22.08.2013

»Dass im Prinzip die Privatanleger nur verlieren...«

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Goldfinger: Albert Serra hat mit
Historia de meva mort den Goldenen Leoparden gewonnen

Invest­ment­banker, George Cukor und ein paar weitere wirre Eindrücke vom Film­fes­tival in Locarno

Von Rüdiger Suchsland

Er ist ein Geschöpf der Goldenen Ära des Kapi­ta­lismus und auch wenn er alle Züge eines vergan­genen Zeit­al­ters trägt, wirkt dieser Exbanker namens Rainer Voss cool und lebendig, mit wech­selnden Schals und mal in Tweed, mal im Barbour­ja­cket mehr wie ein alter Cowboy, Modell James Stewart in den Filmen Anthony Manns, nicht wie ein Dino­sau­rier. Trotzdem: Wie ein Zombie, ein Wieder­gänger der großen Banken­krise, streunt er durch nun die zerfal­lenen Kulissen jener großen Show, deren Teil er einmal war, und die nun zusam­men­ge­bro­chen ist – wenn sie es auch nicht wahr haben will. Der Berliner Doku­men­tar­film­re­gis­seur Marc Bauder (Jeder schweigt von etwas anderemDas System) hat ihn für seinen neuen Film Master of the Universe in die verlas­senen, leer­ste­henden Vorstands­etagen der abge­wi­ckelten Dresdner Bank gestellt, hinter runde Sitzungs­ti­sche und vor große Front­scheiben, die von der Decke bis zum Boden reichen. Da steht er nun und blickt in die Ferne – und unter ihm die Stadt.

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Dieser Einfall ist genial, weil die Räume durch den Zusam­men­hang den Charakter einer Ruinen­land­schaft bekommen, und auf den Gesamt­ein­druck abfärben. Eine gespens­ti­sche Land­schaft im Zerfall, eine Art Geis­ter­stadt des Finan­z­ka­pi­ta­lismus – wer vor ein paar Jahren Klaus Sterns Lawine gesehen hat, der erinnert sich an verlas­senen Büroräume mit ihren ausge­ris­senen Kabel­strängen in den Ecken und am Boden.

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Die Haupt­figur des ausgez­eich­neten Master of the Universe war einer der führenden Invest­ment­banker in Deutsch­land. Rainer Voss machte täglich Gewinne in Millio­nen­höhe. Und im Gespräch mit Marc Bauder rechnet er ab mit seiner Profes­sion: »Das sind keine Manager, das sind Lege­hennen«, »Ohne Murren... Poli­ti­sche Äuße­rungen? Bloß nicht. Bedin­gungs­lose Loyalität gegenüber der Orga­ni­sa­tion. Sie müssen bereit sein, ihr Leben aufzu­geben. ... Das ist letzten Endes wie bei der Armee.« Voss spricht von »selbst­ständig handelnden Compu­ter­sys­temen« und davon, »dass im Prinzip die Privat­an­leger nur verlieren.« Das Gespräch mit ihm bietet die scho­ckie­rende Innen­an­sicht einer größen­wahn­sin­nigen, quasi-reli­giösen Paral­lel­welt hinter verspie­gelten Fassaden. Dazu läuft der Bach-Choral »Tilge Höchster, meine Sünden.«
Das ist aber Bauders Kommentar. Voss selbst ist aller­dings keines­wegs reuig, sondern mit sich im Reinen. Er weiß nur um den Preis, den er gezahlt hat – aber er hat dafür eine Kompen­sa­tion von 100.000 Euro im Monat erhalten.

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Der Film lief in der »Semaine de la Critique«, und gewann den mit 8.000 Schweizer Franken dotierten Preis als bester Film der Reihe. Die unab­hän­gige Sektion »Semaine de la Critique« wird vom Schweizer Verband der Film­jour­na­listen in Zusam­men­ar­beit mit dem Festival del Film Locarno orga­ni­siert. Die Jury bestand aus Maria Giovanna Vagenas (Italien), Berna­dette Meier (Schweiz) und Pablo Marin Castro (Chile). Das wich­tigste Film Festival der Schweiz und kleinste inter­na­tio­nale A-Festival in Locarno fand vom 7. bis 17. August 2013 statt.

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Mal wieder ein neuer künst­le­ri­scher Leiter in Locarno, mal wieder ein neuer Start in die Zukunft, Carlo Chatrian ist der vierte Direktor in den letzten acht Jahren. Man kann das als Beleg dafür nehmen, wie begehrt Locarno ist, man kann aber auch sagen: Dies ist ein Schleu­der­sitz, wo alle Direk­toren recht schnell wieder das Handtuch werfen.

