25.09.2014

¡Viva Méjico!

José Luis Valles »Workers«
José Luis Valles Workers

Die Auswahl der Latein­ame­ri­ka­ni­schen Filmtage München 2014 mutet Wahr­heiten zu, ohne den Humor zu vergessen

Von Natascha Gerold

Erst vor Kurzem hat man ihn wieder gehört. El grito – den Ruf, der den Natio­nal­fei­ertag Mexikos am 15. September charak­te­ri­siert. 1810 ließ ihn der Priester Miguel Hidalgo mit seiner Kirchen­glocke ertönten, ihm folgten die Revo­lu­ti­onäre und begehrten gegen die spanische Kolo­ni­al­macht auf. Und heute, 204 Jahre später? Da übernimmt ein Präsident ohne Ecken und Kanten aber mit zwei­fel­hafter Vergan­gen­heit am Unab­hän­gig­keitstag das Ritual des »el grito«.

Zum Glück sind da noch andere Rufer. Wie einst Hidalgo appel­lieren viele mexi­ka­ni­sche Filme­ma­cher mit ihren Werken an das Selbst­be­wusst­sein ihrer Lands­leute, zeigen Miss­stände auf, bewegen Menschen und zeitigen mitunter über­ra­schende Verän­de­rungen. Einiges davon kann man bei den Latein­ame­ri­ka­ni­schen Filmtagen sehen, die heuer Mexiko als Schwer­punkt­land ausge­wählt haben. Ermu­ti­gung ist viel­leicht nicht das Erste, was einem bei dem Doku­men­tar­film Cuates de Australia – Drought (Do., 02. 10. 21 Uhr, VSB Gasteig/Fr., 03. 10. 19 Uhr, VSB Gasteig) von Everardo González einfällt. Mit ergrei­fenden, mythisch anmu­tenden Bildern zeigt er den alljähr­lich wieder­keh­renden Über­le­bens­kampf einer kleinen Dorf­ge­mein­schaft während der Dürre im nörd­li­chen Staat Coahuila. Doch eben nicht nur das: Er porträ­tiert sie als Helden, die beim ersten Regen in ihre Heimat zurück­kommen. Gleich­wohl kein poli­ti­scher Film, hat González ein Problem­be­wusst­sein geschaffen, das den Bewohnern mitt­ler­weile einen Brunnen und fließend Wasser bescherte – die Suche nach dem „blauen Gold“ hat also vorerst eine Art Happy End. Auch Blanca Aguerre erweist in ihrem sehr persön­li­chen und humor­vollen Doku­men­tar­film Lupe el de la vaca (Sa., 27. 09. 18 Uhr, VSB Gasteig/So., 28. 09. 18 Uhr, VSB Gasteig), der die Latein­ame­ri­ka­ni­schen Filmtage eröffnet, jenen die Ehre, die trotz widrigster Umstände beharr­lich und voller Stolz an ihrem land­wirt­schaft­lich geprägten Leben in der Sierra del Tigre fest­halten.

Einen mutigen Weckruf stießen vor sieben Jahren Alejandra Sánchez und José Antonio Cordero mit ihrem Doku­men­tar­werk Bajo Juárez: La ciudad devorando a sus hijas (Mo., 29. 09. 20.30 Uhr, VSB Gasteig/Mi., 01.10. 20.30 Uhr, VSB Gasteig) aus. Eindring­lich weisen sie darin auf tausende Ermordete in der Stadt Juárez nahe der US-ameri­ka­ni­schen Grenze hin – über­wie­gend junge Frauen, die einst zwecks Arbeit in den soge­nannten Maqui­ladoras, den Klein­firmen, die für die Verei­nigten Staaten produ­zieren, in die Stadt kamen und dort Opfer von brutalsten Gewalt­exz­essen der örtlichen Drogen­kar­telle wurden. Behörden und Polizei schauen weg, sabo­tieren saubere Aufklä­rungs­ar­beit. Und wie bei Everardo González zeigte der Ruf Wirkung: Menschen protes­tierten, der damalige Präsident Fox richtete eine Abteilung für Sonder­er­mitt­lungen, die aller­dings vom Nach­folger Calderón wieder einge­stellt wurde. Die pinken Kreuze zum Gedenken an die Opfer stehen jedoch immer noch in Su árez.

