 2016 sind bisher die Aner­ken­nung dafür, dass Koutras sein schweres Thema mit leichter Hand insze­niert hat (Samstag, 14.11., 20 Uhr und Samstag, 21.11., 17 Uhr).
Ebenfalls sensibel, aber auch sehr kompromisslos ist Syllas Tzoumerkas Psychogramm einer jungen Frau, in deren Alltag sich die Wirtschaftskrise spiegelt. Weil ihr Mann auf See ist, kümmert sich Maria allein um die Kinder und bricht ihr Studium ab, um auch die Eltern in deren Geschäft zu unterstützen. Als die finanzielle Situation trotzdem immer auswegloser wird, verliert Maria die Kontrolle über sich und ihr Leben. A Blast – Ausbruch (OmdtU) lebt vor allem vom intensiven Spiel seiner Hauptdarstellerin Angeliki Papoulia (Sonntag, 15.11., 20 Uhr, Donnerstag, 19.11., 18 Uhr).
Wie Griechenland in diese Krise geraten ist, zeigt der Filmemacher Yorgos Avgeropoulos in seiner Dokumentation Agora – From Democracy To The Market (OmdtU). Über vier Jahre hat er die Eurokrise aus griechischer Sicht porträtiert. Avgeropoulos sprach mit Bürgern und politischen Entscheidungsträgern und findet erschütternde Bilder für die sozialen Auswirkungen der Krise (Sonntag, 22.11., 17 Uhr).

Die Doku Hippie, Hippie, Matala! Matala! (OmeU) avan­cierte im letzten Jahr zum Publi­kumshit und wird deshalb noch einmal gezeigt. Das kretische Fischer­dorf Matala lockte in den 1960er-Jahren Aussteiger und Frei­geister aus aller Welt an, die sich in den Höhlen am Strand häuslich nieder­ließen. Die einzig­ar­tige Wohn­ge­mein­schaft besteht nicht lange, weil die Athener Militär­re­gie­rung eingreift (Montag, 16.11., 18 Uhr).
Die Höhepunkte des diesjährigen Kurzfilmfestivals von Drama (Mittwoch, 18.11., 18 Uhr) und die Familientragödie Blackmail Boy (Sonntag, 15.11. und Dienstag, 17.11., 18 Uhr, OmeU) runden das Festivalprogramm ab. Abschlussfilm ist das Drama Little England (OmeU), mit dem Regie-Veteran Pantelis Voulgaris einen preisgekrönten Bestseller seiner Ehefrau Ioanna Karystiani verfilmt hat (Freitag, 20.11. und Sonntag, 22.11., 20 Uhr).

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Die 29. Grie­chi­sche Filmwoche findet vom 12. bis 22. November im Vortrags­saal der Biblio­thek im Gasteig, München, statt (Eröff­nungs­film: Carl-Orff-Saal des Gasteig). Weitere Infos unter www.grie­chis­che­film­woche.de
Eine Veran­stal­tung der Filmstadt München e.V.

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