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Er war ein Geschöpf der Goldenen Ära Holly­woods und er war einer der klas­sischsten Regis­seure aus dieser Zeit. Man nannte ihn den »Meister der Eleganz«, und seine Karriere umspannte über fünf Jahrzehnte – von den letzten Jahren des Stumm­films bis in die frühen Achtziger, als er der älteste noch arbei­tende Hollywood-Regisseur war: George Cukor, geborenen 1899, gestorben 1983. Jetzt war ihm bei den Film­fest­spielen von Locarno die große Retro­spek­tive gewidmet, und man zeigt nahezu das komplette Werk Cukors von immerhin 50 Spiel­filmen – Gele­gen­heit für eine Wieder­ent­de­ckung, dieses etwas in den Hinter­grund gerückten alten Meisters und Gele­gen­heit, in der Gesamt­schau einmal nach Leit­mo­tiven zu forschen, und nach der Aktua­lität dieses Werks zu fragen.
Cukor war ein Erfolgs­mensch und hat nahezu alles erreicht, was man in der Film­in­dus­trie seiner Zeit erreichen konnte. Während der 30er und 40er Jahre gehörte er zu den meist­be­schäf­tigten Regis­seuren in Hollywood. Cukor hatte niemals Schwie­rig­keiten, Arbeit zu finden. Im Gegenteil: MGM hielt ihn viele Jahre unter Vertrag, und andere Studios rissen sich darum, ihn »ausge­liehen« zu bekommen. Er drehte mit allen Stars seiner Epoche: Mit Greta Garbo und Marilyn Monroe, Joan Crawford und Ingrid Bergman, er drehte den ersten Film von Kathryn Hepburn, die insgesamt zehnmal unter seiner Regie gespielt hat, er drehte die erste ameri­ka­nisch-sowje­ti­sche Ko-Produk­tion, und schließ­lich My Fair Lady nach George Bernhard Shaws »Pygmalion«, mit Rex Harrison als Professor Higgins und Audrey Hepburn als Eliza Doolittle. Für diesen Film bekam George Cukor 1964 dann auch endlich den ersehnten Regie-Oscar.
Nur einmal erlitt er eine schwere Nieder­lage: 1939 als er mitten im Dreh von Vom Winde verweht von seinem Freund David O. Selznick gefeuert wurde – auf diesem Ausdruck bestand er zeit­le­bens –, und durch Victor Flemming ersetzt. Es heißt aller­dings, er habe bei diesem Film trotzdem als eine Art Geis­ter­re­gis­seur vielen Schau­spie­lern, auch Vivien Leigh, bis zum Ende der Dreh­ar­beiten Tips gegeben.

Cukor gilt bis heute vor allem als bedeu­tender Frau­en­re­gis­seur, als ein Filme­ma­cher, der im Gegensatz zum Main­stream weibliche Charak­tere ins Zentrum rückte: So in Die Kame­li­en­dameDie Nacht vor der Hochzeit, Die Frau mit den zwei Gesich­tern, Girls, A Star is Born, gleich zu viert in Vier Schwes­tern, und zu acht in Die Frauen.
Das weibliche Geschlecht in diesem letzt­ge­nannten Film ist keines­wegs idea­li­siert, sondern eitel und zickig, hinter­hältig und intrigant, stolz und egois­tisch. Das ist über­ra­schend, denn meistens sind die Frauen bei Cukor den Männern überlegen – durch ihre Intel­li­genz, ihre Sensi­bi­lität, ihre Sprach­ge­wandt­heit. Niemand hat im Hollywood-Kino die Schönheit und den Charme der Frauen so ausdau­ernd gefeiert wie Cukor. Es sind für die damalige Zeit oft höchst fort­schritt­liche Plädoyers für solche Angehö­rige des weib­li­chen Geschlechts, die ihre eigene Rolle in der Gesell­schaft zu spielen vermögen, und in der Lage sind, gegen Vorur­teile und Borniert­heit anzukämpfen. Auf elegante, aber ziel­stre­bige Art tragen sie den Sieg davon. Über die Jahrzehnte hin vermit­telt sein Werk ein ausgez­eich­netes Spie­gel­bild der gesell­schaft­li­chen Position der Frau.

George Cukor war wie so viele große Filme­ma­cher seiner Zeit ein Kind europäi­scher Emigranten, in seinem Fall jüdischer Ungarn, die angeblich stolz darauf waren, ihre Familie bis in die Zeit vor Christi Geburt zurück­ver­folgen zu können. Cukor war später politisch ein Links­li­be­raler und einer der ersten ganz offen homo­se­xu­ellen Regis­seure Holly­woods – auch dies beides Faktoren, die ihn bis in die Gegenwart zu einem beson­deren Liebling der Film­kritik gemacht haben.

