15.01.2015

Auf das Leben

 

Der Letzte der Ungerechten
Claude Lanzmann im Gespräch mit Benjamin Murmelstein: Der Letzte der Ungerechten

Die 6. Jüdischen Filmtage präsen­tieren in München Film­perlen rund um das Judentum

Von Dunja Bialas

Eine Filmreihe, in der sich die israe­li­ti­sche Kultus­ge­meinde arti­ku­lieren kann, über ihre Geschichte, Kultur, Religion nachdenkt: Wie ein tiefes Durch­atmen nimmt sich das aus, vor dem Hinter­grund der aktuellen, brisanten Ereig­nisse rund um die Ereig­nisse um Charlie Hebdo, ange­sichts von Pegida und der welt­weiten Arti­ku­la­tion von Ressen­ti­ments und Hass gegen andere Welt­an­schau­ungen.

Die jüdischen Filmtage, die dieses Jahr zum sechsten Mal statt­finden, wenden sich mit eine feinen Auslese von Filmen, die sich thema­tisch mit Frage­stel­lungen des Judentums befassen, an das Münchner Publikum. Besonders günstig scheint in diesem Fall, um nicht, wie man so sagt, „im eigenen Saft zu schmoren“, dass von den acht Film­vor­stel­lungen auch ein paar in regulären Kinos abge­halten werden. Zu recht, denn das Programm kann sich neben den inhalt­li­chen Theme­stel­lungen auch cine­as­tisch sehen lassen.

Einer der Meilen­steine des Doku­men­tar­film­schaf­fens der letzten Jahre wird mit dem letzten Film von Claude Lanzman, Der Letzte der Unge­rechten, präsen­tiert. Lanzmann, bekannt geworden durch seinen bahn­bre­chenden Doku­men­tar­film Shoah hatte im Zuge der Dreh­ar­beiten zu diesem Film auch längere Inter­views mit dem Wiener Rabbiner Benjamin Murmel­stein geführt. Im Zentrum der konz­en­trierten Gespräche steht dessen ambi­va­lente Rolle als hoch­ran­giger jüdischer Funk­ti­onär während der NS-Zeit und seiner Rolle als »Judenäl­tester« des Ghettos There­si­en­stadt.

Lanzmann lässt während des fast vier­stün­digen Films immer wieder zu, dass Murmel­stein ihn mit seinen Darstel­lungen geradezu überrollt. Erst langsam tun sich Erosionen in dessen Worten auf, bis Lanzmann ihm als gleich­be­rech­tigter und vor allem auch streit­barer Gesprächs­partner gegenüber­sitzen kann. Der Letzte der Unge­rechten ist nicht nur ein Stück span­nender Geschichte, sondern bereitet auch intel­lek­tu­elles und, ange­sichts der Aufnahmen aus den späten 70er, frühen 80er Jahren, die ein schönes Bildkorn des 35mm-Materials bereit­halten, auch filmisch-ästhe­ti­sches Vergnügen. (So., 18.01., 12:00 Uhr, Jüdisches Gemein­de­z­en­trum)

Den Anwärter auf den Ausland­soscar, Get – Der Prozess der Viviane Amsalem, ist ein span­nendes Kammer­spiel über ein Phänomen der Gesell­schafts­ord­nung Israels. Dort gibt es weder die zivile Ehe, noch deren Scheidung. Eine Ehe kann nur dann aufgelöst werden, wenn ein reli­giöses Gericht zustimmt. Das letzte Wort hat dabei jedoch der Ehemann, der damit sogar über dem Richter steht. Ronit Elkabetz, die man als Schau­spie­lerin in einer verfüh­re­risch selbst­be­wussten Rolle aus Die Band von nebenan kennt, hat ein packendes Drama geschaffen, das nun auch regulär im Kino zu sehen ist. (Mo., 19.01., 19:00 Uhr, in Anwe­sen­heit von Rabbiner Steven E. Langnas, Wieder­ho­lung am Di., 20.01., 16:20 Uhr, beide Vorstel­lungen OmU; Monopol)

Hannelore Elsner brilliert in Auf das Leben! als ehemalige Cabaret-Sängerin Ruth Weintraub, die im Zuge einer Zwangs­räu­mung ihrer Wohnung in ein Senio­ren­heim abge­schoben wird, einen Selbst­mord­ver­such unter­nimmt und in der Psych­ia­trie wieder aufwacht. »Als Kind wollten sie mich umbringen, jetzt tun sie alles, damit ich mir nichts antue«, so ihr lakonisch-verzwei­felter Kommentar, nur ein Beispiel für den beißenden Witz, der den Film durch­zieht. (Di. 20.01., 19:00 Uhr, Jüdisches Gemein­de­z­en­trum)

Einen großen histo­ri­schen Bogen schlägt die Doku­men­ta­tion Granach der Jüngere, herrlich verball­hor­nend den fast gleich­na­migen Renais­sance-Maler. »Der Jüngere« meint hier den 83-jährigen deutsch-jüdischen Enter­tainer Gad Granach, Sohn des aus Galizien stam­menden Schau­spie­lers Alexander Granach, der 1922 in Murnaus Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens mitge­wirkt hatte. Der nach Israel emigrierte Gad Granach kehrte nach über 50 Jahren für den Film nach Hamburg und Berlin zurück und erinnert sich an die Goldene Zeit, die eine rege intel­lek­tu­elle und künst­le­ri­sche war: Hermann Hesse, Bertholt Brecht und Heinrich George waren in seinem Eltern­haus regel­mäßige Gäste. (Do., 22.01., 19:00 Uhr, Jüdisches Gemein­de­z­en­trum)

Den Spuren jüdischer Geschichte in München geht der Doku­men­tar­film Für die Ewigkeit nach. Er ist eine Begehung des Alten Israe­li­ti­schen Friedhofs Münchens an der Thal­kirchner Straße und zeichnet dessen Werdegang nach, durch die dunk­lesten Kapitel der Münchner Stadt­ge­schichte bis zu den heutigen mit Sorgfalt betrie­benen Restau­rie­rungen. (So., 01.02., 17:00 Uhr, Jüdisches Gemein­de­z­en­trum)

Anschließend empfiehlt sich ein Spazier­gang über den Friedhof. Mit einem ganz neuen Blick auf die Stadt.

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6. Jüdische Filmtage, 14.01.-08.02.2015, Jüdisches Gemein­de­z­en­trum, St.-Jakobs-Platz 18. Teilweise Voran­mel­dung erbeten unter 089 / 202400-491 oder per Mail. Mehr Infor­ma­tionen und das Programm mit allen Spiel­daten gibt es hier.

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