20.08.2015

»Wie wir leben, was uns ausmacht...«

 

California City
California City, der neue Film von Bastian Günther ist ein faszinierendes Werk zwischen allen Spielformen

Zuspit­zung von Alltags­er­fah­rungen, Burnout und die Gesell­schaft als Gated Community – der deutsche Auto­ren­filmer Bastian Günther

Von Rüdiger Suchsland

Magische Bilder, magische Erfah­rungen: Das Wüsten­licht brennt gleißend nicht nur auf die Figur, einen jungen Mann, der sich einsam durch verlas­sene Häuser bewegt, es blendet auch mal den Zuschauer und ruft gele­gent­liche Asso­zia­tionen an Anto­nionis »Zabriskie Point« wach, auch das ein Film, wo sich ein europäi­scher Regisseur in die ameri­ka­ni­sche Wüste begibt, um Alltags­er­fah­rungen der Moderne zu radi­ka­li­sieren, und für sie exis­ten­ti­elle, endzeit­liche Bilder zu finden.

Cali­fornia City, der neue Kino­lang­film von Bastian Günther, ist ein Doku­men­tar­film mit essay­is­ti­schen, episo­di­schen und mögli­cher­weise fiktio­nalen Elementen. Er erzählt von einer modernen Geis­ter­stadt, die in Zeiten der Häuser­blase mitten in der Wüste mit kompletter Infra­struktur aus dem Boden gestampft und nach 2008 zurück­ge­lassen wurde. Ein Insek­ten­be­kämpfer durch­streift stell­ver­tre­tend für den Zuschauer die leeren Häuser und reflek­tiert über seine Erfah­rungen und den Zustand der Welt. Die Themen »Suche und Sehnsucht« sind hier von Beginn an durch einen Text­ein­schub offen gesetzt, wenn auch ironisch gebrochen durch die Begriffe »die Kunst der Moski­to­be­kämp­fung und Über­trä­ger­kon­trolle«. »Ich fühlte mich an diesem Ort total depri­miert«, berichtet Bastian Günther, der Teile des Jahres in Amerika lebt, vom auslö­senden Erlebnis zu diesem Film. »Was für bizarre Sachen wir Menschen auspro­bieren. Man kann da nicht leben – da gibt es kein Wasser, da wächst nichts. Aber die Leute wollten unbedingt ein Haus haben und haben dafür alles in Kauf genommen.«
Auch Einsam­keit in ihren verschie­denen Facetten ist ein Leitmotiv und verbindet Cali­fornia City mit Auto­pi­loten und Houston, den zwei Spiel­filmen Günthers, und mit dem vom HR produ­zierten »Tatort – Wer bin ich?«, der zum Jahres­ende in der ARD ausge­strahlt werden wird.

Zu allen vier Filmen hat Günther, Jahrgang 1974, der vor seiner Regie­aus­bil­dung Pädagogik studierte, auch das Drehbuch geschrieben. Auf den ersten Blick erscheinen sie formal wie thema­tisch sehr verschieden und unter­nehmen jedes Mal etwas voll­kommen Neues. In Houston, dem bislang bekann­testen Film Günthers, steht ein deutscher Head­hunter im Zentrum, den es für einen Geschäfts­ab­schluss nach Texas verschlagen hat. Dort, in der Einsam­keit der Hoch­haus­schluchten und Kommu­ni­ka­ti­ons­ab­gründe, wird er auf sich selbst zurück­ge­worfen. Ulrich Tukur spielt den Mann, der Alko­ho­liker ist, und sich zunehmend in einer Lebens­krise befindet, aus dem Dilemma zwischen Sucht und Versa­gens­angst keinen Ausweg findet.

Bastian Günther erzählt dessen Schicksal einfalls­reich mit gele­gent­li­chen Versatz­stü­cken des Film Noir in einer Mischung aus realis­ti­schen Bildern und surrealen »Chocs«. Einmal sieht dieser Clemens Trunschka aus einem Fenster ein weißes Hemd an einer Wolken­krat­z­er­fas­sade herun­ter­fallen – langsam, scheinbar minu­ten­lang und endlos. Man denkt an jenen »Falling Man« des »11. September«, der in den Nach­richten entsetzte, dem Don DeLillo einen Roman gewidmet hat, und Afonso Cuaron einen Kurzfilm. Der Zuschauer macht im Kino selbst die Erfahrung der Haupt­figur: Wie sich »Realität« und »Phan­tastik« immer unun­ter­scheid­barer vermi­schen, wie die Codes einer sterilen und glatten Welt immer undurch­dring­li­cher werden.

Der Schnitt irritiert mit bewußt gesetzten Brüchen und »Künst­lich­keits«-Erfah­rungen zusätz­lich. Man kann das kafkaesk nennen, doch zugleich nehmen Story und Insze­nie­rung Alltags­er­fah­rungen auf und spitzen sie zu: Anhand einer einzelnen Figur wird das System eines Kapi­ta­lismus beschrieben, der wie eine Sucht struk­tu­riert ist; ein System, das auf Stress und Stei­ge­rung basiert, und darum irgend­wann zwangs­läufig kolla­biert – um danach wieder von Neuem zu beginnen.