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Eloquent, großzügig, liebens­würdig, und gebildet, resi­dierte er ein halbes Jahr­hun­dert lang in einer riesigen Villa im neo-italie­ni­schen Stil, einem der opulen­testen Anwesen am Rand von Beverly Hills, die für viele zum Inbegriff der Goldenen Jahre Holly­woods wurde. Cukors Einla­dungen waren berühmt und begehrt. Diese Lust am Gesell­schaft­li­chen – das ist ein weiteres Element, das viele seiner Filme verbindet: Viele von ihnen sind Gesell­schafts­bilder, Sitten­ge­mälde wie die frühe Screwball-Komödie Dinner at Eight von 1933 mit Jean Harlow. Schließ­lich hat auch die Welt des Show­busi­ness mit ihrer Verschmel­zung von Sein und Schein Cukor immer inter­es­siert. In A Star Is Born, der vom Studio übel verschnitten wurde, wie in Girls, und Let's Make Love. Besonders die Girls, eine weithin unter­schätzte Komödie, ist eine überz­eu­gende Geschichte über die Rela­ti­vität von Wahrheit und die Unter­schied­lich­keit von Wahr­neh­mungen. Ob reales Leben oder die Welt der Bühne – das ist bei Cukor alles eine Frage des Stand­punkts.

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Auch einen Film über die Film­in­dus­trie hat Cukor gedreht: In What Price Hollywood erzählt der die alte Story vom Aufstieg eines kleinen 08/15-Girls zum Filmstar. Eine entlar­vende, amora­li­sche Geschichte, in der Hollywood moralisch schon zu Anfang am Ende ist – und gerade darin, in seinem präzisen Blick, ist George Cukor in einem krisen­ge­schüt­telten Hollywood unge­bro­chen aktuell.
Und dennoch zündet diese Retro­spek­tive nicht so, wie die letzten zu Otto Preminger oder Vincente Minelli – man respek­tiert Cukor, aber weder liebt man ihn, noch stößt er einen vor den Kopf. Er lässt merk­würdig kalt.

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Der Wett­be­werb hat es in Locarno immer besonders schwer – wer kann, der Cannes, oder zumindest Venedig. Und auch San Sebastian Ende September ist natürlich fast schon eine andere Liga. Es stimmt auch nicht, wenn man Locarno mit dem Argument vertei­digt, hier werde im Gegensatz zu anderen Festivals der Nachwuchs entdeckt – im »Concorso Inter­na­zio­nale« gab es gerade nur einen Erstling, der dies­jäh­rige Sieger Albert Serra war ebenso wie Corneliu Porumboiu aus Rumänien, wie der unbe­re­chen­bare Japaner Kiyoshi Kurosawa und der Südko­reaner Hong Sang-soo Entde­ckungen aus Cannes, und auch Venedig und San Sebastian haben ihre eigenen Nach­wuchs­reihen. Locarno ist einfach das fünft­wich­tigste Festival.

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Als ob es sich um eine Sport­re­por­tage handelte, betet die deutsche Presse die Marketing-Meldungen nach, und behauptet, die Verfil­mung von Charlotte Roches Skan­dal­roman Feucht­ge­biete sei einer der Favoriten für den Haupt­preis des Festivals – jeder, der die Premiere des Films selbst erlebt hatte, wusste, dass das nicht stimmte, und ahnte bei aller Unbe­re­chen­bar­keit der Jury, dass es allen­falls für die Haupt­dar­stel­lerin Carla Juri einen Preis geben würde.

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Gewonnen hat dann Albert Serra mit seiner gewagten Konstruk­tion, wo er Casanova in die Karpaten aufs Werner-Herzog-Nosferatu-Gelände schickt, und ihn den Grafen Dracula besuchen lässt. Zwei Phantome der europäi­schen Kultur­ge­schichte.
Der inter­es­san­teste Film, der nicht gewann, war Gare du Nord von Claire Simon. Eine Schick­sals­epi­so­den­ge­schichte, die auf dem Bahnhof spielt, der hier zur ganzen Welt wird: Leben und Sterben zwischen den Gleisen, Obdach­lose, Heimat­lose sind sie alle, erfasst von der tran­sz­en­den­talen Obdach­lo­sig­keit, der Verlas­sen­heit unseres Zeit­al­ters. Man denkt an andere Bahn­hofs­filme wie den unüber­trof­fenen Terminal von John Schle­singer – ein packender Film, ein in Locarno verstecktes Meis­ter­werk.