06.11.2014

Wir sind jung, stark und wir brauchen das Geld

48. Hofer Filmtage
Es geht auch ohne Fördergelder: Timm Krögers Zerrumpelt Herz

Am Brat­wurs­täquator des deutschen Films: Nachlese von den 48. Hofer Filmtagen

Von Rüdiger Suchsland

Ein Hams­terrad. Es dreht und dreht sich und in ihm rast wie um sein Leben ein kleines Nagetier. Solche Räder haben es, neben dem Charme der puren Bewegung, an sich, dass man sich als Betrachter irgend­wann fragt, ob es wirklich das Tier ist, das da das Rad antreibt, oder nicht viel mehr ein Tier versucht, mit dem sich immer schnel­leren Rad Schritt zu halten. System oder Indi­vi­duum, was entscheidet am Ende? Das ist überhaupt die Frage in Christoph Hoch­häus­lers neuem Film Die Lügen der Sieger, einem der inter­es­san­testen Beiträge im dies­jäh­rigen Programm der Hofer Filmtage, die seit 48 Jahren vom unver­wüst­li­chen Leiter Heinz Badewitz in der immer gleichen Kombi­na­tion aus Kino, Bratwurst, Fußball und Charme veran­staltet werden. Hier zumindest fallen System und Indi­vi­duum in eins.

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Die Lügen der Sieger erzählt von einem inves­ti­ga­tiven Jour­na­listen, der für ein »Hamburger Magazin« poli­ti­schen Skandalen in der Berliner Republik auf der Spur ist. Er beschwört zwar mitunter das Pathos des unbe­stech­li­chen inves­ti­ga­tiven Jour­na­lismus, ist aber alles in allem keines­wegs ein Wieder­gänger von Robert Redford Figur in Allan J. Pakulas All the President's Men, dessen Pathos Hoch­häusler ebenso zitiert wie seine inhärente Paranoia. Eher erinnert dieser Fabian Groys (Florian David Fitz) an seinen Namens­vetter, den Titel­helden von Erich Kästners »Fabian«, einem Jour­na­listen im Berlin der Weimarer Republik: ein Gleich­gül­tiger, ein Flaneur durchs eigene Leben, ein Spiel­süch­tiger, der auch mit sich selbst und seinen Mitmen­schen spielt, und dem in merk­wür­diger Weise die Boden­haf­tung fehlt. Es ist seine Arbeit, die den Takt seines Daseins vorgibt, und Fabian überhaupt in gewisser Weise am Leben erhält. Ruhe findet er nur beim Blick auf sein Haustier im Hams­terrad. Die luftige Kühle dieser Haupt­figur kontras­tiert Hoch­häusler mit über­hit­zten Bildern aus Spiel­höllen und Fecht­kämpfen, die Fabian besucht, Fahrten im Porsche-Oldtimer durch den urbanen Dschungel und kurzen flir­renden Großstadt-Passagen, die nicht von ungefähr an Ruttmans Berlin-Sympho­nien erinnern. Neusach­lich ist auch das Vorgehen einer Lobby-Agentur, die aus dem Hinter­grund für die Industrie die Strippen zieht, und Fabian so lange entspre­chende Infor­ma­tionen zuspielt, bis der mediale und damit auch der poli­ti­sche Konsens fabri­ziert ist. Hoch­häusler komplexer, hervor­ra­gend gefilmter Film inter­es­siert sich dafür, wie man Eindrücke zu einer Erzählung verdichtet, für Wirk­lich­keit als Konstruk­tion. Der Regisseur stellt die Frage, was eigent­lich wirklich ist? Man kann ihm vorwerfen, dass es Wahr­heits­an­sprüche allzu leicht­fertig preisgibt, dass er mit dieser sehr allge­meinen Form der Kritik feine, aber entschei­dende Unter­schiede eher verwischt, und der Paranoia des Publikums auch Vorschub leistet, dass sein Gegen­ent­wurf auf die Aussage hinaus läuft, dass man nichts mehr glauben soll, was in der Zeitung steht. Man kann über einiges in Hoch­häus­lers Film streiten, aber Die Lügen der Sieger ist gerade dadurch einer der unum­strit­tenen Höhe­punkte der Hofer Filmtage. Der Film stellt schon einmal die richtigen Fragen, und seine Antworten fordern heraus.

