24.09.2015

Wider gesellschaftliche Ausgrenzungen

Hou Hsiao-hsien
Destillat aus tausenden von Interviews mit Roma: Klaudia Dudová in Petr Václavs Der Ausweg

Von Marianne Wagner

Auf den ersten Blick müsste man die 15. Tsche­chi­sche Filmwoche, die vom 23.-27.09.2015 im Arena statt­findet, korrek­ter­weise fast schon tsche­chisch-slowa­ki­sche Filmwoche nennen, denn erstmalig sind auch slowa­ki­sche Filme mit von der Partie.

Sieben Filme wurden gemeinsam mit der Münchner Volks­hoch­schule, dem Verein Ahoj Nachbarn, der sich für die gren­züber­grei­fende Vers­tän­di­gung in Mittel- und Osteuropa einsetzt, sowie dem Slowa­kisch-deutschen Kultur­klub ausge­wählt. Unter­s­tützt wird die Filmwoche vom Kultur­re­ferat der Stadt München.

Heute startet das Programm mit einer Deutsch­land­pre­miere, dem Filmdebüt von Tomasz Mielnik, der dezidiert und in post­mo­derner Manier Film­klas­siker anzitiert. Cesta do Riìma ist im Retrostil gedreht. Im Zentrum dieses Roadmovie steht ein unschein­barer Muse­ums­wärter, der auf Veran­las­sung einer attrak­tiven Dame ein wert­volles Gemälde stiehlt und sich auf den Weg nach Rom macht, um es dort zu verkaufen. Kleine Rand­be­mer­kung: Mielnik studierte auch Kunst­ge­schichte. Skur­ri­lität, Sati­ri­sches und Philo­so­phieren über das Leben, Kenn­zei­chen vieler tsche­chi­scher Klassiker, verspricht auch dieser Film.

Das Schwer­punkt­thema aller­dings liegt dieses Jahr auf sozialer und gesell­schaft­li­cher Ausgren­zung. Gleich zwei Filme befassen sich mit der nach wie vor prekären Lage der Roma-Minder­heit. Sowohl der Spielfilm als auch der Doku­men­tar­film im Programm hierzu sind Destil­late viel­jäh­riger Beob­ach­tungen und gewähren – zumal ange­sichts der nun auch tief in das Bewusst­sein aller Münchner vorge­drun­genen Flucht- und Migra­ti­ons­be­we­gungen – einen inten­siven Einblick in die Lebens­si­tua­tion der Roma. Man wird besser verstehen, unter welchen Bedin­gungen Roma teilweise leben und warum Menschen keinen anderen Ausweg mehr sehen als ihre Hoff­nungen woanders hinzu­tragen.
Bereits seit fast 20 Jahren lässt Petr Václav dieses Thema nicht mehr los. Nach Marian (1996), der Geschichte eines Roma-Jungen, und Gesprächen mit Tausenden Romas entstand das Drehbuch zu Cesta ven (Der Ausweg; Fr., 25.09., 19:00 Uhr). Laien­schau­spieler, u. a. die Neuent­de­ckung Klaudia Dudová, sowie der Spielraum, den der Regisseur den Darstel­lern einräumte, inten­si­vieren den authen­ti­schen Eindruck dieses Spiel­films über den harten Alltag einer allein­er­zie­henden Romni. Der Film wurde bereits mit zahl­rei­chen Preisen, u. a. dem „Ceský lev 2014“, dem Oscar Tsche­chiens, honoriert und war nach 16 Jahren der erste tsche­chi­sche Film, der in Cannes präsen­tiert wurde.

Im slowa­ki­schen Doku­men­tar­film Vetky moje deti (Alle meine Kinder; So., 27.09., 19:00 Uhr) begleitet Regisseur Ladislav Kaboš erneut Marián Kuffa (nach seinem Doku­men­tar­film über ihn von 2003) – jenen Priester, der sich seit 2010 für menschen­wür­dige Verhält­nisse und bessere Perspek­tiven für Roma in einem Slum in der Ost-Slowakei engagiert. Kuffa setzt im Gegensatz zu vielen, die hehre Reden schwingen, genau vor seiner Nase an: „Wir wollen den Menschen überall auf der Welt helfen, aber nicht den Roma in unserer Nach­bar­schaft. Deren Kinder leben in Häusern schlimmer als die Hütte meines Hundes.“

