22.10.2015

Rauchschwaden in der Jurta

Flowers of Freedom
Szene aus Flowers of Freedom

Die 15. Ethno­lo­gi­schen Filmtage wagen unro­man­ti­sche Blicke auf ferne Völker

Von Dunja Bialas

Es gibt Sehn­suchts­räume der West­eu­ropäer, klar. Seit Goethes West-Östlichem Divan, der sich von der Dichtung Hafis inspi­rieren ließ (um hier einmal der Fack ju Göhte-Bewegung eine Absage zu erteilen), und der Romantik mit ihrer Hingabe an den Orient (womit der arabische Raum gemeint war), richtet sich das sehn­suchts­volle Seufzen heute in die weitere Ferne. Seit der Unter­drü­ckung der Tibeter durch die chine­si­sche Regierung gilt die Sympathie des aufge­klärten deutschen Mittel­standes dem Volk auf dem Dach der Welt und den vielen Exil­ti­be­tern, die sich auf der ganzen Welt zerstreut haben.

Wie lebt eine Kultur ohne geogra­phi­schen Raum? fragen die 15. Ethno­lo­gi­schen Filmtage in München. Die Filmreihe, die von Peter Neugart verant­wortet wird, wählt sich bewusst den Hype, um, ganz enth­no­lo­gisch, durch die ausge­wählten Filme genauer hinzu­sehen. Denn dies ist eine Aufgabe der „Visuellen Anthro­po­logie“, der Unter­ab­tei­lung der Ethno­logen, die sich im Film­schaffen mani­fes­tiert. Sehnsucht Tibet – Ein Leben im Exil ist das Filmdebüt des deutschen Regis­seurs Christian Beyer, der in Nepal und Indien das schwie­rige Alltags­leben der Exil-Tibeter zeigt. Bewegende Inter­views geben Auskunft über die einschnei­denden Erleb­nisse in Tibet, die sie zur Flucht bewegten. Eine notwen­dige Entro­man­ti­sie­rung, um einem Volk wieder seiner unfolk­lo­ris­ti­sche Würde zurück­zu­geben (Erst­auf­füh­rung, Sonntag, 01.11., 19 Uhr, in Anwe­sen­heit des Regis­seurs).

Ein Forum für den inter­kul­tu­rellen Dialog zu sein ist das Anliegen der ethno­lo­gi­schen Filmtage. Dazu gehört auch der Mut, „neue Aussagen zu wagen“, wie Peter Neugart betont. Eine völlig neue Perspek­tive auf die in Deutsch­land gleich­falls roman­ti­sierten Noma­den­völker der Mongolen wagt die gebürtige Mongolin Sanchir­chimeg Vanchinjay. Winter­nebel der als deutsch-mongo­li­sche Co-Produk­tion entstand, zeigt eine vor den Toren der Haupt­stadt als Winter­quar­tier aufge­baute Jurte-Siedlung. Was sich von der Ferne schön ursprüng­lich ausnimmt, entpuppt sich beim näheren Hinsehen jedoch als echte Umwelt­plage. Schuld daran sind die vielen Holzfeuer, mit denen die Nomaden kochen und heizen. Unter diesem Phänomen liegt ein komplexes Verhältnis von Armut und Reichtum, Noma­di­sieren und Sess­haf­tig­keit, Themen, die sich in der modernen Welt neu darstellen (Eröffnung der Filmtage, Freitag, 23.10., 19 Uhr, in Anwe­sen­heit der Regis­seurin).

Einen neuen, durchaus humor­vollen Blick wagt Flowers of Freedom von Mirjam Leuze. Ein kirgi­si­sches Dorf findet sich, dank seiner Zyani­d­vor­kommen, im globalen Kampf um Rohstoffe wieder. Die Frauen über­nehmen, streiten um ihre Rechte und werden fast nebenbei zu wichtigen Gestal­te­rinnen des demo­kra­ti­schen Aufbruchs – eine schafft sogar den Sprung ins Parlament (Samstag, 24.10., 19 Uhr, in Anwe­sen­heit des Filmteams).

Die bedrohten Völker Russlands sind seit jeher Gegen­stand der Ethno­logen. Das Tundra-Buch. Die Geschichte von Wukwukai, dem kleinen Stein ist ein filmi­sches Kleinod über den bei seinem Volk als weise geltenden Rentier­züchter Wuwukai, der im Einklang mit seinen Tieren und der Tundra lebt (Dienstag, 27.10., 19 Uhr, in Anwe­sen­heit einer Vertre­terin der Gesell­schaft für bedrohte Völker).

Ein Highlight der Ethno­lo­gi­schen Filmtage, die nicht nur die globalen Schat­ten­seiten aufwerfen wollen, ist die Wieder­auf­füh­rung des 1991 entstan­denen Yma Sumac – Holly­woods Inka­prin­zessin. Die „jodelnde und tiri­li­ernde“ und direkt von den letzten Inka­herr­schern abstam­mende Sängerin hatte den erstaun­li­chen Stimm­um­fang von sechs Oktaven. Sie wurde als Volks­lied­sän­gerin der Anden gefeiert und schaffte es bis nach Hollywood, wo sie mit Charlton Heston in Secret Of The Incas zur Lein­wan­di­kone wurde (Mittwoch, 28.10., 19 Uhr, in Anwe­sen­heit des Regis­seurs).

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Die 15. Tage des Ethno­lo­gi­schen Films sind eine Veran­stal­tung der Filmstadt München.
23.10. bis 01.11.2015, Monopol-Kino, Schleißhei­merstr. 127.
Tele­fo­ni­sche Karten­re­ser­vie­rung: 089 / 38 88 84 93
Das ausführ­liche Programm finden Sie unter ethno­lo­gi­sche-filmtage.de.

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