29.05.2014

Endlich an der Reihe

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
The Iranian Film – Gelungenes Beispiel für die blühende iranische Filmproduktion

Genreüber­grei­fende, inno­va­tive Fiktionen, brisante und ideen­reiche Doku­men­tar­filme – CINEMA IRAN zeigt Kino mit Allrad­an­trieb aus dem vorder­asia­ti­schen Land

Von Natascha Gerold

Sie wollten ihrer Lebens­freude Ausdruck verleihen und tanzen. Genau wie Millionen anderer junger Menschen, die ihre eigenen Versionen von Pharell Williams Feelgood-Stück „Happy“ per YouTube durch wie Welt schickten. Mitt­ler­weile sind die sechs Tänzer, drei junge Männer und drei junge Frauen aus Iran, wieder auf freiem Fuß, nachdem sie von der örtlichen Polizei nach Veröf­fent­li­chung des „vulgären Clips im Cyber­space“ inhaf­tiert wurden. „‘Happy‘ war ein Vorwand, glücklich zu sein. Wir haben jede Sekunde der Dreh­ar­beiten genossen“, war im Abspann des Videos zu lesen.

»Wir wollen frei sein. Frei in der Wahl, was wir glauben, was wir für Kleidung tragen, das Recht auf Lebens­freude.« Diese Worte Arash Sobhanis, dem Sänger und Frontmann der irani­schen Blues­rock­band Kiosk, klingen wie ein Kommentar der aktuellen Ereig­nisse um die tanzenden Jugend­li­chen. Sie stammen aus dem Doku­men­tar­film Kiosk – A Gene­ra­tion Destroyed by Madness (Fr., 30.5. 19.30 Uhr) von Ala Mohseni, in dem die Geschichte der sozial- und regime­kri­ti­schen Gruppe nach­gez­eichnet wird: von ihren Under­ground-Anfängen in den provi­so­ri­schen Räum­lich­keiten in Teheran und ihrer Popu­la­rität trotz unmög­li­cher Arbeits­be­din­gungen, bis zur Emigra­tion der Band­mit­glieder und ihrem heutigen Schaffen im Exil.

Wie unfrei iranische Künstler im Alltag sind, erfahren wir aus den Nach­richten. Wie frei und voller Ideen sie in ihren Köpfen sind, sprich welche Schaf­fens­kraft und welcher Einfalls­reichtum sie ausz­eichnet, sehen wir beim irani­schen Film­fes­tival CINEMA IRAN, das zum ersten Mal in München statt­findet. Höchste Zeit wurde es für eine solche Reihe, sind iranische Filme­ma­cher schon seit Jahrzehnten für ihre oft bahn­bre­chenden Werke bekannt. Doku­mentar- und Spiel­filme aus und über Iran, sowie Video­kunst und eine Ausstel­lung von Samira Eskan­darfar – die Macher von CINEMA IRAN packen vier Tage voll mit einer sorgsam ausge­wählten, abwechs­lungs­rei­chen Mischung, die gleichz­eitig eine klare thema­ti­sche Struktur aufweist.

Die Isla­mi­sche Revo­lu­tion ist Schwer­punkt einiger Doku­men­tar­filme, die zu sehen sein werden. In ihnen hält die Gene­ra­tion Rückschau, die 1978/79 noch klein oder gerade geboren war. Dazu gehören die Mitglieder von Kiosk, die im oben genannten Film unter anderem auch von ihrer Kindheit in Iran erzählen, oder die fünf jungen Erwach­senen aus Jaška Klockes Film Omid ist mein Name – und der steht für Hoffnung (Fr., 17.30 Uhr), die in Deutsch­land aufge­wachsen sind, nachdem ihre Eltern in den 1980er-Jahren als Dissi­denten verhaftet oder hinge­richtet wurden. Trauer, Wut, aber auch die Hoffnung auf Über­win­dung der krisen­haften Zerris­sen­heit eint die Erzäh­lenden.

1978 war auch das Jahr der Revo­lu­tion, in dem im ganzen Land die Kinosäle brannten. Allein beim Anschlag im Cinema Rex in Abadan starben weit über 400 Menschen in den Flammen. Anhand von Origi­nal­ma­te­rial beleuchtet Moham­madreza Farzad in seinem Doku­mentar-Kurzfilm Blames and Flames (Sa, 17.30 Uhr) die Umstände dieser Attacken, zeigt, wie Kino und Film­wirt­schaft immer mehr zum Politikum wurden und welche Folgen dies für die Nutzung von Medien beim Publikum hatte.