Wie im Kinohit Kolja (1996) oder jüngst in Das Meer sehen (Pojedemek mori, 2014) beleuchten Regis­seure aus Tsche­chien und der Slowakei mit viel Einfüh­lungs­ver­mögen die komplexe Beziehung zwischen Erwach­senen und Kindern, so auch in Ruko­jemník (Die Geisel; Sa., 26.09., 19:00 Uhr) des slowa­ki­schen Regis­seurs Juraj Nvota. Aus der Perspek­tive eines Jungen, der an der slowa­ki­schen Grenze zu Öster­reich lebt, ersteht in diesem Fami­li­en­film die Tsche­cho­slo­wakei der 60er Jahre wieder auf und das einschnei­dende Jahr 1968, das auch den Jungen vor eine gewich­tige Entschei­dung stellt. Denn seine Eltern leben jenseits des Flusses und Eisernen Vorhangs. Dieser Fami­li­en­film beleuchtet nicht zuletzt die Gefühls­welt der durch Migration von ihren Eltern getrennten Kinder.

Eine ganz andere, beträcht­li­ches Konflikt­po­ten­zial und Gefahren bergende Beziehung zwischen einem Erwach­senen und Kindern wird in dem gewagten Doku­men­tar­film Danieluv svet http://tsche­chis­che­film­woche.com/2015/08/26/filme-im-fokus-danieluv-svet/ (Daniels Welt; Do., 24.09., 19:00 Uhr) von Veronika Liskova verhan­delt: Der junge Lite­ra­tur­stu­dent Daniel geht auf beein­dru­ckend bewusste Weise mit seiner pädo­philen Neigung um. Er möchte sie weder verdrängen oder verste­cken noch ausleben. Eine andere Art des Coming out, die neue Perspek­tiven für den indi­vi­du­ellen und gesell­schaft­li­chen Umgang mit diesem Thema vorschlägt.

Geschichten über Eltern und Kinder, d. h. Konstel­la­tionen, die zunächst meist nicht frei gewählt sind, erzählt der slowa­kisch-tsche­chi­sche Erst­spiel­film des bisher doku­men­ta­risch arbei­tenden Regis­seurs Jaroslav Vojtek, Deti (Kinder; Do., 24.09., 21:00 Uhr). Hierbei flossen auch die Erfah­rungen aus seinen bishe­rigen Dokus und der TV-Serie zum Thema Kinder mit ein. Vojtek inter­es­sieren vor allem die Span­nungs­ge­füge, die Identität bestimmen und wie sich persön­liche Freiheit vor diesem Hinter­grund mehr oder weniger entfalten kann.

Radim Špacek sorgt auch nach seinem Erfolgs­film Pouta – Hand­fes­seln (2009) weiter für Dramatik: In Místa (Orte; Fr., 25.09., 21:00 Uhr) greift er eine klas­si­sche Drei­ecks­kon­stel­la­tion auf. Adam und Mark, orien­tie­rungs­lose 19jährige in einer tsche­chi­schen Klein­stadt der 1990er, machen Bekannt­schaft mit der charis­ma­ti­schen Tochter eines Provinz-Olig­ar­chen. Leiden­schaft, Verrat und Rache folgen.

Für mehr Mitein­ander und genaues Hinsehen stehen alle sieben Filme auf ihre eigene Weise und zeigen so auch Auswege aus anfangs verfahren erschei­nenden Situa­tionen auf. So unter­streicht der Titelsong „Places“ aus Orte, geschrieben von Václav Havelka und David Boulter von der briti­schen Band Tinder­sticks, nicht nur das düster-indus­tri­elle Setting sondern trägt auch über die male­ri­sche nord­böh­mi­sche Land­schaft hinweg.

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15. Tsche­chi­sche Filmwoche – 23. bis 27. September 2015, Arena Film­theater, Hans-Sachs-Str. 7, 80469 München. Das ausführ­liche Programm sowie Hinweise zu Gesprächen mit Regis­seuren und dem gesel­ligen Teil (mit tsche­chi­schem Bier) finden sich hier.

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