09.01.2014

Frauen, Philosophie und die Erschütterung der westlichen Identität

Immer Aerger mit 40
Spring Breakers – was sonst!

Die besten und die schlimmsten Filme, 10 wunder­schöne »guilty pleasures« und ein Rückblick auf magische Momente, auf Trends und Themen des vergan­genen Kino­jahres

Von Rüdiger Suchsland

»I follow you... I follow you deep sea baby« – der latent trashige, aber eben auch großar­tige Ohrwurm »I follow rivers« von der Schwedin Lykke Li ist zwar alles andere als neu, und unsereins schon von den Cham­pi­ons­le­ague-Über­tra­gungen vor zwei Jahren vage vertraut – trotzdem wird er mich in Zukunft immer an dieses Jahr, an Cannes 2013 und an diesen Film erinnern, ganz einfach weil man ihn danach nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Der Film La vie d'Adèle, auf Deutsch BLAU IST EINE WARME FARBE vom in Tunesien geborenen Franzosen Abdel­latif Kechiche – erst kurz vor Weih­nachten in den deutschen Kinos gestartet – ist fraglos einer der unum­strit­tenen Höhe­punkte des vergan­genen Kino­jahres. La vie d'Adèle ist jenseits von allem anderen, was man an Gutem und Schlechten über ihn hört, ein reines Vergnügen – in Cannes gewann er im Mai mit der Goldenen Palme den wich­tigsten künst­le­ri­schen Filmpreis des Jahres. Ein typisch fran­zö­si­scher und doch univer­saler, also uns alle ange­hender Film über Frauen, über die Liebe und über Philo­so­phie, zum Beispiel in einem wunder­baren Gespräch über Jean Paul Sartre.

Frauen und Philo­so­phie – das sind so etwas wie zwei zentrale Leit­themen dieses Jahres. Immer wieder sah man das eine oder das andere oder beides zusammen auf der Kino­lein­wand. Zum Beispiel auch in einem anderen fran­zö­si­schen Film, Die wilde Zeit, in dem Olivier Assayas auf sehr einfühl­same Weise seine Jugend im Post-68er-Frank­reich wieder aufleben lässt.

Eine unge­wöhn­liche Frau­en­figur bot auch Zero Dark Thirty von der Ameri­ka­nerin Kathryn Bigelow: Jessica Chastain, einer der Shooting Stars dieses Jahres, spielte darin eine US-Geheim­agentin, deren Weg sie durch diverse Folter­keller und illegale Geheim­ge­fäng­nisse, über Recht und Gesetz, aber auch über zahl­reiche Kolle­gen­lei­chen hinweg bis in jenes ominöse Domizil in den pakis­ta­ni­schen Bergen führt, wo ein Kommando der US-Army am Ende des Films Osama Bin Laden ermordet.

Zero Dark Thirty war zugleich einer der umstrit­tensten Filme dieses vergan­genen Kino­jahres. Handelt es sich hier nun um üble Propa­ganda oder geschickte Kritik an Obamas Fort­set­zung von George W Bushs Krieg gegen den Terror? Um beides, möchte ich meinen, das erste beab­sich­tigt, das zweite, weil es sich nicht vermeiden lässt, wenn es um Kathryn Bigelow geht – diese Regis­seurin ist nicht nur politisch ein bisschen reak­ti­onär, und durch ihre Ästhetik eine der besten Filme­ma­che­rinnen der USA, sie hat auch diesen Ernst-Jünger-Blick, dieses ungerührte Hingucken gerade dann, wenn es weh tut, und wenn es auch der eigenen Sache schaden würde. Wäre Bigelow nur Propa­gan­distin, würde sie mora­li­sieren statt zu zeigen.

»Spring Break Bitches!« – »Making Money »– »It's the fucking American Dream!«

Gerade zu Beginn dieses Jahres zeigte sich immer wieder in ameri­ka­ni­schen Filmen die Erschüt­te­rung des ameri­ka­ni­schen Selbst­bildes und damit ein wenig auch der Identität des übrigen Westens: Ob in Quentin Taran­tinos Django Unchained oder, ungleich braver, gefäl­liger aber auch lang­wei­liger in Steven Spiel­bergs Lincoln. Später dann im Inde­pen­dent-Film The East und in Robert Redfords Erin­ne­rung an den linken Unter­grund Amerikas The Company You Keep.

Für das deutsche Kino war 2013 dagegen ein Jahr zum Vergessen. Zwar gab es OH BOY, der im April noch einmal eine Handvoll Film­preise gewann und das auch verdient. Aber Jan Ole Gersters Film stammt eigent­lich von 2012. Davor und danach kam nur geschmack­liche Wüste: Filme wie Schluss­ma­cher und jetzt Fack ju Göhte mögen 16-jährige zu Lach­salven inspi­rieren, aber auch deren Geschmack kann verdorben werden – und gutes Kino in irgend­einer Hinsicht ist das nicht.

Am stärksten in Erin­ne­rung blieben da die alten Meister: Edgar Reitz' erstaun­lich frische vierte Zeitreise in sein Lebens­werk um das Hundsrück-Dorf Schabbach, Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht und Marga­rethe von Trottas Hannah Arendt – Barbara Sukowa als die Titel­heldin in dem Drama um intel­li­gente Erwach­sene – und einmal mehr das Thema des Jahres: Frauen und Philo­so­phie.

Darum dreht sich auch Spring Breakers – der echte große Über­ra­schungs­film des Jahres von der Legende des US-Inde­pen­dent-Films-Harmony Korine: Wer nun glaubt, darin ginge es wirklich nur – wie das Film­plakat sugge­riert – um leicht­be­klei­dete Mädchen, die Unsinn machen, sollte Spring Breakers nochmal angucken: Eine philo­so­phi­sche Medi­ta­tion über die Freiheit und die Popkultur:

Alle diese Filme kann man übrigens natürlich auch auf DVD kaufen und wieder ansehen. Amerika kommt also 2013 zurück, jenseits aller Hobbits und Super­helden, und stellt mit stil­vollen, über­ra­schenden Kino­werken das sonst so ästhe­ti­sche asia­ti­sche Kino in den Schatten, das deutsche sowieso. Was bleibt jenseits von Hollywood, sind nur die Franzosen.