02.04.2015

Der ewige Münchner

 

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Helmut Dietl mit Georg Marischka bei den Dreharbeiten zum »ewigen Stenz« (Foto: BR / balance-film)

Der »Monaco Franze« lebt hier nicht mehr: Zum Tod des großen, klugen Menschen­freunds und Sati­ri­kers Helmut Dietl

Von Rüdiger Suchsland

»Wissen's, da wo ich herkomme, Kultur, des war für uns, wenn einer sauber gewaschen war.«– »Monaco Franze«

Der weiße Anzug. Die schwarzen Haare. Und der Bart. Die Zigarette zwischen den nervösen Fingern. In der anderen Hand die Espres­so­tasse oder ein Weißwein­glas. Cool und lässig, von jener »etwas windigen Eleganz, die der jeweils herr­schenden Mode immer einen Schritt voraus­stol­ziert«, wie er seinen »ewigen Stenz«, den »Monaco Franze« beschrieben hat, war auch Helmut Dietl selber und es sind diese Bilder, die einem als aller­erstes einfallen, wenn man ihn ein paar Mal erlebt hat und sich jetzt an ihn erinnert.

»Als Autor und als Regisseur, was tut man denn? Jetzt mal krass ausge­drückt: Man bedient sich des Materials. Da ist einem alles recht. Also, man schaut genau auf die Leute hin, man beob­achtet sie, schaut ob man da irgendwie was nehmen kann, klauen kann, benützen kann – also man könnt's negativ auch formu­lieren: Das ist geradezu eine vampi­ris­ti­sche Ange­le­gen­heit.«– Helmut Dietl

Ohne Helmut Dietl wären wir andere Zuschauer. In Monaco Franze – Der ewige Stenz gibt es gleich zu Anfang eine geniale Szene: Der Franz ist auf der Straße vor einem Schau­fenster von einer Frau ange­spro­chen worden, die, nebenbei, von Gisela Schnee­berger gespielt wird, mit dem wunder­baren Satz: »Geh, des sag' ich Ihnen gleich im Fall, dass sie mich anspre­chen wollen, da brauchen Sie sich gar net anstrengen, bei mir geht nix...«, und am nächsten Morgen steht er mit seinem Polizei-Kollegen Kopfeck im Revier vor einer großen Wandkarte der Stadt München – so wie in den aller­besten, größten, schönsten Filmen immer wieder Menschen vor irgend­einer Karte stehen oder auf eine Karte blicken – und versucht heraus­zu­finden, wo diese Frau wohnen könnte. Nicht im Vorort, meint er, sie habe eher nach »so Innen­stadt-Rand­be­zirk« ausge­schaut, »also Berg am Laim, Harras, Sendling, Wald­friedhof ... Haid­hausen wäre möglich, aber da wohnen jetzt ganz andere Leute, also eher Goethe­platz, Lind­wurm­straße, Harras«. Und parallel dazu sinniert sie mit ihrer Arbeits­kol­legin (Cleo Kret­schmer) über den Mann auf der Straße: »Grünwald, Harla­ching oder eher noch wie Bogen­hausen ... a einsamer Mensch, bisserl traurig.«
So erklären uns die beiden Figuren nicht nur die Stadt, wo die Serien spielt, nicht nur München und seine Topo­gra­phie, sie erklären uns die Stadt als ein psycho­lo­gi­sches und soziales Feld, als einmalig zeitlich und räumlich veror­teter Punkt. Als Reich der Zeichen.
Sie erklären uns, wie man eine Stadt liest und ihre Menschen und sein eigenes Leben – auf den Straßen, in München und anderswo.

»Ich denk' immer, es ist ein großer Schmarrn, was ich da mache«, hat er einmal im Interview gesagt. Aber zu diesem Punkt kommen Leute, die wirklich Schmarrn machen, eigent­lich nie. Als er das sagte, da war er schon ein Großer, und es war keine Eitelkeit, kein groß aufge­tra­genes Under­state­ment, sondern es war eine Unsi­cher­heit, ein Nicht-eins-sein mit sich selbst, das auch im Erfolg immer spürbar blieb, und die ihn seinen Helden nahe­brachte: Dem »Monaco Franze«, dem Tscharlie aus den Münchner G'schichten, dem Regisseur Uhu Zigeuner aus Rossini und sogar dem scheinbar so selbst­si­cheren Klatsch­re­porter Baby Schim­merlos in Kir Royal.

Die Dietl-Helden sind Exis­ten­tia­listen des Alltags. Arbeiter, die nach dem vierten Augus­tiner zu Philo­so­phen werden: »Wer reinkommt, ist drin«, »A bisserl was geht immer« – es sind solche, nur sehr scheinbar banalen Lebens­weis­heiten, die Dietls Werk unsterb­lich machen, und ihn selbst zum wich­tigsten deutschen Komö­di­en­re­gis­seur der letzten vierzig Jahre.