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Reprä­sen­tativ ist der Film für ein zuneh­mendes Interesse an Stoffen und Storys, die versuchen, den gras­sie­renden Priva­tismus des deutschen Films hinter sich zu lassen, und gesell­schafts­po­li­ti­sche Themen ins Zentrum zu rücken, und ohne Rück­sicht­nahmen, schnelle Antworten oder wohlfeile Bana­li­sie­rung zu behandeln. So auch Dominik Grafs zorniger Polizeiruf Smoke on the water, der in einem längeren und härteren Director's Cut gezeigt wurde, der den Film endgültig in ein Zwischen­reich aus Funny Games und Mario Bava rückt. Wie Hoch­häusler zeigt Graf ein Deutsch­land, das den Mächtigen zur Beute geworden ist. Demo­kratie ist nur noch der Name fürs Mani­pu­la­ti­ons­spiel und der Film ein Beispiel für jene »guten schlechten Filme«, die Graf seit Jahren einfor­dert.

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Dies ist Burhans Quarbanis (»Shahada«) zweiter Spielfilm Wir sind jung. Wir sind stark, der die Filmtage eröffnete, etwas zu wenig, auch wenn das Ergebnis seiner Zeitreise in den August 1992 ähnlich pessi­mis­tisch ausfällt: Damals herrschte in jener verhäng­nis­vollen Nacht in Rostock-Lich­ten­hagen Bürger­krieg: Auslän­der­feind­liche Ausschrei­tungen eska­lierten, und ein frus­trierter, aufge­het­zter, aber auch sich selbst hoch­schau­kelnder Mob stürmte ein Asyl­be­wer­ber­heim, steckte das Gebäude an, in dem noch über 150 Menschen Schutz suchen, und nur durch glück­liche Zufälle wird niemand ermordet. Quarbani erzählt angelehnt ans reale Geschehen, aber fiktional und in meist schwarz­weißen Bildern, die an das Banlieu-Drama La haine erinnern sollen und zusät­z­lich verfremden. Seine Stärken liegen in der Erin­ne­rung an die Abläufe jenes verhäng­nis­vollen Woche­n­endes, auch wenn manche offene Frage ungeklärt bleibt. Sie liegen auch im Hand­werk­li­chen, in Schnitt, Kamera und Produk­tion, die ein inten­sives, pulsie­rendes Drama schaffen, das die histo­ri­schen Ereig­nisse nicht verrät, sie aber erweitert.

Das Ensemble mischt Newcomer wie Jonas Nay oder Trang Le Hong mit bekann­teren Namen wie Saskia Rosendahl (Lore) und David Striesow, und überzeugt, sieht man einmal von dem über­agie­renden Joel Basman ab, dem sein Regisseur viel zu viel Freiraum gab, mit dem Ergebnis, dass er als knall­char­giger Zappel­philipp zum Klischee eines Schau­spie­lers gerann – was von der Menge erwartbar für höchste Darstel­lungs­kunst genommen und mit Sonder-Applaus bedacht wurde, während nicht nur ich immer aufatmete, wenn er endlich wieder nicht mehr im Bild war.

Stärke ist nicht zuletzt schließ­lich die brennende Aktua­lität des Gesche­hens. Die rührt nicht vom 25. Jubiläum des Mauer­falls, wie manche sagten, sondern vom rechten Terror. Mit viel Unter­s­tüt­zung der Bevöl­ke­rung wurde der Film 2013 in Halle gedreht. Quarbani bemüht sich, das Lebens­ge­fühl der Betei­ligten authen­tisch zu fassen. Viel­leicht mit etwas zu viel Empathie. Regie und Drehbuch sind die Schwächen dieses Films, der sich nicht recht entscheidet, ob er von rechts­ex­tremen Taten erzählen will oder einfach vom Lebens­ge­fühl Jugend­li­cher. Aus Nähe wird das vermengt, und manchmal ein paar Entschul­di­gungen zuviel angeboten. Aktuell wird der Stoff aber durch seine Anspie­lungen auf den Terror der NSU. Es ist kein Zufall, dass Quarbani auch eine Frau zwischen zwei Männern ins Zentrum rückt, und den Faschismus seiner Figuren aus sexuellen Span­nungen ebenso erklärt, wie aus sozialem Frust und destruk­tiver Energie.

