25.04.2013

Künstlerkino

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
KINO DER KUNST zeigt auch eine Installation von Julian Rosefeldt, im Maximiliansforum, tgl. 11-19 Uhr

Vom Museum ins Kino: Das Festival KINO DER KUNST zeigt Künst­ler­filme auf der Kino­lein­wand

Von Dunja Bialas

»Wer als Kunst­his­to­riker ernst genommen werden will, kann kaum darauf verzichten, einen Text mit einem einlei­tenden Zitat eines Künstlers zu beginnen.« – Philipp Ursprung

Es gibt ein neues Event in München: KINO DER KUNST. Weniger ein Film-Festival ist es mehr eine Kunst­bi­en­nale, die sich der Kölner Kunst­his­to­riker Heinz Peter Schwerfel im Schul­ter­schluss mit der hiesigen Kunst­samm­lerin Ingvild Goetz ausge­dacht hat. Das Ziel­pu­blikum sind Kunst­in­ter­es­sierte, Museums- und Gale­ri­en­be­su­cher, Documenta-Fahrer. Für sie zeigt KINO DER KUNST auf der Kino­lein­wand Filme, die von bildenden Künstlern gemacht wurden. »Weltweit einmalig« sei diese Veran­stal­tung, so Schwerfel. Ausge­wählt wurden für die erste Edition Filme – früher sagte man viel­leicht eher Video­kunst (ein Begriff, der, fixiert auf das verschwun­dene Träger­me­dium »Video«, schon länger umstritten ist) – unter zwei Gesichts­punkten, wie Schwerfel erläutert. Zum einen sei man inter­es­siert gewesen, Filme von bildenden Künstlern zu finden, die »neue Formen der Narration erkunden« und die »das Kino weiter­denken«. Zum anderen sei es wichtig gewesen, Filme zu finden, die einer mehrere Quadrat­meter füllenden Projek­tion mit entspre­chendem Sound-System stand­halten.

»Nach den Schrift­stel­lern, Thea­ter­au­toren und Film­re­gis­seuren sind auch die bildenden Künstler unter die Story-Teller gegangen.« – Heinz Peter Schwerfel

Ausge­wählt wurden von einem Kura­to­rium unter dem Vorstand der zur Zeit in München recht präsenten Sammlerin Goetz (im Haus der Kunst bespielt sie seit zwei Jahren den ehema­ligen Luft­schutz­bunker), 57 Filme, die im inter­na­tio­nalen Wett­be­werb um hoch­do­tierte Preise konkur­rieren. Da gibt es den mit 10.000 Euro ausge­lobten »Haupt­preis Kino der Kunst«, gestiftet von der Sammlung Goetz, und den Nach­wuchs­preis für Künstler unter 35 Jahren, ebenfalls hoch­preisig mit 10.000 Euro ausge­stattet, gestiftet von BMW, die sich erst im März als Sponsor von der Berlinale verab­schiedet haben.

Wer das Preisgeld mit nach Hause nehmen darf, bestimmt die prominent besetzte vier­köp­fige Jury. Die Kunst­szene-Stars Cindy Sherman (Office Killer, 1997) und Isaac Julien (Young Soul Rebels, 1991, Derek, 2008, alle Filme zu sehen bei KINO DER KUNST) besetzen die Jury, dazu kommt Defne Ayas, die als Leiterin des »Witte de With«-Museums in Rotterdam vom Kura­tieren Ahnung hat; die fran­zö­si­sche Film-Schau­spie­lerin Amira Casar (u.a. Anatomie de l'enfer, 2003, Malen oder Lieben, 2005) sitzt der Jury vor. Dann gibt es neben einem Publi­kums­preis (5000 Euro) noch den Preis für das filmische Gesamt­werk über 10.000 Euro, gestiftet von Louis Vuitton (der, Zufall oder nicht, zu Beginn von KINO DER KUNST eine Laden-Dépen­dence in München eröffnet).