Gewöhn­liche Menschen, denen extreme, aber durchaus mögliche Dinge wider­fahren – sie entspringen der Figu­ren­gal­lerie des einfalls­rei­chen Auto­ren­fil­mers José Luis Valle, der mit seiner vielfach ausgez­eich­neten tief­schwarzen Komödie Workers (Sa., 27. 09. 21.00 Uhr, VSB Gasteig/Di., 30. 09. 20.30 Uhr, VSB Gasteig) und dem mini­ma­lis­ti­schen, dafür umso effekt­vol­leren Schwarz-Weiß-Drama Las Búsquedas – The Searches (So., 28.09. 20.00 Uhr, VSB Gasteig/Freitag, 03.10. 21 Uhr, VSB Gasteig) zweimal bei diesen Filmtagen vertreten ist. Die Charak­ter­kon­stel­la­tion in beiden Filmen klingt ähnlich, ist es aber nicht: Während sich bei Workers Held und Heldin auf unter­schied­lich Art gegen absurde Unfair­ness am jewei­ligen Arbeits­platz wehren und sich dabei selbst neu entdecken, versuchen in Las búsquedas Mann und Frau, die der Zufall zuein­ander gebracht hat, den ihnen zuge­fügten Schmerz mit Hilfe des jeweils anderen zu lindern – Ausgang ohne Gewähr und in beiden Fällen intel­li­gente, nach­denk­lich stimmende Fiktion.

Eine Hommage und eine Premiere sind die beson­deren Höhe­punkte der dies­jäh­rigen Latein­ame­ri­ka­ni­schen Filmtage: dem berühmten mexi­ka­ni­schen Kame­ra­mann Gabriel Figueroa ist ein Abend im Instituto Cervantes gewidmet, wo, bei freiem Eintritt, ein Gespräch mit Film­ex­perte Peter B. Schumann und das filmische Porträt Miradas Múltiples (Mo., 29.09. 19.30 Uhr) von Emilio Maillé einen Überblick über Figueroas eindrucks­volles Schaffen und Wirken geben. Erstmalig in Deutsch­land wird Post Tenebras Lux (Di., 30. 09. 20.15 Uhr, Werk­statt­kino/ Mi., 01.10. 20.15 Uhr, ebenda) von Carlos Reygadas zu sehen sein, der ihm in Cannes 2012 den Regie­preis einbrachte. Ein wohl­ha­bendes Paar, das die Stadt satt hat und auf dem Land nach neuen Hori­zonten sucht, bildet die Rahmen­hand­lung des zum Teil auto­bio­gra­phisch geprägten Spiel­films. Blockaden west­li­cher Zivi­li­sa­tion, unmensch­liche Bruta­lität, kindliche Unmit­tel­bar­keit und Zärt­lich­keit sind keine Gegen­sätze, sondern Elemente einer Collage. »Das Gehirn geht immer auf Reise«, sagt Reygadas und folgt somit keinem cine­as­ti­schen Code, sondern seinem Bewusst­seins­strom, der mehr betrachtet als erzählt. Der »Realismus des neuen Jahr­tau­sends«, den Kritiker Reygadas schon beschei­nigten, zeigt sich diesmal magisch-manisch.

Die Latein­ame­ri­ka­ni­schen Filmtage München von 27. September bis 3. Oktober finden im Gasteig, im Vortrags­saal der Stadt­bi­blio­thek und im Werk­statt­kino statt. Letzteres zeigt unter anderem auch das Special BUÑUEL IN MEXIKO (Mo. und Do. jeweils um 20.30 Uhr und Mo. bis Do. um 22.30 Uhr). Weitere Infor­ma­tionen und das Programm­heft gibt es unter www.latein­ame­ri­ka­nis­che­film­tage-muenchen.de

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