14.06.2012

Erst im Fußball gewinnen und dann auch noch gute Filme machen

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Alpeis:
Jetzt ganz festhlaten

Die bleierne Generation: Je mehr das Land in die Pleite schlittert, um so besser werden die Filme und die Fußballer aus Griechenland

Von Rüdiger Suchsland

Lange war unser Bild des modernen Griechenland nicht nur im Kino ziemlich gemütlich: Hollywoodstar Anthony Quinn tanzte als Alexis Sorbas zur Musik von Mikis Theodorakis über die Leinwände, Irene Papas sah gut aus, Melina Mercouri (die auch später mal Kulturministerin einer sozialistischen Regierung war) sang ein »Ein Schiff wird kommen« und spielte in der Komödie Sonntags... nie! ein Straßenmädchen aus Piräus, das für griechische Tragödien schwärmt, und bei Sarikakis' an der Ecke – ersatzweise jeder anderen griechischen Stammkneipe unseres Vertrauens – gab's danach griechischen Wein. Die Deutschen machten billigen Urlaub auf einer griechischen Insel, tankten im Schatten der Akropolis ein wenig Bildung und schauten sich im Winter einen der bleiern symbolistischen Filme von Theos Angelopoulos an, der in den letzten Jahrzehnten quasi den Alleinvertretungsanspruch fürs griechische Kino innehatte.

Dann kam die Staatschuldenkrise, und alles wurde anders: Plötzlich stand das Land für Misswirtschaft und Korruption, waren die Griechen nicht mehr gemütlich, sondern Schuldenmacher und levantinische Faulenzer, die »unser Geld« verprassten. Oder Millionäre, »griechische Reeder«, die es auf Auslandkonten bunkern. Oder Arbeitslose und Studenten, die sich auf den Straßen mit Polizisten prügelten. Oder, neuerdings: Die schlimmsten Neonazis des Kontinents. Und die Bleierne Generation der Euro-Kicker, die zunächst unter Rehakles die schönspielenden Goldenen Generationen der Tschechen und dann der Portugiesen mit ihrem Destructivo-Fußball in den Wahnsinn trieben, und in diesem Jahr den postsowjetschen Panzerkreuzer versenkten, und sich nun anschicken, an Jogis Buben Rache für drei Jahre Merkel-Diktate zu nehmen.

Ausgerechnet in diesen Zeiten entstand im südöstlichsten Land Europas aber noch etwas ganz anderes: Ein neues Kino, sozusagen das Gegenstück zur Krise bildet. Originell, klug, voller Stilwillen, flott und witzig – und immer wieder sehr sehr überraschend. In Filmen wie Attenberg – der vor ein paar Wochen ins Kino kam – und Dogtooth – der bei uns nur auf DVD zu sehen ist – gab es Sex und Spaß, Philosophie und Musik (nicht Sirtaki, sondern Sinatra oder Francoise Hardy), Horror und Politik.

Mit dem elegischen Symbolismus eines Theos Angelopoulos, der Anfang des Jahres verstarb, hat diese neue Welle des griechischen Kinos dezidiert nichts am Hut. Stattdessen will man von der Wirklichkeit erzählen. Etwa in Wasted Youth von Argyris Papadimitropoulos, der die heftigen Straßenkämpfe zwischen studentischer Jugend und Polizei zu Beginn der griechischen Krise wiederspiegelt. Dieser Film geht zurück auf die Episode vom Tod eines Jugendlichen, der durch Polizeikugeln starb. Er erzählt von diesem Jugendlichen und seinem Mörder, der auch nicht besser dran ist, als das Opfer.

Die eigentliche »Greek New Wave« muss man aber noch anders beschreiben. Ihre Filme sind das Gegenteil von sozialrealistisch. Ihre Szenarien sind künstlich und gekünstelt, wie ein im Labor durchexerziertes Experiment: Etwa die Geschichte eine Familie, die die Außenwelt vollkommen ausblendet, und sich ein eigenes Universum schafft, eine Gegenwelt. Auch diese Themenwahl steht für einen bewussten Gegenentwurf: In einem Interview kurz vor seinem Tod sagte Angelopoulos, dass sich das aktuelle griechische Kino zu stark auf die Familie konzentriere.
Dem erwidern die jüngeren Filmemacher, dass in Griechenland auch der griechische Staat nur wie eine große Familie agiere: Man hilft nur den Leuten, die dazugehören. Zugleich sind Familien gewaltbereit und dysfunktional. Unter der Oberfläche geht es daher in vielen Filmen um Familienaufstellungen mit filmischen Mitteln, um Patchworkfamilien.