Dass der Rückgriff auf Realität noch span­nender als die wildeste Fiktion sein kann, haben Jafar Panahi, Mohse und seine Tochter Samira Makhmalbaf oder Abbas Kiaro­stami schon im vergan­genen Jahr­hun­dert bewiesen. Die Nach­stel­lung tatsäch­li­cher Ereig­nisse, das Eindringen der Wirk­lich­keit in die gespielte Realität generiert eine faszi­nie­rende Komple­xität. Ganz diesen irani­schen Vorbil­dern gemäß will der marok­ka­ni­sche Film­stu­dent Yassine El Idrissi in The Iranian Film (So., 17.30 Uhr) eine Polit­sa­tire in seiner Heimat drehen. Schnell verlagert sich der Fokus vom ursprüng­li­chen Vorhaben auf die Produk­ti­ons­be­din­gungen in Marokko, die von Unver­s­tändnis, Korrup­tion und Selbst­z­ensur geprägt sind – eine entlar­vende humorvoll-hinter­sin­nige Hommage an das iranische Kino. Um so viel mehr als es auf den ersten Blick scheint, geht es auch in My Name ist Negahdar Jamali and I make Westerns (Sa., 19.30 Uhr) von Kamran Heidari. Es ist nicht nur das Porträt eines Western-Freaks aus Shiraz, der in seiner Liebe zum Genre seit 35 Jahren Amateur­spiel­filme ohne profes­sio­nelle Hilfe oder finan­zi­elle Unter­s­tüt­zung dreht. Ähnlich wie in dem beim DOK.fest 2012 gezeigten Doku­men­tar­film Moving Up von 2011, in dem Kami Balatar den dich­tenden Müllmann Shahriyar im irani­schen Kurdistan porträ­tiert, steht zum einen das künst­le­ri­sche Schaffen des Prot­ago­nisten im Vorder­grund: Während sich Jamali selbst­be­wusst ganz nach Art von John Ford vorstellt, sieht Shahriyar sich in der Tradition von Jack London. Zum anderen verschweigen beide Filme nicht den Tribut, den ihre jeweilige Hingabe fordert, sowohl von ihnen selbst als auch von ihrer Umwelt.

Die Leiden­schaft, die nicht zu lodern aufhört, unge­achtet dessen, ob sie Ruhm oder Verderben zur Folge hat – das verbindet den Amateur­fil­me­ma­cher Negahdar Jamali und den Profi Jafar Panahi. Letzterer wurde 2010 verur­teilt zu sechs­jäh­riger Gefäng­nis­strafe (bislang nicht verhängt) und 20-jährigem Berufs­verbot (verhängt). Und doch: nach This Is Not a Film von 2011 nimmt Panahi erneut das Wagnis auf sich und erzählt, diesmal mit seinem lang­jäh­rigen Wegge­fährten, Co-Regisseur und Darsteller Kambozia Partovi in dem Spielfilm Closed Curtain (So., 20.45 Uhr) die Geschichte eines schreib­blo­ckierten Dreh­buch­au­tors, der mit seinem Hund in einem Haus am Meer Zuflucht sucht und plötzlich merk­wür­digen Besuch erhält. Diesmal ist es keine Realität von außen, sondern Panahis Innen­leben – perso­ni­fi­zierte Furcht, Schmerz, Resi­gna­tion und Hoffnung – darge­stellt in komplexen fiktio­nalen Schichten, die die Handlung voran­treiben. „Arbeiten ist für ihn schwierig, aber nicht zu arbeiten noch schwie­riger“, so brachte Partovi die Situation Panahis bei der Berlinale auf den Punkt, wo Closed Curtain im vergan­genen Jahr gezeigt wurde.

Nicht minder beein­dru­ckend ist die übrige Spiel­film­aus­wahl von CINEMA IRAN: Jeder einzelne zeigt etwas, das es im Kino so noch nicht gegeben hat. Ob es die 2000 Kilometer noch nie zuvor gefilmten irani­schen Land­schaften sind, die der Visual-Effects-Spezia­list, Kame­ra­mann und Regiseur Mohammad Ghor­banka­rimi für den Eröff­nungs­film The Desert Fish (Do., 20.45 Uhr) für die Leinwand entdeckt hat, das inno­va­tive Spiel mit dem Zeit­be­griff in dem Horror­film Fish and Cat (Sa., 20.45 Uhr) von Shahram Mokri, der dem Zuschauer nicht die Chance lässt, die Puzzle­teile einfach zusam­men­zufügen oder die beiden Figuren Leyla und Kaveh in der schwarzen Komödie Modest Reception (Fr., 20.45 Uhr) von Mani Haghighi, die als Duo infernale durch die ländliche Berg­re­gion touren und Geldregen ohne Segen unter die Menschen bringen.
Sie alle sorgen für einen furiosen Auftakt des Cinema Iran, dem ein begeis­tertes Publikum zu wünschen ist.

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CINEMA IRAN – Irani­sches Film­fes­tival vom 29. Mai bis 1. Juni im Monopol-Kino am Nordbad; die Ausstel­lung der Werke von Samira Eskan­darfar ist bis 6. Juni in der gale­rieGEDOKmün­chen zu sehen. Weitere Infos unter www.cinema-iran.de und www.gedok-muc.de

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