Dietl, 1944 in Bad Wiessee geboren, begann seine Karriere als Autor und Regisseur in den 1970er Jahren, und auch später gab es in seiner Erschei­nung und seinem Humor immer eine Nach­wir­kung dieser Zeit. Dietl war ein Anarchist, ein Lebens­künstler, ein sarkas­ti­scher Kritiker seiner Zeit, an der Grenze zum Zynismus. Aber genau darin war Dietl auch ein Menschen­freund, ein Roman­tiker – und ein Wahr­heits­su­cher.

»Mich inter­es­sieren Menschen, ganz normale Menschen, darunter auch Frauen.«– »Monaco Franze«

Auf den »Monaco Franze« und auf Rossini muss man immer wieder kommen, noch mehr als auf alle seine anderen Genie­streiche. Der Monaco Franze ist ja eigent­lich eine Serie über den Bezie­hungs­t­error des Alltags, die gegen­sei­tigen völlig unrea­lis­ti­schen Erwar­tungen, denen die erwart­baren Enttäu­schungen folgen müssen, eine Serie über das Glück der Augen­blicke, in denen man mal – und sei es durch dumme Tricks – die Erwar­tungen des Anderen erfüllt, und über das Glück des Neben­ein­an­der­her­le­bens, der Toleranz, die nichts mit Desin­ter­esse zu tun hat, sondern mit einem sehr münch­ne­ri­schen »Leben und Leben lassen«. Der Monaco ist eben einer­seits Exis­ten­tia­list, wie gesagt, ein Einsamer, münch­ne­ri­scher Nach­folger von Humphrey Bogart mit Trench­coat und Borsalino, der auf nichts fest­ge­legt werden möchte, nicht von anderen, aber auch nicht von sich selbst: »Ich suche das Uner­war­tete und das Spontane und das über­ra­schende Erlebnis.«
Ander­seits auch einer, der einfach nur sein Ding machen will, in Ruhe und ohne falsche Ansprüche, der nicht der Depp sein will, schon gar nicht der von seiner Frau: »Wissen Sie, mich wollten schon viele ändern...«

»Eine mittlere Reife ist doch nichts für einen Menschen. Eine mittlere Reife hat viel­leicht ein Käse.«– Tscharlie, in den Münchner Geschichten

Dietl war einer, dem man im Vergleich zu den geborenen Münchnern die frühere Herkunft aus der Provinz anmerken konnte, nur darin, wie verliebt er in diese Stadt war, aber weil in München fast alle »Zuage­r­o­aste« sind, war er auch in allem ein sehr typisches Münchner Gewächs, einer, wie er nur in München möglich ist. Ein Grantler, wie er es unsterb­lich einmal in einem Interview vorge­führt hat: »Wenn ich überhaupt nur höre, ich soll etwas genießen, dann kriege ich Pickel, jetzt scheint da die Sonne, es ist wunderbar, es ist ein schöner Tag. Warum soll ich den auch noch genießen? Es reicht doch, dass er da ist. Ich habe damit nichts zu tun. Und der Mensch ist so, wie er ist. Es gibt keinen Anlass, irgend etwas zu genießen.«

Ein Grantler, also ein Liebender. Dietl liebte seine Wahl-Heimat­stadt München, der er in fast jedem seiner Filme ein Denkmal gesetzt hat. Dietl liebte die Frauen. Vier Mal war er verhei­ratet, dazu öfters prominent liiert, etwa mit Veronica Ferres. Dietl liebte das Leben: Den Wein, die Ziga­retten, die langen Abende.

All das fasst wohl keiner seiner Filme besser zusammen, als die Komödie Rossini oder die mörde­ri­sche Frage, wer mit wem schlief von 1997, einer der größten deutschen Filmer­folge der 90er Jahre. Der Film ist einfach nur albern, und ein Liebes­film, es ist aber auch eine geniale Satire auf die Münchner »Schi­ckeria«, der Dietl selbst angehörte, und eine Farce über die Medien- und Film­branche.

»Wir haben hier zum Beispiel genauso gute Autoren wie anderswo, aber ein gutes Drehbuch kann nur entstehen, wenn ein Autor die Zeit bekommt, sich lange genug mit der Sache zu beschäf­tigten. Und das muss bezahlt werden. Ich habe, zusammen mit meinem Co-Autor Ulrich Limmer, vom Schtonk!-Drehbuch ungefähr zwölf Haupt­fas­sungen und bestimmt auch ein Dutzend Neben­fas­sungen geschrieben. Und das muß auch finan­ziell ermög­licht werden.
Es gibt ja einen Haufen Geld, die Frage ist nur, wofür geben die Leute es aus. Man muß sie überreden, damit sie sich ein bißchen mehr trauen.« – Helmut Dietl, 1992

Dietls Filme waren immer wieder solche Real­komö­dien, Sitten­bilder und Medien­sa­tiren. Großar­tige geschrie­bene Lehr­s­tücke über mensch­liche Dekadenz und zynische Medi­en­macht. Ob eben Rossini, ob der bitter­böse Schtonk! über die wahre Geschichte von den falschen Hitler-Tage­büchern, ob »Kir Royal«, in dem es natürlich um sehr real exis­tie­rende Boule­vard­blätter ging oder »Der ganz normale Wahnsinn« über Promi-Magazine oder Late Show über die damals neuen TV-Formate von Thomas Gott­schalk und Harald Schmidt, die passen­der­weise gleich selber mitspielten.

