31.07.2014

»Ich bin eine Frau mit Vergangenheit. Mit Vergangenheit in bewegter Zeit...«

Leander
Erfolgreichster deutscher Film aller Zeiten: Zarah Leander in Die große Liebe

Die Reichs-Femme-Fatale: Ein ARD-Film erinnerte an den Ufa-Star Zarah Leander – ein Fern­seh­tipp

Von Rüdiger Suchsland

Sie war weder die »Reichs­was­ser­leiche« noch die »Reichs­glet­scher­spalte«. Der Witz des soge­nannten »Volks­munds« im Dritten Reich ist keines­wegs so einfach »subversiv« wie man das seit den Fünf­zi­gern gern gehabt hätte, Und diese beiden Bezeich­nungen für Kristina Söderbaum und Leni Riefen­stahl sind ja auch nicht nur sarkas­tisch, zeigen ja nicht nur Distan­zie­rung von der mörde­risch-dikta­to­ri­schen Macht, sondern in der Phantasie ihrer Bildkraft auch kaum unter­drückte Gewalt. Zugleich aber liegt in diesen Namens­ge­bungen die Gewiss­heit, dass Söderbaum und Riefen­stahl, wie dumm oder gerissen sie auch sein mochten, in jedem Fall dazu gehörten. Zarah Leander gehörte nicht dazu. Nicht so jeden­falls.

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Aber anders eben schon. Viel­leicht war sie eine »Durch­halte-Diva« wie Dieter Bartezko sie in der FAZ genannt hat, viel­leicht doch eher die Reichs-Femme-Fatale. Ihre Fremdheit verband sie aber auch wieder mit dem Volk, für das sie sang und spielte, deren Unter­be­wusst­sein sie fraglos berührte. Es war ein Deal auf Gegen­sei­tig­keit: Ihre schwe­di­sche Natio­na­lität erlaubte der Leander Rollen zu spielen, die keine Deutsche spielte, gab ihr Sicher­heit und Freiheit. Zugleich schenkte sie dem deutschen Kino Inter­na­tio­na­lität, dem Spießer­pu­blikum Über­schrei­tung, wenn auch unge­fähr­liche. Sie war die, die nicht in Hollywood war, sondern in Babels­berg, die zweite deutsche Garbo.
Einen guten Anlass, sich mal wieder mit Zarah Leander, die so oder so wie manche wichtige Figuren des deutschen Kinos zu Unrecht vergessen ist, zu beschäf­tigen bot jetzt ein ARD-Film, der noch eine Weile im Netz nach­ge­holt werden kann: Die Akte Zarah Leander lief am vergan­genen Montag im Ersten. Darin wird die Geschichte der Schwedin, reka­pi­tu­liert, mit viel Wohl­wollen, viel Mythos und ein wenig Kolpor­tage, viel hellen und einigen grauen Tönen, während man sich als Zuschauer die richtig schwarzen Seiten eher selber erar­beiten muss – es aber auch kann, denn der Film breitet das Material ausführ­lich genug aus.

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Eine Oppor­tu­nistin wie viele, die in Schweden Anti­na­zi­lieder sang, in Moskau Kommu­nis­ti­sches, und in Berlin eben, was die dortigen neuen Herren gern hörten. Für die es mit dem Hollywood-Vertrag nach miss­glücktem Casting nicht geklappt hat. Viel­leicht genügt es schon, sie zu hören mit ihrer dunklen Stimme, den männ­li­chen Unter­tönen ihrer Auftritte, um sich an Visconti, an Wert­müller und an Vincente Minellis Vier Reiter der Apoka­lypse zu erinnern und noch einmal über den Zusam­men­hang von Faschismus und Homo­erotik nach­zu­denken.

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Es gibt insgesamt zu viel Gnade hier: So darf Leanders Edel-Fan, der inzwi­schen 78-jährige Paul Seiler, der inzwi­schen nicht weniger als fünf Bücher über das Objekt seiner Leiden­schaft in renom­mierten Verlagen veröf­fent­licht hat, einmal mehr seine anek­do­ti­schen Lobes­hymnen verbreiten. Kein Histo­riker kommt zu Wort und für (gedämpft) Kriti­sches bleibt allein Georg Seeßlen zuständig. Dafür fehlt dann alles über Wirkung und Funktion der Filme, darüber wie ein Werk wie Die große Liebe von 1942, den man auf YouTube komplett gucken kann, und in dem die Leander vor schun­kelnden SS- und Wehr­machts­uni­for­mierten ihren mindes­tens im aktuellen Zusam­men­hang doppel­bö­digen Durch­halte-Schlager »Davon geht die Welt nicht unter« singt, zum erfolg­reichsten deutschen Film aller Zeiten werden konnte.
Vor allem aber darf sie im Film unglaub­liche Sätze sagen, wie den: »Der Goebbels war hoch­in­ter­es­sant. Und was er sonst gemacht hat, ist nicht meine Sache.« Völlig unkom­men­tiert, weil man wohl glaubt, das spräche für sich selber.

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Es gibt also eine Tendenz in diesem Film bei Zarah Leander Gnade vor Analyse ergehen zu lassen. Offenbar hat sie nach Ansicht der Autoren derartige Schut­z­me­cha­nismen nötig. Aber wie in Zarah Leanders Liedern, wo die eigent­liche Aussage zwischen den Zeilen liegt, kommt es auch hier zu einem typischen Double-Bind-Effekt: Hinter dem Gesagten wird das eigent­lich Gemeinte um so sicht­barer.
Und es wird sehr deutlich, dass die Leander Dinge verkör­perte, die essen­tiell faschis­tisch waren, dass sie ans Unter­be­wusste der Täter rührte, Männer wie Frauen, und augen­win­kernd an ihr Vers­tändnis appel­lierte, ein Verstehen ohne Worte jenseits de Liedtexte. So wie auch Hitler seine größten Wahr­heiten augen­zwin­kernd und zwischen den Zeilen seiner Reden unters deutsche Volk brachte. So wie Hitler in unserer Politik steckt, bis heute, und dort allen­falls irgend­wann einmal ausge­trieben werden kann, wenn man den Sach­ver­halt, dass da ein Problem existiert, zugibt, so steckt Zarah Leander auch im deutschen Kino.

Die Akte Zarah Leander lief am vergan­genen Montag, 29.7.2014, um 23.20 Uhr im Ersten, und ist noch mehrere Tage in der ARD-Mediathek zur Ansicht verfügbar. Wer weiß, wie es geht, kann den Film auch herun­ter­laden. Außerdem wird er während der nächsten Tage auf mehreren Spar­ten­kanälen des ARD-Netzwerks wieder­holt.

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