23.04.2015

Filme gegen den Krieg

 

Stählerner Beobachtungsstand Verdun 1914
Architektur der Grausamkeit: ein militärischer Beobachtungsposten von 1914 in Verdun, aus dem Film Blicke in die Hölle

Eine Werkschau im Münchner Maxim-Kino zeigt die Anti-Kriegs­filme des Doku­men­tar­film­re­gis­seurs Christoph Boekel

Von Dunja Bialas

»Kriege sind nicht einfach aus. In den Seelen der Völker hinter­lassen sie Spuren, die sich wahr­schein­lich über Gene­ra­tionen hinweg­ziehen.« – Christoph Boekel

Nicht den Krieg filmen, wie es die Reporter weltweit tagtäg­lich prak­ti­zieren, sondern gegen den Krieg filmen und dabei heraus­ar­beiten, was »Krieg« überhaupt bedeutet: Christoph Boekel, Jahrgang 1949, hat sich dreißig Jahre lang mit den Folgen des Zweiten Welt­kriegs befasst. Der Zweite Weltkrieg ist für seine Gene­ra­tion der Krieg schlechthin. Noch zu unmit­telbar waren die Kinder der Wehr­machts­sol­daten und Kriegs­opfer durch die Folgen des Krieges betroffen, wuchsen auf den Trüm­mer­fel­dern der zerbombten Städte auf und unter dem Eindruck der Erzäh­lungen der aus Krieg oder Gefan­gen­schaft Heim­keh­renden.

Siebzig Jahre liegt nun das Ende des Welt­krieges zurück, der noch unmit­telbar an eine heutige Gene­ra­tion rührte. Siebzig Jahre – das ist ein ganzes Menschen­leben. Boekel nähert sich in viel­fäl­tigen filmi­schen Ansätzen an diesen letzten – hoffent­lich im starken Wortsinn – deutschen Krieg an, und versucht auch das heraus­zu­finden, was Kriegen generell gemeinsam ist. Dabei geht es Boekel jedoch nie um trockene Analysen. Er wählt in seinen Doku­men­tar­filmen, die er seit den achtziger Jahren reali­siert, oftmals einen sehr persön­li­chen Ansatz, stell­ver­tre­tend für das Schicksal, das er mit seiner Gene­ra­tion teilt: seinen eigenen Vater, der am Kriegs­ge­schehen als Wehr­machts­soldat beteiligt war. Damit sieht Boekel der unbe­quemen Wahrheit ins Gesicht, indirekt selbst in die Geschichte invol­viert zu sein. Kriege sind nicht einfach da, Kriege werden gemacht, von jedem einzelnen, und so auch von den Mitglie­dern der eigenen Familie.

Die Spur des Vaters heißt so auch sein sehr persön­lich gehal­tener Film über die Marsch­route, die der Vater des Filme­ma­chers 1941 als Soldat durch die Ukraine und Russland bis kurz vor Moskau zurück­legen musste. Boekel rekon­stru­iert anhand der Tage­buch­auf­zeich­nungen und Photo­gra­phien, die sein Vater während des Russ­land­feld­zugs machte, die Ereig­nisse entlang dieses Gewalt­mar­sches. Russische Über­le­bende sowie sein eigener Vater erzählen in Gesprächen von ihren emotio­nalen Erschüt­te­rungen, die sie in dieser Zeit erlitten – beide Seiten kommen zu Wort. Der 1989 entstan­dene Film erhielt zahl­reiche Auszeich­nungen, darunter den Adolf-Grimme-Preis. (Fr., 24.04., 21:00 Uhr, und Sa., 25.04., 19:00 Uhr)

