08.11.2012

Die Welt ist nicht gerecht

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Selbstjustiz ist auch eine Lösung:
Unfair World

Die 26. Grie­chi­sche Filmwoche in München zeigt poli­ti­sche und unter­halt­same Filme

Von Dunja Bialas

Auch heute war wieder »Rembetiko« auf dem Syntag­mata-Platz in Athen. Mit Wut und Feuer wurde gegen das unglaub­liche Spar­pro­gramm demons­triert, dass die Regierung auf Kosten der Bevöl­ke­rung zur Staats­sa­nie­rung durch­setzen wird. »Rembetiko«: Das ist in diesem Zusam­men­hang sehr flapsig formu­liert. Der bekann­teste Export­schlager Grie­chen­lands aber zeugt von einer Subkultur, die in den 60er Jahren zu einzig­ar­tiger Popu­la­rität gelangte und von einer Bevöl­ke­rungs­gruppe zeugte, die, von ihrer ursprüng­li­chen Heimat in Klein­asien vertrieben, in Armut und Perspek­tiv­lo­sig­keit lebte. Musik als Iden­ti­täts­stif­tung: Rembetiko von 1983 zeigt dies, basierend auf der Lebens­ge­schichte der Sängerin Marika Ninou. Jetzt wird der Film­klas­siker bei der 26. Grie­chi­schen Filmwoche wieder­auf­ge­führt. (Fr., 16.11., 20:00 Uhr, Gasteig)

Im Programm der dies­jäh­rigen Grie­chi­schen Filmwoche ist eine gewisse Ratlo­sig­keit aufzu­spüren. Kann man über die gegen­wär­tige Politik sprechen, ohne dass sich das Problem ergibt, wie die Programm­ma­cher meinen, »dass man nicht mehr willens ist, über die Position auch des Anderen zu reflek­tieren«. Unsere Position, eure Position. Bei so viel Ausge­wo­gen­heit bleibt natürlich eins auf der Strecke: die klare Stel­lung­nahme, die auch mal provo­ziert.

Grie­chen­land hat in den letzten Jahren eine neue Gene­ra­tion an Filme­ma­chern hervor­ge­bracht, die das Land zu den Lieb­lingen unter den Kritikern und Festi­val­be­su­chern gemacht hat. Von einem neuen Filmland war gar die Rede, und von dem neuen grie­chi­schen Kino – das übrigens auch wie das junge türkische Kino – eine ganz eigene Sprach­lich­keit hervor­ge­bracht hat. Dogtooth, Attenberg und jüngst L, Filme um Namen wie Yorgos Lanthimos oder Athina Rachel Tsangari sorgen derzeit inter­na­tional für Furore und werden mit ihren spröden Filmen inter­pre­tiert als Vorboten oder Inter­preten der gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Krise, in der sich ihr Heimat­land befindet.

Die Grie­chi­sche Filmwoche setzt da lieber auf bewährte Themen oder Stim­mungen. Wie zum Beispiel die Migration, auch um den »Akt der kultu­rellen Vers­tän­di­gung« zu erbringen und »Stimme der Vernunft« zu sein, die gemein­same (deutsch-grie­chi­sche) Geschichte im Blick. In Töchter des Aufbruchs werden die Geschichte von Migran­tinnen erzählt, die als Gast­ar­bei­te­rinnen in den 60er Jahren nach Deutsch­land kamen erzählt – aus der tempo­rei­chen Perspek­tive der Rapperin Ebow. (So., 11.11., 11:00 Uhr)

Der Eröff­nungs­film Unfair World erzählt im weis­testen Sinne die Geschichte einer gutge­meinten Selbst­justiz. Der Krimi­nal­be­amte Sotiris, der nicht mehr zusehen will, wie die Welt ungerecht ist, beschließt, fortan selbst zu bestimmen, wer als freier (aber nicht unbedingt unschul­diger) Mann gehen darf, und wer in den Knast soll. Eine Krimi­nal­story auf höchstem Niveau, die durchaus auch meta­pho­risch auf den aktuellen Zustand der grie­chi­schen Gesell­schaft verstanden werden kann. (Fr., 09.11., 19:30 Uhr, Carl-Orff-Saal. Der Regisseur ist anwesend. Wieder­ho­lung am Sa., 10.11., 20:00 Uhr, Gasteig)

Beamte und Politiker haben in Grie­chen­land nicht den besten Leumund. Die Wahl als Gesund­heits­mi­nister kann sich so nur als Komödie insz­e­nieren, ist sie ja im wirk­li­chen Leben bereits eine Farce. In Lügner gesucht muss Ferekis allerhand Gefäl­lig­keiten managen, die den Weg zu seiner Wahl pflastern; der flun­kernde Parlas steht ihm dabei zur Seite – bis er über die kurzen Beine seiner Lügen zu stolpern droht. Lügner gesucht (Sa., 10.11., 18:00 Uhr und Mi. 14.11., 20:00 Uhr, Gasteig)

Das ganze Programm findet sich in der Program­müber­sicht, mit ausführ­li­chen Infor­ma­tionen zu allen Filmen.
Die 26 Grie­chi­sche Filmwoche findet statt vom 09.11.-18.11. im Vortrags­saal des Gasteig in München (Eröffnung im Carl-Orff-Saal). Vorstel­lungen tgl. um 18:00 und 20:00 Uhr)

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