Isolation und Verlo­ren­sein, der gras­sie­rende Burnout eines ganzen Zeit­al­ters und des ihn struk­tu­rie­renden Systems stehen auch bereits im Zentrum von Günthers Spiel­film­debüt Auto­pi­loten (2007). Anhand von vier Männern verknüpft der Film vier Geschichten zu einem modernen Road-Movie. Es entsteht ein Panorama der Gegenwart, das weit weniger plakativ erzählt ist, als seine zentrale Metapher – die auf »Autopilot« geschal­teten Lebens­wege – sugge­riert. Auch hier sind die Räume besonders wichtig für Günthers Insze­nie­rung: Das Auto als Druck­kammer, die neuen anonymen Begeg­nungs­orte unserer Gegenwart: Shopping-Mall, Fast-Food-Restau­rants, die Lobbys von Hotel­ketten. Die Gesell­schaft als Gated Community.

Neben der inhalt­li­chen Verbin­dung zwischen diesen Filmen, den Facetten moderner Depres­sion, gibt es auch eine formale Gemein­sam­keit. Günthers Filme versuchen, die Dinge auf eine neue Weise zu betrachten und einen neuen Blick nicht nur von Innen, sondern von Außen auf ihren Gegen­stand zu werfen. Nur durch Distanz ist eine klare, analy­ti­sche Sicht­weise möglich.

Nirgendwo wird das deut­li­cher als bei einem scheinbar so unum­s­töß­lich fest­ge­zurrten Format wie dem ARD-»Tatort«. Günthers »Tatort«-Debüt »Wer bin ich?«, in dem wiederum Ulrich Tukur die Haupt­rolle spielt, dekon­stru­iert gewis­ser­maßen das »System 'Tatort'« – und damit jenes eine Fern­seh­format, das neben Fußball-Liveüber­tra­gungen im Fernsehen von heute noch »Straßen­feger«-Potential hat, das eine Nation vor der Matt­scheibe verbindet und mit dem durch es bereit­ge­stellten Gesprächs­ma­te­rial sogar gesell­schafts­sta­bi­li­sie­rende Eigen­schaften hat.

Um die Radi­ka­lität dieses auch von der HR-Redaktion her erstaun­li­chen, mutigen Expe­ri­ments nur anzu­deuten: Wie üblich im »Hessen-Tatort« spielt Tukur in »Wer bin ich?« den Kommissar Monod. Der ermittelt in einem Mordfall bald gegen den Schau­spieler Ulrich Tukur, der gleich­falls von Tukur gespielt wird. Im Film taucht auch eine Handvoll anderer »Tatort«-Kommis­sare auf, der hessische Rundfunk und so fort. »Ich wollte etwas anderes, als diese ewigen 'wo waren sie gestern zwischen 9 und 10?'-Filme.« antwortet Günther, nach der Inspi­ra­tion gefragt, »Ich wollte auch gern einen total über­spitzten Blick in dieses Film­ge­schäft geben, wie er Truffaut in Die ameri­ka­ni­sche Nacht, den ich sehr liebe, gelungen ist. Dieser Film hat ja mit uns allen etwas zu tun: Wie sehen wir uns selbst?« Ein philo­so­phi­sches Spiel im Spiel.

Man kann sich die Filme von Bastian Günther also gar nicht unge­wöhn­lich und irri­tie­rend genug vorstellen. Dieser Regisseur bricht mit einem Grund­ge­setz moderner Dreh­buch­schulen: Der scheinbar unum­s­töß­li­chen Regel der Iden­ti­fi­ka­tion. In seinen Filmen haben die Figuren nicht selten bereits selbst ein Problem damit, sich mit sich zu iden­ti­fi­zieren. Daher dürfte dies auch dem Zuschauer schwer fallen.
»Es gibt auch nichts Lang­wei­li­geres im Kino, als ein Film, in dem die Haupt­figur sympa­thisch ist«, fügt Günther hinzu. Man müsse sie aller­dings verstehen können, eine Empathie für sie entwi­ckeln. Um sie viel­leicht am Ende etwas anders betrachten zu können, als zu Beginn des Films. »Auch der Grundsatz, eine Figur müsse sich ändern, ist Blödsinn. Ich finde nur, der Blick des Zuschauers während des Films sollte sich irgend­wann ändern, damit man noch einmal einen neuen Blick auf etwas bekommt.«
Günther entlarvt mit solchen Aussagen auch eine Denk­faul­heit, die gerade im deutschen Kino oft bemerkbar ist: »Das mag ich an Filmen, und versuche es mit meinen eigenen: Dass der Zuschauer mitmachen muss. Das kann dann auch unglaub­lich unter­haltsam sein – unter­haltsam aber nicht in dem Sinn, dass fort­wäh­rend gelacht wird.«

Günther sieht seine Arbeit als Mischung aus Kunst und Handwerk. Schon in wenigen Filmen (vor Auto­pi­loten entstanden doku­men­ta­ri­sche Arbeiten fürs Fernsehen wie Bleib zuhause im Sommer, 2004), ist es ihm über Genre- und Medi­en­grenzen hinweg gelungen, mit großer Konse­quenz einigen Leit­mo­tiven und persön­li­chen Inter­essen treu zu bleiben, und gemeinsam mit seinem Stamm­ka­me­ra­mann Michael Kotschi eine eigene Hand­schrift zu entwi­ckeln. So offen Bastian Günther etwa in der Arbeit mit verschie­denen Schau­spiel-Techniken ist – »Grund­sätz­lich überlasse ich das den Schau­spie­lern, ich versuche mich immer, ihnen anzu­passen.« –, so klar ist am Ende »was er will«. »Was für mich wichtig ist in meinen Filmen, ist, dass wir uns mit uns beschäf­tigen. Wie wir leben, was uns ausmacht, und wie wir drauf sind und was auch schief läuft bei uns. Aber nicht mit so einem besser­wis­se­ri­schen Blick. Ich gebe ja auch keine Antworten. Man muss Fragen stellen.«

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