»Ich weiß nur, dass es mir ganz sicher nicht zufliegt, das ist das Ergebnis einer sehr, sehr harten und lang­wie­rigen Arbeit, wie überhaupt das Leichte im wesent­li­chen das Ergebnis schwerer Arbeit ist. Nur durch äußerste Anstren­gung gelingt es, etwas so hinzu­kriegen, dass es leicht daher­kommt.«– Helmut Dietl

»Humor hat eine aufklä­re­ri­sche Wirkung«, wusste er, und Dietl hat bewiesen, dass Humor sehr viel mit Verstand zu tun hat. Der »deutsche Woody Allen«, wie man jetzt lesen konnte, war Helmut Dietl deswegen gerade eigent­lich nicht. Dazu war er schon viel zu originell, aber auch viel zu konkret, zu wenig abgehoben, zu nahe bei den Filme­ma­chern und bei den kleinen Leuten, ihrem Publikum, die auch seines waren. Und die Umdrehung des Satz, dass Woody Allen nämlich der ameri­ka­ni­sche Helmut Dietl ist, die ist schon so deppert, dass sie selbst aus einer Dietl-Komödie stammen könnte. Dietls Witz zeigte genau dieses Absurde im Realen

»Das Fernsehen erfüllt das halt auch nicht mehr. Die Liebe zu den 'Drom­buschs' oder wie das alles heißt, die kann natürlich Leute mit einem höheren Anspruch nicht ausfüllen. Man möchte jetzt schon gern einmal wieder was anderes haben, das ist einfach auch fad mit diesem Fernsehen.«– Helmut Dietl, 1992

In den achtziger und neunziger Jahren, da stand Dietl die Welt des deutschen Fern­se­hens und Kinos offen. Da schien alles zu Gold zu werden, was er anpackte, dabei war er viel­leicht nur ganz eins mit seiner Zeit, nicht von morgen und schon gar nicht von gestern. Da konnte man ihn persön­lich erleben wenn man sich ins »Schuhmann's« hinein­traute oder in das »Romana Antica«, jenen Schwa­binger Italiener, in dem damals in den 90ern wirklich jeden zweiten Abend irgend­wann Dietl auftauchte, mit seinen Freunden Bernd Eichinger, Wolf Wondra­schek und Patrick Süskind, und ihren jewei­ligen Gespie­linnen.

»Außerhalb Münchens ist für mich Ausland.«– Helmut Dietl

Weil er so ganz nahe dran war am Leben, darum ist Rossini viel­leicht die Quint­es­senz des Dietl­schen Filme­ma­chens. Hier treffen sich Melan­cholie und Sarkasmus und halten das Gleich­ge­wicht. Das ist ihm danach nie mehr ganz so gut geglückt. Dietls letzte Filme hätte man bei jedem anderen gefeiert oder zumindest respekt­voll zur Kenntnis genommen, bei Dietl machten sie unglück­lich. Viel­leicht lag es einfach daran, dass diese Filme nicht mehr in München spielten – zu recht, weil es mit dem München Dietls und Eichin­gers, dem München der 70er, der ewigen Stenze, der Bussi-Bussi-Szene, und des prole­ta­ri­schen Lehel, der Olympiade, der Koexis­tenz des alten Drecks und der neuen Reichen irgend­wann einfach vorbei war.

Mit der Berliner Republik konnte sich Dietl, trotz des Versuchs in Zettl, nicht anfreunden. Denn der »Monaco Franze« und Baby Schim­merlos, die leben hier nicht mehr. Das Nachwende-Berlin ist in seiner Halb­sei­den­heit viel zu real, zu wenig schil­lernd, um hier Film­stoffe zu finden, erst recht nicht für eine Persi­flage.

Gerade deshalb, weil sie Wirk­lich­keit aus jeder Pore atmen, und inzwi­schen Dokumente vergan­gener Wirk­lich­keit geworden sind, sind Dietls Fern­seh­se­rien unüber­boten. Hier findet dieser ewige Münchener das Traurige im Witzigen, das Einmalige im Alltäg­li­chen.

Wenn man von Dietl und seinen Figuren eine Sache lernen konnte, dann den Umgang mit Wider­sprüchen. Haltung, wenn um einen herum die Welt verrückt wird. Mit Leich­tig­keit oder Lässig­keit hat das viel­leicht gar nicht soviel zu tun. Sondern mit Beob­ach­tungs­gabe. Ohne Helmut Dietl wären wir andere Menschen.

Es gäbe viel schönere Gründe, sich wieder einmal seine Filme auf DVD anzu­gu­cken, aber viel­leicht tröstet das zumindest ein bisschen über die Nachricht: Helmut Dietl ist tot.

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