01.08.2013

Das Festival der Kino-Macher

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Gibt's hier ein Eis? Ein Schnäppchen aus Paris Hiltons Kleiderschrank? Oder doch einen Diamanten?
The Bling Ring von Sofia Coppola

Die 61. Münchner Film­kunst­wo­chen zeigen die Lieblinge der Kino­be­treiber – und feiern die Filme in OmU

Von Dunja Bialas

Ein Sommer­mär­chen, das sich seit 60 Jahren immer wieder im August wieder­holt: Die Arthouse-Kinos der Stadt tun sich zusammen und gestalten ein gemein­sames Sommer­film­fest mit den Perlen des bishe­rigen Kinojahrs, pünktlich zum Beginn der Sommer­fe­rien. Was 1953 als Initia­tive von Fritz Falter begann (damals Betreiber des Isabella-Kino, außerdem Begründer der »Gilde der Film­kunst­theater«) und wie aus einer Notwen­dig­keit entstand – im Sommer­loch gab es vor 60 Jahren nur wenige Film­starts – hat sich bis heute als wichtige Insti­tu­tion für München gehalten. Denn obwohl die Deutschen heute – im Gegensatz zu den 50er Jahren – den bezahlten Urlaub oftmals als eigent­li­chen Zweck ihrer Berufs­tä­tig­keit erachten, bleiben viele, gerade im schönen August, wenn die Sonne nicht mehr so heiß ist, die Schwimm­bäder nicht mehr so voll und die Stadt angenehm träge wird, gerne daheim.

Sie haben jetzt Zeit, ihrem Lieb­lings­kino einen entspannten Besuch abzustatten (Anre­gungen dazu gibt auch unsere Reihe »Kino­por­träts«) und im Arena, Atelier, Isabella, Rottmann, Rio, Monopol und im Filmeck Gräfel­fing ihre Lieb­lings­filme noch einmal zu sehen, oder, wie es im Alltag leider so oft der Fall ist, all die Filme endlich zu sehen, die man unbedingt sehen wollte, aber dann keine Zeit dazu hatte. Oder aber sie wappnen sich für den nächsten Alltags­stress, und gucken schon mal als Preview Filme der kommenden Saison.

Thomas Wilhelm vom Rottmann-Kino outet sich dieses Jahr als glühender Verehrer Quentin Taran­tinos und zeigt eine Best-of-Auswahl seiner Filme: Reservoir Dogs, Pulp Fiction und Inglou­rious Basterds können noch mal auf der großen Leinwand erlebt werden (ja, es gibt einen Unter­schied zum Flatscreen-TV!), zusammen mit dem aktuellen Django Unchained.

Ryan Gosling (Drive, The Place Beyond the Pines, Only God Forgives) ist der Schau­spieler aus den Filmen mit dem meisten Gespräch­s­po­ten­tial der letzten Monate, nein Jahre – und deshalb »neuer Held« von Monopol- und Arena-Betrei­bern Christian Pfeil und Markus Eisele. Zu sehen sind auch zwei wichtige Filme aus der Zeit, bevor er allgemein bekannt wurde: Blue Valentine (2010) und Lars und die Frauen (2007). Außerdem zeigen sie die »Lieblinge der Saison«. Mit dabei sind auch die Artechock-Lieblinge Oh Boy, Der Geschmack von Rost und Knochen des fran­zö­si­schen Meis­ter­re­gis­seurs Jacques Audiard (Ein Prophet) und Oscar-Gewinner Haneke mit Liebe. Für alle, die diese Meilen­steine des zeit­genös­si­schen Kinos noch nicht kennen: unbedingt anschauen.

