08.05.2014

Flugblatt für aktivistische Filmkritik

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Faksimile des Legendären

Während der 60. Kurz­film­tage Ober­hausen haben die Mitglieder des Vorstands des Verbands der Film­kritik sich zusam­men­getan und ein mani­fes­t­ar­tiges Flugblatt verfasst, in dem sie eine »akti­vis­ti­sche Film­kritik« fordern und als »erste akti­vis­ti­sche Maßnahme« eine »Woche der Kritik« auf der Berlinale ankün­digen. Da sie nament­lich und nicht als Vorstand unterz­eichnet haben, ist dies nicht als neue Gene­ral­linie des Verbands der Film­kritik zu verstehen, sondern als ein Impuls, den sie persön­lich den Kriti­ker­kol­legen geben wollen, ein Impuls zur Debatte und zum Handeln.

Mitun­terz­eichner, aber auch Kritiker und Kommen­ta­toren sind will­kommen. Einfach eine Mail an web@vdfk.de schicken.

Hier der Wortlaut des »Flug­blatts für akti­vis­ti­sche Film­kritik«:

Wir blicken mit Sorge auf Film und Kritik.

Film­ver­leiher und Kino­be­treiber haben in den letzten Jahrzehnten das Programm­kino aufge­geben und es durch Arthouse ersetzt. Ein alter­na­tives Programm zum Main­stream gibt es fast nirgends mehr. Mit dem Arthouse hat sich ein konven­tio­nelles und formel­haftes Kino durch­ge­setzt – unter dem Vorz­ei­chen des angeblich guten Geschmacks. Abseits der Angebote der Verleiher bleibt der Kunst nur das Festival.

Festivals über­nehmen punktuell die Aufgabe von Programm­kinos. Gleichz­eitig wachsen ihre Legi­ti­ma­ti­ons­zwänge gegenüber Sponsoren, Verlei­hern und Förderern. Auch hier droht die Unter­wer­fung unter Markt­logik, Ziel­grup­pen­re­le­vanz und poli­ti­sche Inter­essen.

Freiräume müssen permanent erkämpft werden.

Parallel ist die Kritik in einer dras­ti­schen Zwangs­lage. Um zu reüs­sieren, muss sie das Denken an vorherr­schende Normen und Markt­ge­ge­ben­heiten anpassen. Dabei büßt sie ihren unab­hän­gigen Geist ein und wird zur Dienst­leis­tung. Eigen­s­tän­diges Denken wird von Reflexen abgelöst.

Wer das Denken abgibt, verliert die Fähigkeit, Beste­hendes in Frage zu stellen. Rahmen­be­din­gungen werden zum Alter­na­tiv­losen erklärt. Visionen werden aufge­geben. Die finan­zi­elle Perspek­tiv­lo­sig­keit darf nicht weiter in eine ideelle Anpassung münden.

Wer das Denken abgibt, lässt sich von Konsens und Kompro­miss verein­nahmen. Eine produk­tive Streit­kultur wird unmöglich. Kontro­versen und Debatten sind jedoch die Grundlage für die Entfal­tung von leben­digen Diskursen. Ohne Diskurs keine Kultur. Ohne Diskurs kein Wissen. Tatsäch­lich wird Unwis­sen­heit gefördert.

Die Kritik ist am Zug. In ihr schlum­mert auch heute noch das Potenzial, wage­mu­tige Posi­tionen zu erfor­schen. Sie muss ihren passiven Prag­ma­tismus über­winden und den Akti­vismus für sich wieder­ent­de­cken.

Wir sind bereit, indi­vi­duell und gemeinsam, eine akti­vis­ti­sche Kritik zu verfolgen.
Wir sind bereit, wirt­schaft­liche Risiken für sie zu tragen.

Akti­vis­ti­sche Kritik reflek­tiert ästhe­ti­sche Program­ma­tiken selbst dort, wo keiner danach fragt. Sie unter­sucht die gesell­schaft­li­chen Dimen­sionen von Werken auch dann, wenn sie nicht thema­tisch werden. Sie blickt neugierig auf das vermeint­lich Profane, vertei­digt das Lustvolle, verdammt das Abge­klärte. Sie negiert den Begriff einer „bloßen Unter­hal­tung«. Film und Kritik dürfen Spaß machen.

Akti­vis­ti­sche Kritik kommen­tiert kultur­po­li­ti­sche Zustände, deren Voraus­set­zungen und Limi­tie­rungen – auch dann, wenn dies keiner bestellt hat. Sie kontextua­li­siert Film in seinen Markt-, Produk­tions- und Förder­ge­ge­ben­heiten, um das Bewusst­sein für sie zu schärfen und aufzu­z­eigen, welche Perspek­tiven verstellt sind.

Akti­vis­ti­sche Kritik ist subversiv. Sie unter­wan­dert das auf den Lügen des Prag­ma­tismus errich­tete Gebäude. Sie setzt die Auto­ma­tismen von Gefäl­lig­keiten und Gefäl­ligem außer Kraft.

Akti­vis­ti­sche Kritik beschränkt sich nicht auf Verlaut­ba­rungen, sie begibt sich aufs Terrain. Sie gestaltet und stachelt an.

Als erste Maßnahme akti­vis­ti­scher Kritik begründen wir eine Woche der Kritik bei der Berlinale.
Den Miss­brauch der Film­kritik als Dienst­leis­tung nehmen wir nicht länger hin.

Ober­hausen, 04.05.2014

Dunja Bialas
Jennifer Borrmann
Frédéric Jaeger
Claus Löser
Dennis Vetter
Beatrice Behn
Kirsten Kieninger
Joachim Kurz
Harald Mühlbeyer
Wilhelm Skrjabin
Hans Stempel
Florian Vollmers
Rochus Wolff
Clara Wellner Bou
Erik Lemke
José Garcia
Stefanie Drechsel
Huan Vu
Sebastian Selig
Daniel Kothen­schulte
Carsten Spicher
Andreas Heiden­reich
Karola Gramann
Hannes Brühwiler
Heide Schlüp­mann
Christoph Wirsching
Elisabeth Maurer
Wilhelm Hein
Paul Poet
Rüdiger Suchsland
Michael Cholewa

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