Schwerfel konnte große Namen versam­meln, die ihm sicher­lich als Türöffner gedient haben, um ein Budget für die erste Edition seiner Biennale zu erhalten, für das altge­diente Film­fes­ti­vals in München sich erst jahrelang beweisen mussten. Minis­te­ri­al­di­rektor Toni Schmid und FDP-Wissen­schafts­mi­nister Heubisch haben sich KINO DER KUNST von erster Stunde an als »nach­hal­tiges Projekt« zur Chefsache gemacht, Frau Goetz die nötigen Kontakte herge­stellt, um KINO DER KUNST in München anzu­sie­deln. Alles in allem ergab sich bei der Kollekte im Gang durch die Insti­tu­tionen ein Budget von sagen­haften 300.000 Euro, verwaltet von der Film­pro­duk­ti­ons­firma Eikon Süd.

»Der Nieder­gang des Kinos kann streng genommen ästhe­tisch gar nicht begriffen werden, sondern nur ökono­misch und gesell­schaft­lich.« – Lars Henrik Gass

Dass KINO DER KUNST bereits im ersten Jahr so gut aufge­stellt ist, ist mit zweierlei Grund­wahr­heiten zu erklären. Erstens: Geld und Geld gesellt sich gern. Erfolg­reiche bildende Künstler erzielen auf dem Kunst­markt Höchst­preise, ihre Käufer haben das notwen­dige Kleingeld, um sie zu Ihres­glei­chen zu machen. Das mag viel­leicht nur bedingt für die Künstler von KINO DER KUNST zutreffen, die Zuschauer-Klientel, die ange­spro­chen wird, aber wird aus demselben Pool generiert. Zweitens: Künst­ler­namen beinhalten mehr Glamour als Crowd­fun­ding-Film­re­gis­seure oder gar Doku­men­tar­filmer, das Prekariat unter den visuellen Gestal­tern, mit oftmals betroffen machenden Themen. So kommt ein Sponsor nach dem anderen ins Boot: Die Sammlung Goetz adelt Heinz Peter Schwerfel, die Bundes­kul­tur­stif­tung den Baye­ri­schen Staats­haus­halt, BMW adelt ARRI, und obendrauf, auf den im Baye­ri­schen Hof gepackten Koffern, sitzt Louis Vuitton.

Dass neuer­dings auch mit Filmen mehr als nur Ruhm und Ehre zu verdienen ist, zeigt das Beispiel des briti­schen Künstler Steve McQueen, der sich sich mit Shame und Hunger einen Namen als Film­re­gis­seur gemacht hat, glei­cher­maßen anerkannt von Kunst- wie Film­kri­ti­kern. Auch KINO DER KUNST wagt den Weg vom Museum ins Kino. Zu diesem Weg »Vom Kino ins Museum – und zurück« gab es diesen Januar eine von KINO DER KUNST veran­stal­tete Podi­ums­dis­kus­sion mit Regisseur Dominik Graf, Andreas Horwath, dem Leiter des Öster­rei­chi­schen Film­mu­seums und Lars Henrik Gass, Leiter der Kurz­film­tage Ober­hausen, der ein kluges Buch zum Verhältnis von Kino und Kunst geschrieben hat (die Diskus­sion ist jetzt nach­zu­lesen in der Publi­ka­tion, die beglei­tend zu KINO DER KUNST erscheint). Hier ging es u.a. darum, weshalb namhafte Regis­seure vom Dark Room des Kinos in den White Cube der Kunst abwandern, wie z.B. Harun Farocki. Unaus­ge­spro­chen blieb dabei, dass ihnen im Kino das Publikum schlichtweg wegge­bro­chen ist, und sie nun der Weg nach einer neuen Exis­ten­zgrund­lage in den instal­la­tiven Kontext der Museen führt.

Die Spielorte von KINO DER KUNST für die Filme der Künstler sind dagegen bewusst der Kinosaal. In der HFF München, die seit letztem Jahr durch die unmit­tel­bare Nach­bar­schaft zu den Pina­ko­theken eine Aufwer­tung als Kultur­s­tätte in »Isar-Athen« (Heubisch) erfuhr, und im ARRI-Kino, dessen GmbH einen zusät­z­li­chen Pitching-Award von Sach­preisen in Höhe von 10.000 Euro stiftet, werden die Wett­be­werbs­filme gescreent. Dabei bleibt offen, ob die Gren­züber­wan­de­rung vom Museum ins Kino gelingt, ob auch die frei­heits­lie­benden Muse­ums­be­su­cher, die sich ungern an Anfangs­z­eiten und Sitz­plat­zpflicht halten, dem Orts­wechsel folgen werden.

