06.02.2014

Der Meister

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Eine seiner letzten Rollen: Philip Seymour Hoffman in The Master

Von einem, der auszog... – der markante Hollywood-Darsteller und stille Star Philip Seymour Hoffman ist vor der Zeit gestorben
zum vorz­ei­tigen Tode der markante Hollywood-Darsteller und stille Stars Philip Seymour Hoffman

Von Rüdiger Suchsland

Wenn man von einem sagt, er sei ein unschein­barer Star gewesen, dann ist der Wider­spruch seines Lebens schon benannt. Denn eigent­lich gibt es so etwas gar nicht. Aber Philip Seymour Hoffman, der jetzt über­ra­schend und scho­ckie­rend früh in New York gestorben ist, war genau dies: Einer, der gerade durch seine Unschein­bar­keit ein Star wurde; einer dessen Gesicht man schon kannte, als man sich seinen Namen noch lange nicht merken konnte; eine Projek­ti­ons­fläche des Alltags­men­schen, der Rollen spielte, die man – obwohl ein völlig anderer Typ und 30 Jahre jünger – unter bestimmten Umständen auch mit Woody Allen asso­zi­ierte: Ein Verlet­z­li­cher, Zukur­z­ge­kom­mener, vom Leben benach­tei­ligter, der diesen Nachteil kompen­siert durch eine Mischung aus Genia­lität und Ressen­ti­ment, mit Intel­li­genz und Sensi­bi­lität.
In klas­si­schen Hollywood-Zeiten hätte er höchstens »den besten Freund des Helden« gespielt und wäre irgend­wann von Indianern erschossen oder vom Drehbuch vergessen worden. Heute kriegt so einer die hübschen Frauen – jeden­falls im Kino.

In Happiness, Todd Solondz' großar­tiger, wenn auch nicht rundum glück­li­cher Tragi­komödie über das Glück fiel er zum ersten Mal auf – als schmut­ziger, verklemmter, leucht perverser Nerd und Voyeur, der zu normaler Kommu­ni­ka­tion kaum fähig ist. Man hätte ihn damals schon kennen müssen: Sein weiches Gesicht, das auch hart werden konnte; seine sensible Ausstrah­lung, die auch plump erscheinen konnte. Die stroh­blonden Haare, die helle, fast weiße Haut, der teigige, etwas ungelenke Körper der bei aller Schwer­fäl­lig­keit plötzlich flink werden, konnte, durch Stärke Vertrauen schaffen oder Macht ausstrahlen und so beängs­tigen. Oder eben durch Schwäche Mitleid erregen.
Es war die Zeit einer neuen Welle aus Amerika: Ende der 90er Jahre, verbunden mit Filmen wie American Beauty, Magnolia Herz­schlag- und Schick­sals­kino, dabei ironisch gebrochen. Dafür, besonders für die Brüche, stand Hoffman – eben in Magnolia, einem der nach wie vor besten US-Filme der letzten Jahrzehnte. Dessen Regisseur Paul Thomas Anderson wurde Hoffmans Schicksal: Bereits 1996 spielte er in dessen erstem Film Hard Eight eine Haupt­rolle, und langsam kam auch seine Karriere in Schwung. Seitdem war er bis auf einmal bei Anderson immer dabei, von Boogie Nights (1997) über Magnolia und Punch-Drunk Love bis zuletzt 2012 The Master, wo er die Titel­rolle spielte: Einen sehr sehr ameri­ka­ni­schen Sekten­führer, der Scien­to­logy-Gründer L.Ron Hubbard nach­emp­funden war. Da hat Hoffman wieder diese Arroganz des Außen­sei­ters, die er vielen seiner Rollen gab. Die verhalf ihm auch zu dem Auftritt für den er 2006 den Oscar gewann: In Capote spielte er die Titel­rolle des skru­pel­losen Künstler-Dandys. Wie hier waren Hoffmans Auftritte immer wieder außer­ge­wöhn­liche Rollen: Die Nachtclub-Transe in Flawless (1999), der mono­ma­ni­sche Glücks­spieler in Owning Mahowny (2003), der lüsterne Prediger in Cold Mountain (2003).

Zum schweren Körper und großen Kopf wurde der Gesamt­ein­druck dieses Darsteller-Kraft­pa­kets noch durch die Stimme geprägt: Uner­wartet tief. Wenn er wollte, schnar­rend. Immer prägnant. Hoffmans Stimme vers­tärkte noch den schil­lernden Gesamt­ein­druck: Hoffman hatte mehr als nur eine oder zwei Seiten. Dass der 1967 in Fairport, Rochester geborene Hoffman auch privat mehrere Seiten hatte, konnte man allen­falls ahnen. US-Kollegen nannten den mit einer Kostüm­de­si­gnerin verhei­ra­teten Darsteller (das Paar hat drei Kinder) nie im Zusam­men­hang mit den bekannten Exzessen der Film­kreise. Aber die persön­liche Erin­ne­rung an mein einziges Interview mit Hoffman, 2006 kurz vor dem Oscar-Gewinn bekommt jetzt eine andere Färbung: Verschwitzt, müde, hoch­nervös und seltsam fahrig war damals der persön­liche Eindruck. Und man denkt dann: Da ist einer nicht anders, als seine Rollen.

Viel­leicht hätte man ahnen können, dass darstel­le­ri­sche Höchst­leis­tungen und seelische Achter­bahn­fahrten wie die Hoffmans auch jenseits Leinwand einen Preis fordern, den nicht jeder souverän meistert. Der Preis, den Hoffman jetzt bezahlen musste, war sehr hoch.