Louis Anschütz lädt in sein Isabella-Kino zum weit­ge­fassten Cross­media-Programm. Er zeigt Filme, die Theater, Malerei, Tanz, Literatur auf die Kino­lein­wand bringen. Seine Auswahl ist beste­chend. Da ist Faust in der Gründgens-Insz­e­nie­rung aus dem Jahre 1960 sehen, Gefäng­nis­in­sassen proben in Cäsar muss sterben das Thea­ter­stück »Julius Cäsar« im Hoch­si­cher­heits­trakt eines römischen Gefäng­nisses (die Taviani-Brüder erhielten für ihr Doku-Drama 2012 den Goldenen Bären). Über die Qualen und Freuden im Ballett kann man in dem neuen Film First Postion – Tanz ist ihr Leben erfahren, Flamenco, Flamenco (1995) bringt die Bilder von Carlos Sauro noch mal zum Tanzen und Die roten Schuhe (1948) zeigen, wohin einen der Tanzwahn bringen kann – in diabo­li­sche Abgründe. Den Klassiker von Michael Powell und Emeric Press­burger sollte man keines­falls verpassen, wenn man sich mit dem Gedanke trägt, die Tochter im Herbst zum Ballett anzu­melden. Die besondere Artechock-Empfeh­lung gilt dem letzten Film von François Ozon In ihrem Haus, in dem ein Jüngling seinen Deutsch­lehrer mit einem perfiden Fort­set­zungs­auf­satz um den Verstand bringt. Schon mal eine Stoff­samm­lung fürs nächste Schuljahr anlegen…?

Seit es das Atlantis nicht mehr gibt, ist für uns das Atelier ins Zentrum gerückt, wenn wir Filme in OmU sehen wollen. Und dies ist das Großar­tige der Film­kunst­wo­chen: Auch in den anderen Kinos sind zum Festival der Kino­be­treiber die meisten Filme im Original mit Unter­ti­teln, wenn nicht sogar in der Origi­nal­fas­sung zu sehen. Ein deut­li­ches Statement für die Cine­philie und – das unter­stellen wir jetzt einfach mal – eine zwischen den Zeilen hervor­ge­brachte Kritik gegen das Alltags­ge­schäft, die gemeinhin als schwerer »verkäuf­liche« Version zu spielen. Das Atelier bewirbt sich daher für die Jubiläums­aus­gabe um ein neues Kriterium: das der Previews. Vorab können hier schon mal gesehen werden: Sofia Coppolas in Cannes gefei­erter The Bling Ring, der überaus entzü­ckende, dabei schön ekelige Feucht­ge­biete, eine Verfil­mung von Charlotte Roches Best­seller, der der Vorlage locker den Rang abläuft. Außerdem in Preview: Bottled Life – Nestlés Geschäft mit dem Wasser und Kuma, eine Geschichte über anato­li­sche Migranten in Wien.

Elisabeth Kuonen-Reich ist in ihrem Rio Film­pa­last Premieren und Gäste gewohnt. Zu den Film­kunst­wo­chen gönnt sie sich ein persön­li­ches Special und empfängt einen der beweg­testen deutschen Doku­men­tar­film-Regis­seure: Wolf Gaudlitz ist zu Gast zur Vorfüh­rung seiner Doku-Dramen Palermo flüstert und Táxi Lisboa und bringt uns, wo wir schon nicht wegfahren können, Geschichten aus dem Süden mit.

Werner Scholz vom Filmeck Gräfel­fing bereist die jüngere Film­ge­schichte. Bei ihm kann man noch mal Der Himmel über Berlin poetisch finden, Niki de Saint Phalle bei ihrem Schieß-Bildern bewundern, und in Das weiße Band zusammen mit den Kindern vor der protes­tan­ti­schen Erziehung erzittern. Außerdem kann man hier den neu restau­rierten Klassiker Zur Sache, Schätz­chen mit Uschi Glas sehen – aber Vorsicht, das Format hat sich gewandelt seit 1967. In der neuen Fassung ergießt sich der Film anstatt im alten 4:3 im neuen 16:9-Format über die Leinwand. Raider heißt jetzt Twix? Blau ist das neue Schwarz? – Doch dies ist eine eigene Diskus­sion wert, zu einem anderen Zeitpunkt. Jetzt wollen wir einfach nur den Kino­sommer genießen und das gute, alte Kino-Eiskon­fekt. Wir wünschen allen Artechock-Lesern einen schönen Sommer!

+ + +

61. Münchner Film­kunst­wo­chen – 1. bis 21. August 2013. Mehr Infor­ma­tionen zum umfas­senden Programm gibt es unter www.film­kunst­wo­chen-muenchen.de