Dies gilt jedenfalls für die beiden Schlüsselfiguren dieses neuen griechischen Filmwunders: Athina Rachel Tsangari (geboren 1966) und Yorgos Lanthimos (geboren 1973). Alles begann 2004 bei den Olympischen Spielen. Denn die Organisatoren zeigten – warum auch immer? Ob aus Not, Unwissen oder tarsächlicher Kenntnis? – großen Mut zur Radikalität: Der Choreograph Dimitris Papaioannou erhielt die Position eines »Künstlerischen Leiters« für die Eröffnungs-und Abschlusszeremonie. In seinem Team, das die Festakte der Olympischen Spiele in Athen gestaltete, versammelte er begabte junge Avantgardekünstler, unter anderem auch Tsangari und Lanthimos.

»Die Olympischen Spiele 2004 bedeuteten einen historischen Wendepunkt in Griechenland – nicht nur weil die politische Krise mit den Spielen ihren Ausgang nahm, sondern weil man den Mut besaß, eines der größten Medienereignisse der Welt, das Griechenlands Identität als moderne westliche Gesellschaft neu definieren sollte, in die Hände von ein paar Avantgardekünstlern zu legen. Für viele Griechen war es damals immens wichtig, ihr Land auf diese Weise vor den Augen der Welt repräsentiert zu sehen.«
(Athina Rachel Tsangari)

Lanthimos inszenierte nach dem Regiestudium Videos und Werbefilme, auf die Olympiade folgte sein erster Spielfilm Kinetta (2005) und 2009 Dogtooth, der in Cannes preisgekrönt wurde und später für den Oscar für den »besten fremdsprachigen Film« nominiert. Damit war Griechenland auf der Kinolandkarte verankert. Wechselseitig produzieren sie die Filme, bei denen der jeweils andere Regie führt – aus der Not heraus, dass in Griechenland die anderenorts übliche Infrastruktur des Filmemachens nicht existiert.
Tsangaris Film Attenberg ist eine betörende weibliche Selbstfindungsgeschichte mit den Mitteln des Tanztheaters und erzählt von einer jungen Frau, die ihre Jungfräulichkeit in dem Moment verliert, wo ihr Vater stirbt. Zwei Abschiede, zwei Formen von Aufbruch und Erwachsen-werden.
Klaustrophobische Szenarien stehen in Lanthimos' Filmen im Zentrum: Wie in Dogtooth (Kynodontas), in dem es um eine Familie geht, bei der die beiden Eltern ihre drei inzwischen fast erwachsenen Kinder mit Angst, Lügen und absurden Regeln von der Außenwelt isoliert hat. Das Leben jenseits der Grundstücksgrenzen kennen sie nur vom Hörensagen.

In Lanthimos neuem Film Alpen geht es an der Oberfläche um eine Gruppe von Außenseitern, die eine ungewöhnliche Dienstleistung anbieten: Sie versprechen Trauernden, ihren Schmerz zu lindern, indem sie die Stelle der Verstorbenen einnehmen. Sie nennen sich mit Code-Namen »Mont Blanc«, »Matterhorn« und »Monte Rosa« und in fremden Häusern, tragen Kleidung toter Menschen und spielen sogar geliebte Erinnerungen nach. Dabei folgen sie einer Reihe strikter Regeln, allen voran: keine emotionalen oder intime Bindungen eingehen. Doch Regeln sind dafür da, gebrochen zu werden. Alpen ist eine beeindruckende Mischung aus Gesellschaftskritik, Tristesse und absurdem Humor – eine griechische Tragödie des 21. Jahrhunderts.

Es ist nicht so schwer, in diesen surrealen Meisterwerken Parallelen zum Zustand eines Landes zu suchen, das allzulange in seinem eigenen Universum, nach eigenen Regeln gelebt hat und den Blick auf bittere Wahrheiten immer noch vermeidet, das sich in bedrängende, lähmende, völlig willkürliche Rituale flüchtet – oder gleich in ihnen gefangen bleibt.

Das neue griechische Kino ist trotzdem kein Kino der Krise, sondern ein Kino, das der Krise trotzt.