Beide Seiten zu betrachten, ist die dialek­ti­sche Heran­ge­hens­weise Boekels, die ihn an den Kern des Krieg heran­tasten lässt. Sein Drei­teiler Kriegs­ge­fan­gene, 1995 für das ZDF entstanden, betrachtet die erschre­ckende Tatsache, dass über drei Millionen russische Soldaten in deutscher Kriegs­ge­fan­gen­schaft umkamen und über eine der drei Millionen Wehr­machts­sol­daten in sowje­ti­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft starben. Krieg fordert seine Opfer nicht allein durch Waffen­ge­walt; Hunger, Seuchen und Erschöp­fung sind seine tödlichen Begleiter. Russische und deutsche Über­le­bende kehren in Boekels Film an die Orte ihrer Gefan­gen­schaft zurück und geben Zeugnis von den erschüt­ternden Erleb­nissen. (Fr., 24.04., 19:00 Uhr, und Montag, 27.04., 21:00 Uhr)

»Schwert und Schild«, so lautet die komplexe Dialektik von Krieg. Schwert und Schild symbo­li­sieren den Angrei­fenden und jenen, der sich vertei­digt. Jeder von ihnen jedoch ist zugleich Träger von Schwert und Schild, Angriff und Vertei­di­gung wechseln so unauf­hör­lich einander ab, das ist die Mechanik des Krieges. »Ein sich ständig aufschau­kelndes System anwach­sender Gewalt­po­ten­tiale«, nennt Boekel dies in seinem erhel­lenden Doku­men­tar­film Blicke in die Hölle, in dem er eine Reise durch die Archi­tektur des Krieges unter­nimmt. Bunker, Stadt­mauern und Befes­ti­gungs­an­lagen entlarvt er als Zeugnisse militä­ri­scher Vertei­dung: Wir leben in krie­ge­ri­schen Städten. (Do., 23.04., 21:00 Uhr, und Sa., 25.04., 21:00 Uhr) 

Sofern man von »Klas­si­kern« des Anti-Kriegs­film sprechen möchte, hat Boekel mindes­tens zwei Filme für den Kanon geschaffen. Verstrahlt und vergessen erinnert an Tscher­nobyl und seine Opfer, als zivile Folgen der militä­risch moti­vierten atomaren Entwick­lung, und betrachtet die Konse­quenzen ober­ir­di­scher Atom­ver­suche und des Uran­ab­baus in Sibirien. Der Film sei als Warnung zu verstehen, macht Boekel deutlich. (So., 26.04., 19:00 Uhr, und Di., 28.04., 21:00 Uhr, als Vorfilm läuft der expe­ri­men­telle Film Enola über »die Gefähr­lich­keit des Unvor­stell­baren« auf 35mm!)

Der lange Atem heißt der gleich­falls kanon­ge­wor­dene Film über die anti-mili­ta­ris­ti­sche Oppo­si­tion in West­deutsch­land. Ausgehend von den 50er Jahren, in denen sich die Anti-Kriegs­be­we­gung formierte, erinnert der Film an den großen Wider­stand gegen die Wieder­be­waff­nung West­deutsch­lands nach dem Krieg. Oskar Neumann, Publizist und Aktivist, steht im Zentrum der »span­nenden histo­ri­schen Lektion«, wie H.G. Pflaum den Film in der »Süddeut­schen Zeitung« bei seinem Erscheinen 1981 nannte. Der Film gewann den Preis der deutschen Film­kritik. Ein frühe und wegwei­sende Auszeich­nung für Christoph Boekel, der mit ihm seinen Abschluss­film an der Münchner Hoch­schule für Fernsehen und Film vorlegte, als Auftakt eines uner­müd­lich enga­gierten Film­schaf­fens des »langen Atems«. (So., 26.04., 21:00 Uhr, und Di., 28.04., 19:00 Uhr)

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»Filme gegen den Krieg« von Christoph Boekel, 23.-28.04.2015, Maxim Kino, Lands­huter Allee 33. Karten­re­ser­vie­rung 089 / 168 721. Mehr Infor­ma­tionen und das Programm mit allen Spiel­daten gibt es hier. Gefördert vom Kultur­re­ferat der Landes­haupt­stadt München.

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