»Nicht was, sondern wie erzählt wird, ist Thema der Kunst.« – Heinz Peter Schwerfel

Das Programm von KINO DER KUNST zumindest muss man sich erst erar­beiten – oder auch nicht. Auf dem Flyer genügen der Biennale der auf einen Buch­staben abge­kürzte Vorname plus Nachname des Künstlers, dazu Werk­s­titel, Produk­ti­ons­land und –jahr, und die sekun­den­ge­naue Längen­an­gabe des jewei­ligen Films, was typisch ist für den Kunst­kon­text. Dazu kommt eine thema­tische Über­schrei­bung der Programme (»Hollywood im Kunst­mu­seum«, »Im nassen Element« oder »Doku­men­ta­risch?«). »Von vorne­herein ausge­schlossen« würde sie sich bei einer so spär­li­chen Infor­ma­ti­ons­ver­gabe fühlen, sagte mir eine Bekannte. Also, ein elitäres und exklusiv-exklu­die­rendes Unter­nehmen? Nicht unge­be­ding. Man sollte verstehen, dass KINO DER KUNST nicht auf Inhalte setzt, an denen sich Kino­be­su­cher meist orien­tieren, sondern auf das Ereignis an sich, über dreißig inter­na­tio­nale Künstler nach München zu holen. Nicht was erzählt wird, sondern wer erzählt, nämlich bildende Künstler, ist das wichtige bei KINO DER KUNST, so könnte man das Zitat von Schwerfel weiter­führen. Anwesend zu den jewei­ligen Vorstel­lungen werden u.a. Christoph Girardet und Matthias Müller sein (in der Filmszene als expe­ri­men­telle Filme­ma­cher bekannt), Matze Görig, den man schon von der ehema­ligen Münchner Galerie La Traversée kennt, oder Jochen Kuhn, der einen animierten Kurzfilm über ein fanta­siertes Date mit Angela Merkel gedreht hat (Sonntag 3, Gewinner der Kurz­film­fes­ti­vals Tampere).

»Kunst ist eigent­lich eine Ausrede, um einen Dialog anzu­fangen.« – Hans Ulrich Obrist

Somit stehen neben den Filmen der dialo­gi­sche Austausch mit den Künstlern und Künst­ler­ge­spräche im Zentrum des Programms. Sie finden zu den Vorstel­lungen und zusät­z­lich täglich um 18:00 Uhr in der Schau­stelle statt, der Ausweichs­lo­ka­lität für die Pina­ko­thek der Moderne (Gespräche finden hier u.a. statt mit Isaac Julien, der eine Retro­spek­tive seiner filmi­schen Arbeiten zeigt, mit Documenta-Künstler Omer Fast und Louis-Vuitton-Preis­träger Wael Shawky, der über seine Mario­net­ten­thea­ter­filme sprechen wird). Dabei soll durchaus mitge­dacht sein, dass das Künst­ler­ge­spräch nicht erst seit Andy Warhol und Marcel Duchamp eine spezielle Form der künst­le­ri­schen Praxis darstellt.

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Beglei­tend zum Besuch von KINO DER KUNST empfiehlt sich die Lektüre folgender Publi­ka­tionen, denen auch die Zitate entnommen sind:

Vom KINO DER KUNST-Kurator Hans Ulrich Obrist (Hg.): Das Interview. Formen und Foren des Künst­ler­ge­sprächs. Fundus Bd. 206, 20 Euro

Vom Podi­ums­teil­nehmer Lars Henrik Gass: Film und Kunst nach dem Kino. FUNDUS Bd. 216, 10 Euro

Vom künst­le­ri­schen Leiter Heinz Peter Schwerfel (Hg.), Kino der Kunst, Verlag der Buch­hand­lung Walther König, 15 Euro

KINO DER KUNST – Noch bis 28. April, diverse Spielorte, Eintritt: 8 Euro / 4 Euro (ermäßigt). Ausführ­liche Infor­ma­tionen zum Programm und zu den einzelnen Filmen und den beglei­tenden Instal­la­tionen finden sich unter www.kino­der­kunst.de.