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Diese Eröffnung setzte den Akzent auch für viele andere Filme: Erkennbar gibt es den Wunsch vieler Regis­seure, poli­ti­sche und gesell­schaft­liche Stoffe zu behandeln, und der Enge der Herz-Schmerz-Themen zu entkommen, die inzwi­schen auch das Publikum nicht mehr sehen will.

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Immer noch gibt es im deutschen Kino jenseits weniger Auto­ren­filme und viel Konfek­tion auch Filme, die völlig ohne TV-Sender und Förder­geld entstanden. Sie zeigen, was möglich wäre, würden Gremien neugie­riger entscheiden, oder einfach durch Auto­ma­tismen ersetzt. Der mit Abstand beste von ihnen ist  Zerrum­pelt Herz, das Regie­debüt des Film­stu­denten Timm Kröger. Auch dies eine Zeitreise, aber ins Jahr 1929: In einem roman­ti­schen Wald entspinnt sich um eine Handvoll Menschen ein Kammer­spiel, das zum Melodram wird, und in ein surreales Szenario mündet, das in seiner Rätsel­haf­tig­keit an Anto­nionis »L'Avventura« denken lässt. Voller Anspie­lungen auf deutsche Kultur­ge­schichte und Präna­zismus, auf die »Deutsche Trilogie« Viscontis und die Malerei de 19. Jahr­hun­derts, malt Kröger immer wieder Sehn­suchts­bilder, die sich zu einem mitunter perfekten Film-Tableau fügen, zu einer visuellen Medi­ta­tion über Deutsch­land, der man unbedingt einen Kinostart wünschte.

Den wünscht man auch Nadines Heinzes und Marc Diet­schreits Das fehlende Grau – wegen seiner Haupt­dar­stel­lerin Sina Ebell. Sie trägt den Film in der Rolle einer Border­li­nerin, die in fremde Leben eindringt. Wie Claudia Müllers Studen­ten­ar­beit »Haus­be­suche« war dies einer der diesmal auffal­lend wenigen Filme von einer Regis­seurin.

Auch diese neue Kino-Frau­en­frage spielte in den Hofer Gesprächen eine Rolle. Doch wurde sie wie jede noch inter­es­sante künst­le­ri­sche oder poli­ti­sche Debatte über­schattet von der mise­ra­blen ökono­mi­schen Ausstat­tung des deutschen Films: Es starten mehr deutscher Filme denn je, zugleich werden Regis­seure und Produ­z­enten ausge­beutet, Verleiher hängen am Tropf der Förderung. Auch dies ein Hams­terrad – und jetzt kürzt Rot-Grün auch noch die NRW-Film­för­der­gelder. System killt Indi­vi­duum: Dem deutschen Kino droht ein Winter des Miss­ver­gnü­gens.

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Die Hofer Filmtage mit ihren spezi­ellen Ritualen – den obli­ga­to­ri­schen frän­ki­schen Rost­brat­würsten, dem Fußball­spiel am Samstag, den lakonisch-verspon­nenen Ansagen seines ewigen Direktors Heinz Badewitz – sind seit knapp einem halben Jahr­hun­dert so etwas wie der Bratwurst-Seis­mo­graph des deutschen Kinos, eine vorz­ei­tige Jahres­bi­lanz zum Ende der Saison. Sie fällt in diesem Jahr durch­wachsen aus: Zu vielen Produk­tionen stehen wenig inter­na­tio­naler Erfolg und finan­zi­elle Sorgen entgegen. Das Kino hat zwar zur Wirk­lich­keit viel zu sagen, aber das Publikum will es nicht hören, will lieber in künst­liche Welten entführt werden. Die Konsens­fa­brik beginnt im Kopf.

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