24.01.2013

Arbeit, Mahlzeit, Freizeit

»Ein neues Produkt« von Harun Farocki
Den Hebel in der Versuchsanordnung mit dem Menschen umlegen: Ein neues Produkt von Harun Farocki

Die FilmWel­tWirt­schaft im Film­mu­seum München schaut in die Arbeits­welten unserer modernen Gesell­schaft

Von Dunja Bialas

Film-Welt-Wirt­schaft. Unter diesem Dreiklang versam­melt das Film­mu­seum München aktuelle filmische Ansichten zu den modernen deutschen Arbeits­welten, und, da die Gegenwart nicht ohne die Kenntnis der Vergan­gen­heit zu verstehen ist, hat das Film­mu­seum auch Film­perlen heraus­ge­sucht, die vom Beginn der heutigen Arbeits­welten zeugen. Der Vergleich kann dabei höchst spannend sein, und lässt womöglich eine Ahnung an die Zukunft zu: Wie der Benja­min­sche Engel fliegen wir mit dem Rücken und dem Blick auf die Vergan­gen­heit der Zukunft entgegen.

Claus Strigel ist ein Münchner Doku­men­tar­filmer, der sich in all seinen Filmen immer um das soziale Mitein­ander inter­es­siert hat. Sein neuester Film Unter Menschen, in dem es um eine Art Affen­liebe zwischen Menschen geht, erlebt demnächst auf der Berlinale seine Auffüh­rung. Jetzt ist bei der »Film­welt­wirt­schaft« sein letzter Doku­men­tar­film, FREI­ge­stellt, zu sehen, in dem Strigel der Zynik der modernen Arbeits­welt nachgeht. Alles ist im Überfluss vorhanden, nur die Arbeit scheint unserer Gesell­schaft auszu­gehen – entgegen der Jubel­bot­schaften aus den entspre­chenden Agenturen (Stichwort: berei­nigte Statistik). Was tun, wenn die alten Tage­bauten still­ge­legt werden, wenn die Fabriken in Indus­trie­denk­mäler umge­wan­delt werden, wenn die alte Arbeit musea­li­siert wird? Man schafft sich einfach einen einzigen großen Freiz­eit­park, übt das Arbeiten ohne Arbeit und Free­clim­bing auf den alten Maschinen. (Do., 24.01., 19:00 Uhr. Zu Gast: Claus Strigel und Vertreter der Initia­tive Grund­ein­kommen)

Eine durch und durch analy­ti­sche Annähe­rung an die seltsame Spezie »Manager« unternahm Harun Farocki bereits Ende der 1980er Jahre. Vermut­lich war dies die Zeit – noch lange vor der New Economy – als die ersten Botschaften an eine neue Sprech­weise (Kontrolle von Körper­sprache, Mimik und Gestik im Auftrag der Ertrags­stei­ge­rung) in die BR-Wirt­schaften hinein­schwappten. Ein Viertel Jahr­hun­dert später wendet sich Farocki erneut der Unter­neh­me­re­tage zu. In seinem Film Ein neues Produkt doku­men­tiert er ein Brain­storm-Meeting. Dessen Ziel: die Arbieter sollen scheller, klüger, effek­tiver agieren. (Double Feature Die Schulung (1987) / Ein neues Produkt (2012) am Fr. 25.1., 18:30 Uhr)

Wenn ein Film im Unter­titel heißt: »Zur Senkung der Arbeits­moral«, dann ist die vergnüg­liche Satire quasi schon vorpro­gram­miert. In Frohes Schaffen jongliert Konstantin Faigle munter mit Doku­mentar- und Spiel­szenen, um eine fiktive Arbeits­welt möglich realis­tisch erscheinen zu lassen: In der »Akademie für Müßiggang« haben die Ange­stellten dies möglichst gut zu tun. (Fr. 25.1., 21:00 Uhr)

Bettina Timm und Alexander Riedel sind das Dream-Team unter den Münchner Filme­ma­chern. Nicht nur arbeiten sie auf wunder­bare Art und Weise zusammen (mal hält der eine die Kamera, mal wirkt die andere beim Dreh­buch­schreiben mit, und produ­ziert wird sowieso meist gemein­schaft­lich), auch sind ihre Filme immer Zeugnisse eines Blick­win­kels, den beide wichtig nehmen, mit hinter­grün­digen Recher­chen. Riedel, der bekannt wurde durch seine ganz genau hinbli­ckenden Doku­men­tar­filme Nacht­schicht und Draußen bleiben, hat 2010 einen ersten Spielfilm reali­siert, Morgen das Leben. Menschen um die 40 wollen sich auf das Glatteis einer neuen Existenz wagen, ihr Leben noch einmal neu beginnen. Auch in seinem Spielfilm, dem lange Recher­chen im »richtigen Leben« voraus­gingen, sieht Riedel präzise hin, bisweilen seziert er die Leben­s­an­ord­nungen mit einer Scharf­sich­tig­keit, die an Ulrich Seidel hinan­reicht. (Sa. 26.01., 21:00 Uhr. Zu Gast: Alexander Riedel)

Bettina Timm hat sich dagegen der Jugend ange­nommen. Sie schaut in Ich Koch Koch-Anwärtern in den Topf und aufs Maul und sammelt die unter­schied­li­chen Moti­va­tionen, den harten Gastro-Job zu erlernen. Immer ist bei Timm auch der Akt des Filmens in den sorg­fäl­tigen Bildern und Gesprächen spürbar: in ihrem Film kann man, wenn man genau hinsieht, dem Doku­men­tar­filmer beim Arbeiten zusehen. (Sa. 26.01., 18:30 Uhr. Zu Gast: Betinna Timm)

Und so hält der Dreiklang, was er verspricht. Klar geht es bei der FilmWel­tWirt­schaft nie allein um die Film­wirt­schaft, aber implizit schwingt auch diese Thematik bei allen Produk­tionen mit. Claus Strigels Filme sind nur selten zu sehen und gehen im Film­ge­schäft leicht unter, Harun Farocki wurde in die Museen verab­schiedet, wo er sich eine neue künst­le­ri­sche Existenz erar­beitet, Bettina Timm und Alexander Riedel sind Ausnah­me­ge­stalten unter den Jung­re­gis­seuren, die in einer gelun­genen Mischung aus Auftrags­ar­beiten und freien Arbeiten versuchen, ihren ganz eigenen Weg zu gehen. All dies wird bei den Diskus­sionen zu erfahren sein.

FilmWel­tWirt­schaft. 24.-27.1.2013 im Film­mu­seum München, St.-Jakobs-Platz 1, Karten zu 4/3 Euro, Vorbe­stel­lungen unter 089 / 233 96450. Eine Reihe des Film­mu­seum München. Mehr Infor­ma­tionen und das voll­s­tän­dige Programm gibt es hier.

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