23.01.2013

9. Mittelmeerfilmtage im Münchner Gasteig

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Schattenspiele der Vergangenheit: Bloody Beans zeigt den Algerienkrieg als traumatisch-träumerische Erfahrung

Das Leben, kein Kinder­spiel

Flucht, Rückkehr, Verschwen­dung der Jugend im doppelten Sinne – die 9. Mittel­meer-Filmtage richten einen multi­fo­kalen Blick auf die junge Gene­ra­tion

Von Natascha Gerold

Laue Brise, Dauer­son­nen­schein und Menschen, die die Meister darin sind, das Leben zu genießen, trotz seiner Unwäg­bar­keiten. Noch nie waren diese Klischees vom Mittel­meer­raum und seinen Anrai­ner­na­tionen unwahrer als in den vergangen Jahren: Arbeits- und Perspek­tiv­lo­sig­keit, Kriege und histo­risch gewach­sene Konflikte sind oder bleiben die Parameter, die das Leben an vielen Orten in hohem Ausmaß bestimmen. Die 9. Mittel­meer-Filmtage der Filmstadt München mit ihren Mitglie­dern Kurz­film­fes­tival Bunter Hund, Circolo Cento Fiori, DOK.fest, Grie­chi­sches Filmforum, Kinder­kino München, Sine­maTürk Film­z­en­trum und UNDERDOX rücken mit den von ihnen ausge­wählten Filmen vor allem die ins Zentrum, die diese Zustände am härtesten treffen: Kinder und Jugend­liche. In den meisten der 23 Spiel- und Doku­men­tar­filme (darunter vier Kurzfilme) aus über zehn Mittel­meer­län­dern – allesamt beachtet und ausgez­eichnet bei inter­na­tio­nalen Film­fes­ti­vals – sind sie die Prot­ago­nisten.

Weiner­li­ches, wohl­feiles Mitleid ist hier nirgends anzu­treffen – statt­dessen packende Geschichten, die, unter anderem, von einsamen jungen Helden erzählen, für die Todes­ge­fahren Alltag geworden sind und die unbe­irrbar ihre Ziele im Auge behalten – sonst haben sie nichts mehr zu verlieren. Beispiels­weise Fahed, der paläs­ti­nen­si­sche Flücht­lings­junge in dem israe­li­schen Film Zaytoun (So, 2.2., 18.30 Uhr), der das Lager in Beirut verlassen will, um den Wunsch seines verstor­benen Vaters zu verwirk­li­chen und dessen liebevoll gezüch­teten Oliven­baum im paläs­ti­nen­si­schen Heimat­dorf zu pflanzen. Auch Jîn, das 17-jährige Mädchen aus dem gleich­na­migen türki­schen Film von Reha Erdem (So., 26.1., 21 Uhr), will endlich raus aus dem von Kurden und Türken umkämpften Berg­ge­biet im Osten der Türkei, in dem sie in einer Gruppe Rebellen mitkämpfen musste. Dafür nimmt sie weite Wege in noch größerer Isolation und mit unvor­her­seh­baren Risiken in Kauf.

Wenn Flucht Todes­ge­fahr bedeutet, was bedeutet dann Rückkehr? Sie wird zum freudigen Wieder­sehen, aber auch zum schmer­zhaften Aufein­an­der­prallen unter­schied­li­cher Kulturen und Lebens­ge­wohn­heiten. Das zeigen, auf höchst unter­schied­liche Weise, der spanische Spielfilm Wilaya (So., 26.1., 19 Uhr und Mi., 29.1., 18.30 Uhr), eine konflikt­reiche, bilderstake Fami­li­en­ge­schichte im gleich­na­migen Flücht­lings­camp der Sahraui, sowie der liba­ne­si­sche Doku­men­tar­film A World Not Ours (So. 2.2., 20.30 Uhr). Darin porträ­tiert Regisseur Mahdi Fleifel das Leben seiner Familie und seines Freundes in einem paläs­ti­nen­si­schen Lager im Süd-Libanon in heiterem Grundton, aber mit feinem Hinter­sinn – als Besucher, der immer wieder kommt, doch nicht, um zu bleiben.

