08.01.2014

Border Gaze: Grenzblick

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
W.R. – Die Mysterien des Organismus

15 Jahre Factum aus Zagreb: Doku­men­tar­filme werfen ihren eigenen Blick auf die Grenzen des Poli­ti­schen, Sozialen und Mensch­li­chen: Geschichten vom Rande Europas über Liebe, Leben und Krieg

Von Brigita Malencia

Das Land, das einmal Jugo­sla­wien war, trägt heute viele Namen. Seit über 20 Jahren prägen neue Grenzen und Gren­zzie­hungen diese europäi­sche Land­schaft. Hier bilden die Ränder Europas ihre eigene Semi­pe­ri­pherie zwischen EU und Balkan, zwischen mittel­eu­ropäi­scher und osma­ni­scher Tradition. Mit dem Rücken zum Sozia­lismus und zum Turbo-Kapi­ta­lismus gewandt, werden die Räume zwischen Indi­vi­duum und Gemein­schaft heute neu verhan­delt.

Mitten in Europa brachten in den 1990er Kriege neben trau­ma­ti­sierten Gesell­schaften, sieben neue Staaten hervor. Sie scheinen dem west­li­chen Europa of genug immer noch fern zu sein, trotz EU-Erwei­te­rung. Denn die Grenzen, die unsere europäi­sche Wirk­lich­keit einhegen, schließen zugleich die Wahr­neh­mung der kleinen, alltäg­li­chen Geschichten dieser Gren­z­ver­schie­bungen aus.

»border gaze«, der Grenz­blick verge­gen­wär­tigt als deter­ri­to­ria­li­sierter Blick Verän­de­rungen, Sehn­süchte, Migra­tionen, Verletz­bar­keiten, Wider­s­tände. Er macht aber auch die Stärken der Menschen sichtbar, die mit diesen Brüchen und Grenzen nicht nur zu leben wissen, sondern mit ihrer Geschichte auch Momente der Über­win­dung schaffen.

Kosovo, Istrien und Bosnien stehen in »border gaze« exem­pla­risch für die Gren­zräume, in welchen intime Bezie­hungen und soziale Fragen Teil der Gren­zzie­hungen sind. Im Fokus der Reihe steht zudem das Zagreber Produk­ti­ons­haus »Factum«, das mit seinen Filmen wesent­lich zur regen Entwick­lung eines unab­hän­gigen Doku­men­tar­films in Kroatien beitrug. Alle Filme werden in Erst­auf­füh­rung in München gezeigt.

Das Werk­statt­kino ergänzt mit der Spät­vor­stel­lung »Balkan Grill« die Reihe »border gaze«. Den Auftakt macht Dusan Maka­vejevs legen­därer W.R. – Die Mysterien des Orga­nismus, der auf 35mm aus dem Fundus des Werk­statt­kinos stammt.

Ein seltener Glücks­fall, einen der Para­de­filme der jugo­sla­wi­schen Schwarzen Welle in München zu sehen. Der Fall Charms (Slucaj Harms) ist ein weit­ge­hend in Verges­sen­heit geratener jugo­sla­wi­scher Film aus der Endphase jugo­sla­wi­scher expe­ri­men­teller Kultur­pro­duk­tion (1987). Am russi­schen Schrift­steller des Absurden, Daniil Charms, zeigt der Regisseur Slobodan Pesic die Absur­dität des kommu­nis­ti­schen Regimes.

Als dritter Film führt Wolfgang Staudtes Herren­partie aus dem Jahr 1964 in die Zeit deutscher Aufar­bei­tung der NS-Zeit. Ein deutscher Männer­ge­sangs­verein strandet auf dem Weg an die Adriaküste in einem kleinen Dorf, in dem nur Frauen leben. Es stellt sich heraus, dass ehemalige Wehr­macht­sol­daten auf die Witwen jugo­sla­wi­scher Parti­sa­nen­kämpfer treffen.

IM FOKUS: FACTUM (Zagreb)

Im Zentrum der einwöchigen, im Werk­statt­kino präsen­tierten Reihe steht der Fokus auf dem Zagreber Produk­ti­ons­haus »Factum«. In seinem mitt­ler­weile über fünfz­ehn­jäh­rigen Bestehen waren es immer wieder Filme von »Factum«, die nicht nur in Kroatien, sondern auch in der Region wichtige Impulse für die gesell­schafts­po­li­ti­sche Debatte gaben. 1997 wurde »Factum« vom Regisseur und Produ­z­enten Nenad Puhovksi ins Leben gerufen, mit dem Ziel Doku­men­tar­fil­mern in Kroatien eine von poli­ti­schen Struk­turen unab­hän­gige Finan­zie­rung und Unter­s­tüt­zung zu gewähr­leisten. Seitdem entstanden rund 60 Filme, die als Kurz- oder Langfilm einen etwas anderen Blick auf die Gesell­schaft werfen.
Anfangs war es vor allem der Krieg und seine heroische Huldigung, der mit »Factums« kriti­schen Filmen hinter­fragt wurde. Sie stellten die kroa­ti­sche Kriegs­ge­walt in den Vorder­grund, die es nach der Meinung vieler Kroaten nicht gab (»Sturm über der Krajina« im Jahr 2001).

Im Fokus finden sich aber auch die stillen Seiten des Alltags wieder, die Verlierer einer im Umbruch sich befin­denden Gesell­schaft, die von den Gewalt­taten, die im Namen der Gemein­schaft verübt wurden, noch immer geprägt wird. Factums Filme zeigen Menschen, die hinter diesen Erfah­rungen und Lebens­welten stehen, lassen aber auch die Menschen selbst erzählen, wie den Obdach­losen Cedo. Insgesamt werden an den ersten vier Tagen sieben Filme gezeigt, die von Factum produ­ziert wurden, vier neuere und drei ältere.

Die Autorin ist Orga­ni­sa­torin der Reihe »border gaze«. Mehr Infor­ma­tionen unter www.balkanet.de