14.03.2013

Der Geschmack der Kirsche

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Eine Straße als Metapher des Aufbruchs:
Roads of Kiarostami

Drei Gene­ra­tionen irani­scher Film: Die Gallerie Kullukcu in München zeigt kurze und lange Filme einer wider­s­tän­digen Kultur

Von Dunja Bialas

1978, isla­mi­sche Revo­lu­tion in Iran. Allein in Teheran werden über 30 Kinos in Brand gesteckt. Die Kinos sind Ziel­scheibe der Isla­misten, reprä­sen­tieren sie doch die westliche Unter­hal­tungs­kultur. Das Cinema Rex in Abadan wird zum traurigen Symbol eines erschre­ckenden Bilder­sturms: Über 400 Menschen sterben bei den Kämpfen. In den Folge­jahren schließt sich ein allge­meines Kinosterben an: die Säle werden umgebaut zu Einkaufs­z­en­tren, Boutiquen, Restau­rants oder Werk­s­tätten. Die iranische Film­pro­duk­tion wird nahezu auf Null herunter­ge­fahren, die Zensur von inlän­di­schen und auslän­di­schen Filmen ist gang und gäbe. An ihre Stelle treten »revo­lu­ti­onäre Filme«, die Märtyer­ertum, Opfer- und Kriegs­be­reit­schaft unter das Volk bringen wollen.

Ende der 70er Jahre also drohte das iranische Kino unter­zu­gehen. Und doch hatte vier Jahre vorher, 1974, ein Regisseur auf dem Kinder­film­fest in Teheran auf sich aufmerksam gemacht, der zwanzig Jahre später mit Quer durch den Oliven­hain ein neues irani­sches Kino welt­be­kannt machen sollte: Abbas Kiaro­stami. Er kann unwi­der­spro­chen als Erneuerer einer Kultur gelten, die bereits dem Tod geweiht war. (Vgl. Histoire du cinéma iranien 1900-1990, hrg. Cinéma du Réel, Paris 1999)

Kiaro­stami ist Vertreter einer ersten Gene­ra­tion von Filme­ma­chern, die für eine neue Qualität des irani­schen Kinos einstehen und spürbar machen, welch narra­tives und ikoni­sches Potential in der persi­schen Kultur liegen mag. Oft sind die Helden ihrer Erzäh­lungen Kinder, ihre Geschichten enthalten eine starke meta­pho­ri­sche Ebene: Erzählt wird im Unei­gent­li­chen, in den Anspie­lungen, auch um die Zensur zu umschiffen. Die aber, die ihre Filme wirklich verstehen, verstehen auf Anhieb, worum es geht.

Von diesem Donnerstag an widmet sich die Galerie Kullukcu in München drei Tage lang drei Gene­ra­tionen irani­scher Filme­ma­cher. Abbas Kiaro­stami (*1940), Jafar Panahi (*1960) und Asghar Farhadi (*1972) stehen dabei stell­ver­tre­tend für das neue iranische Kino, das fort­wäh­rend von der Zensur bedroht ist – man denke nur an das 2010 über Jafar Panahi verhängte 20 Jahre lange Berufs­verbot. Gleichz­eitig finden ihre Filme inter­na­tional beacht­liche Aufmerk­sam­keit wie zuletzt Pradé von Panahi, der dieses Jahr in Berlin mit dem Silbernen Bären ausgez­eichnet wurde.

Drei Gene­ra­tionen Filme­ma­cher in drei Tagen. Das Programm, das viele Kurzfilme und unbe­kannte Spiel­filme der drei großen Namen bereit­hält, wurde von der in Teheran geborenen Filme­ma­cherin Narges Kalhor und dem irani­schen Drama­turgen Aydin Alinjead kuratiert. Ein lohnens­werter Blick in ein Film­schaffen, das trotzt allem, wie aus einer inneren Notwen­dig­keit heraus, entstanden ist.

IRAN CINEMA – Drei Gene­ra­tionen iranische Filme­ma­cher. 14.-16. März 2013, Galerie Kullukcu, Schil­lerstr. 23, München. Beginn jeweils 20:30 Uhr.
Eine Program­müber­sicht und die Titel der gezeigten Filme gibt es hier.