Manchmal braucht es ein paar Abstrak­ti­ons­ebenen mehr als Geschichts­bücher und Nach­richten, um Ereig­nisse, aktuelle wie histo­ri­sche, annähernd zu begreifen. Mutige Expe­ri­mente der Filmkunst wie Recycling Medea aus Grie­chen­land (So., 2.2., 11.30 Uhr) und Bloody Beans aus Algerien (Fr., 24.1., 20.30 Uhr und Fr., 31.1., 18.30 Uhr) nehmen den Zuschauer mit auf solche Ebenen. Ersteres ist eine multi­me­diale drama­ti­sche Moritat von der Jugend Grie­chen­lands, die die Gesell­schaft im Zuge der Finan­z­krise um ihre Zukunft bringt, wie es Medea in der grie­chi­schen Mytho­logie mit ihren Kindern gemacht hat. Zweiteres zeigt eine Gruppe alge­ri­scher Kinder, die am Strand die fran­zö­sisch-alge­ri­sche Kolo­ni­al­ge­schichte nach­er­lebt, in fantas­ti­schen Rollen­spielen und traum­haften Sequenzen. »Mari inter­es­siert, wie Mythen im Heute wieder­be­lebt und schließ­lich mit einer revo­lu­ti­onären Geste wieder dekon­stru­iert werden«, kommen­tierte das inter­na­tio­nale Doku­men­tar­film­fes­tival Kopen­hagen CPH:DOX das preis­ge­krönte Spiel­film­debüt der Regis­seurin Narimane Mari.

»Du bist schön und jung und stark/nimm dir was du willst (…) verschwende deine Jugend.« Diese Song­zeilen der Deutsch-Ameri­ka­ni­schen-Freund­schaft aus dem Jahr 1981 wirken, knapp 30 Jahre später mit Blick auf die junge Gene­ra­tion im Mittel­meer­raum, nicht mehr wie eine Ode an irgend­einen Hedo­nismus, sondern wie das Credo einer grausamen, alter­na­tiv­losen Lebens­form. Die innere Zerris­sen­heit, befeuert durch Ablehnung von außen, lässt ein Vakuum entstehen, das gefüllt werden will. Fluchten in Paral­lel­welten des Konsums wie in dem fran­zö­si­schen Film Sur la planche (Do., 23.1., 18.30 Uhr und So., 26.1., 17 Uhr), der Gewalt wie in The Wild Ones (Do., 30.01., 20.30 Uhr) oder vermeint­lich heils­brin­gender reli­giöser Systeme wie in La désin­tégra­tion von Philippe Faucon (Mo., 27.1., 20.30 Uhr und Do., 30.1., 18.30 Uhr) sind die Folgen davon.

Als medi­ter­ranes, cross­na­tio­nales Gesamt­pro­jekt kann man Indebito (So., 26.1., 11.30 Uhr, in Anwe­sen­heit des Regis­seurs) verstehen. Der Film begleitet den italie­ni­schen Cant­au­tore Vinicio Capossela auf seiner Reise in die Tavernen von Athen und Thes­sa­lo­niki, wo er dem Rembetiko begegnet, dem grie­chi­schen Blues mit türki­schen Wurzeln, mit dem Menschen musi­ka­lisch gegen die Iden­ti­täts­krise, die die Finan­z­krise zeitigt, eindring­lich aufbe­gehren. Ein gran­dioses, ermu­ti­gendes Plädoyer für Musik als iden­ti­täts­stif­tendes und -stär­kendes Medium ist der kata­la­ni­sche Doku­men­tar­film A Film about Kids and Music (Sa., 25.1., 17 Uhr, in Anwe­sen­heit des Regis­seurs). Jazz, ein Genre, das man gerne mit der Reife Erwach­sener asso­zi­iert, ist in den Händen der hier gezeigten Kids und unter der Ägide eines gestanden Musikers, ein Zeugnis jugend­li­cher Schöp­fungs­kraft und Genia­lität.

Erstmalig haben die Mittel­meer-Filmtage heuer eine eigene Kinder­film­reihe mit Produk­tionen für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Darin bewäl­tigen junge Heldinnen und Helden scheinbar unüber­wind­bare Hinder­nisse: Um ihren Vater zu retten, sieht sich die Halbwaise Zaïna in Zaina – Königin der Pferde (ab 8 Jahren, Sa., 25.01. 15 Uhr) gezwungen, bei dem berühmten Pfer­de­rennen von Marra­kesch anzu­treten, an dem nur Männer teil­nehmen dürfen. Auch Mäuschen Célestine und Brummbär Ernest im Zeichen­trick­film Ernest & Célestine (ab 6 Jahren, Fr. 31.01., 15 Uhr) müssen stark sein – wollen sie ihrem Umfeld doch zeigen, wie gut man trotz großer äußerer Unter­schiede mitein­ander durch dick und dünn gehen kann.

9. Mittel­meer­film­tage. 22. Januar bis 2. Februar 2014 im Gasteig München.
Eine Veran­stal­tung der Filmstadt München in Zusam­men­ar­beit mit dem Institut Français de Munich, dem Instituto Cervantes, dem Istituto Italiano di Cultura, dem Centre Catala de Munic und der Münchener Stadt­bi­blio­thek. Alle Vorstel­lungen finden im Vortrags­saal der Biblio­thek im Gasteig statt.
Eintritt: 7 Euro / 5 Euro (ermäßigt).

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